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29.10.2003 | Von:
Silke Reuter

Frankreich: Die vollzeitberufstätige Mutter als Auslaufmodell

Kontinuierliche und vollzeitige Erwerbsintegration von Frauen seit Anfang der sechziger Jahre

In Frankreich hat sich die weibliche Erwerbsbevölkerung seit 1962 erheblich vergrößert. In dreißig Jahren traten mehr als fünf Millionen Frauen zusätzlich in den Arbeitsmarkt ein. Im Gegensatz zu Deutschland nähert sich Frankreich dem skandinavischen Frauenerwerbsmodell an: Frauen stellen fast die Hälfte der Erwerbsbevölkerung. Im Unterschied etwa zu Schweden vollzog sich die Arbeitsmarktintegration von Frauen in Frankreich jedoch seit Beginn der sechziger Jahre in Vollzeittätigkeit. Diese Verbindung von starkem Anstieg der Frauenerwerbsarbeit und der Vollzeittätigkeit ist eine französische Besonderheit.[1] In Frankreich nimmt die Teilzeitarbeit zwar zu, ist aber keinesfalls das dominante Erwerbsmuster von Müttern: In knapp der Hälfte aller Paarhaushalte mit Kindern unter 15 Jahren arbeiten beide Partner Vollzeit, während nur etwa 16 Prozent dem modernisierten Ernährermodell (der Mann arbeitet in Vollzeit, die Frau in Teilzeit) folgen. Die Erwerbsquote der Alleinerziehenden liegt in Frankreich bei 51, die Vollzeitquote bei knapp 35 Prozent. Etwas überraschend scheint es, dass französische Zwei-Eltern-Familien mit Kindern das klassische Ernährermodell - der Mann arbeitet, die Frau ist zu Hause - nicht wesentlich seltener praktizieren (36 Prozent) als deutsche (39,7 Prozent).[2]

Ein weiteres Merkmal ist die kontinuierliche Arbeitsmarktintegration von Frauen im Alter von 25 bis 49 Jahren. Noch in den sechziger Jahren zog sich in Frankreich die Mehrzahl der Frauen in diesem Alter aus der Erwerbstätigkeit zurück. Heute bleibt die überwiegende Mehrheit der Frauen berufstätig, unabhängig davon, ob diese Kinder haben oder nicht, ob sie verheiratet sind oder ledig. In dieser Altersklasse findet man die höchste Erwerbsquote von Frauen. Tabelle 1 zeigt keine großen Differenzen zwischen Deutschland und Frankreich bei den Erwerbsquoten von kinderlosen Frauen, diese treten erst bei der Berücksichtigung von Alter und Kinderzahl hervor. Die Erwerbsquoten von kinderlosen Frauen und Müttern mit ein oder zwei Kindern liegen in Frankreich - anders als in Deutschland - nahe beieinander. Der Schnitt setzt erst beim dritten Kind ein, das heißt für eine kleine Minderheit von Frauen. Seit Anfang der achtziger Jahre lässt sich in Frankreich auch ein deutlicher Anstieg der Erwerbstätigkeit von Müttern mit drei und mehr Kindern feststellen.

Auch wenn diese Zahlen ein eher positives Bild der weiblichen Erwerbsbeteiligung in Frankreich zeichnen, kam es trotz Feminisierung der Erwerbsarbeit, zunehmender Bildungsteilhabe und steigender Bildungserfolge von Frauen sowie der Homogenisierung des weiblichen und männlichen Erwerbsverhaltens nicht zu einem Abbau von beruflichen Unterschieden zwischen Männern und Frauen. In Bezug auf Gehalt und Karriere blieben die traditionellen geschlechtsspezifischen Ungleichheiten erhalten, ebenso wie sich - bis heute - Segregation und Diskriminierung reproduzierten. Vor allem junge Frauen sind bei ihrer beruflichen Eingliederung von diesen Diskriminierungen betroffen. Dies zeigt sich zum Beispiel an den Arbeitslosenzahlen der 15- bis 24-Jährigen: Ende Juni 2000 betrug die Arbeitslosenquote der jungen Männer dieser Altersgruppe 15,4 Prozent, die der jungen Frauen 19,5 Prozent.[3]

Die Besonderheit der französischen Situation besteht in einer vollzeitigen und kontinuierlichen Erwerbsintegration von Frauen, die ein vom männlichen Ernährerlohn unabhängiges Einkommen sichert. Inwieweit dies auch nach Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und Reformen in der Arbeitszeit- und Familienpolitik in den neunziger Jahren zutrifft, wird im Folgenden untersucht.


Fußnoten

1.
Vgl. Margaret Maruani, Travail et emploi des femmes, Paris 2000, S. 8f.
2.
Vgl. Eurostat, Die soziale Lage in der Europäischen Union 2002, Luxemburg 2002.
3.
Vgl. INSEE (Institut National de la Statistique et des Etudes Economiques), France, portrait social. 2000 - 2001, Paris 2000.