>>> Alles zur Bundestagswahl 2017 <<<
APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Totale Vernetzung - totale Verstrickung?


6.10.2003
Allgegenwart und Unsichtbarkeit der neuen Technologien vereinen Assoziationsfelder wie das der totalen Überwachung, undemokratischen Geheimhaltung und reduzierten Wahlmöglichkeiten. Inhalt und Form der Vernetzung müssen gestaltet werden.

Einleitung



Ubiquitous computing, so heißt es, sei die Vision einer unsichtbaren, allgegenwärtigen und umfassend vernetzten Computerwelt.[1] Kleine smarte Alltagsdinge stehen auf dem Programm, die ihren Benutzern wie von Zauberhand das Leben erleichtern sollen. Was zunächst so paradiesisch klingt, könnte sich jedoch schnell als bloßer Exzess des Machbaren erweisen. Immerhin verspricht ubiquitous computing nichts weniger, als alle Dinge auf der Welt elektronisch aufzurüsten und unsichtbar miteinander zu vernetzen. Was aber wäre von einer solchen Welt zu halten?




Um von vornherein Missverständnisse zu vermeiden: Natürlich ist es interessant, dass es winzige smarte Labels gibt, die drahtlos Daten austauschen können. Abgesehen von einigen Sinn-Inseln der Anwendung jedoch, z.B. im medizinischen Bereich oder bei der Unternehmenslogistik, überrascht eine Durchsicht der Forschungsliteratur durch die Vagheit der angebotenen Visionen. Vorsichtig könnte man fragen, warum es gleich die ganze Welt sein muss, wenn erkennbar gute Ideen eher rar gesät sind?

Für eine konstruktive Debatte wäre zu überlegen, ob die Abwesenheit tragfähiger Zukunftsentwürfe nicht auch als Ausdruck eines Problems interpretiert werden könnte. Denkbar wäre etwa, dass die Vision einer total vernetzten Welt von Erwartungen motiviert ist, die nicht vereinbar sind mit dem modernen zweckrationalen Nutzenkalkül. Für eine solche These würden Metaphern und Bilder sprechen, die in den Forschungsprojekten wie semantische Fremdkörper auftauchen: Zauberei, Intuition oder eben auch Allgegenwart und Unsichtbarkeit. Solche Bruchstücke sind problematisch, weil sie dazu führen können, dass das technische Vorhaben nicht in der ursprünglich oder eigentlich gewünschten Weise realisiert wird. Zu bedenken wäre etwa, dass - anders als bei Zauberei - aus moderner Technik nichts herauskommt, was vorher nicht in sie hineingelegt wurde. Stark vereinfacht gesagt: Smart gelabelten Socken entspringen zunächst weder die versprochenen neuen Lebensqualitäten noch die prognostizierten Freiheitsgrade. Wird Technik solchermaßen zum Fetisch stilisiert, sind Enttäuschungen programmiert.

Wie könnte das Leben in einer Welt smarter Alltagsdinge aussehen? Das wird nicht zuletzt von dem Projekt abhängen, das sich am Schluss durchsetzt, und davon, wie dabei Inhalt und Form der Vernetzung und der vernetzten Dinge gestaltet werden. Form und Inhalt aber nehmen bereits Gestalt an, während wir heute darüber reden. Diesem Reden über ubiquitous computing, seinen Metaphern und impliziten Visionen werden die weiteren Ausführungen nachgehen.

Die leitenden Fragen sind sehr einfach: Was ist das für ein Projekt? Was kann man über technische Entwürfe sagen, welche die komplette Vernetzung der Welt planen? Nicht die Dinge selbst also stehen zur Disposition und schon gar nicht ihre Zukunft, sondern wie und was heute über sie geredet wird.



Fußnoten

1.
Vgl. ausführlich Friedemann Mattern, Vom Verschwinden des Computers - Die Vision des Ubiquitous Computing, in: ders. (Hrsg.), Total vernetzt. Szenarien einer informatisierten Welt, Berlin-Heidelberg 2003. Anm. der Red.: vgl. auch den Beitrag von Friedemann Mattern und Marc Langheinrich in diesem Heft.