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Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Felix Schürmann

Rausch und Rebellion im Südatlantik. St. Helena und das Zeitalter der Revolutionen

Putsch und Punsch

Wie in anderen Kolonien, in denen die versklavte Bevölkerung räumlich zerstreut lebte, kam es auf St. Helena nie zu einer größeren Sklavenerhebung. Die ernstere Bedrohung für die Kompanieherrschaft ging von den Soldaten aus, die der Monotonie ihres Alltags bevorzugt mit Arrak begegneten. Nach dem Beginn der englischen Kolonialkriegführung 1688 vergrößerte die Kompanie die hiesige Garnison nach und nach von 105 Männern im Jahr 1706 auf 1.250 im Jahr 1811.[18]

Zu einer ersten Auflehnung aus Reihen des Militärs war es bereits Anfang 1674 gekommen. Durch einen Putsch ersetzte eine Soldatengruppe Gouverneur Richard Keigwin durch den Offizier Curd. Als im April ein Ostindienkonvoi eintraf, fanden die Kapitäne Curd in einem misslichen Zustand vor ("sehr betrunken, konnte kein Wort für sich selbst sagen, heulte bloß wie ein Kind") und hoben Keigwin wieder ins Amt.[19] Den Anlass für die nächste, weit folgenreichere Erhebung bildete im Oktober 1684 eine Verbannungsstrafe für einen Soldaten, der erklärt hatte, er sei Untertan der Krone, nicht der Kompanie. Eine Woche nach der Verhandlung griff eine Gruppe von rund 50 teils betrunkenen Soldaten und Siedlern das Fort an, um den Verurteilten zu befreien und die Regierung zu stürzen. Der Festungssturm zerschellte an der Gegenwehr der Wache. In der Folge verurteilte das Gericht neun Soldaten und 16 Siedler zu Todes-, Haft- und Verbannungsstrafen. Hartnäckige Proteste von Witwen der Exekutierten sollten die Kompanie noch über Jahre beschäftigen – und zeigen, dass die Insel durch die Urteile mitnichten zur Ruhe gekommen war.[20]

Als in dieser Gemengelage um 1690 Nachrichten über die Revolution in England St. Helena erreichten, hatte ein Mangel an Lebensmitteln und Kleidung die Unzufriedenheit potenziert. Zunächst äußerte sich das in einer Zunahme von Fluchtversuchen und Aufstandsgerüchten; auch die Verbrennung eines der Zauberei beschuldigten Sklaven Anfang 1693 lässt sich als Ausdruck verschärfter Spannungen deuten.[21] Als wenig später das Handelsschiff Francis and Mary vor Jamestown ankerte, verschworen sich 15 Soldaten unter Führung des Wachdienstoffiziers Henry Jackson zur gemeinschaftlichen Flucht. Einem minutiös ausgearbeiteten Plan folgend, erschossen sie in der Nacht auf den 22. April Gouverneur Joshua Johnson, besetzten das Fort und riegelten mit einem Dutzend spontan gewonnener Unterstützer die Stadt ab. Mit gefälschten Befehlen lockten sie leitende Kompaniebedienstete zum Fort und sperrten sie – als demütigende Geste, wie man annehmen darf – in den Sklavenkerker. Nachdem sie den Geldbestand geplündert und alle Kanonen vernagelt hatten, die ihnen hätten gefährlich werden können, kaperten sie das Schiff und segelten ins Morgenlicht. Vier der Meuterer befanden sich da noch an Land; das Gericht verurteilte sie zum Tod durch den Strang.[22]

Befeuert durch weitere Fälle von Gehorsamsverweigerung griff infolge der Jackson-Verschwörung eine Revolutionsangst in der Führungselite von St. Helena um sich. Ohne diesen Umstand ließe sich ihre heftige Reaktion auf ein Gerücht vom November 1694 wohl nicht erklären. Einer unverbürgten Beschuldigung der Sklavin Annah zufolge plante eine Gruppe von Sklaven, ihre Herren zu töten, das Fort zu besetzen und nach dem Vorbild der Meuterer um Jackson ein Schiff zu kapern. Noch in der Nacht, in der Gouverneur Richard Kelinge – der Nachfolger des bedauernswerten Johnson – davon erfuhr, ließ er alle Sklaven der Insel im Fort inhaftieren. Elf verängstigte, als Hauptverschwörer beschuldigte Männer madagassischer Herkunft gestanden vor einer eilends gebildeten Siedlerjury rundheraus alles, was man ihnen vorwarf, und wurden zum Tode verurteilt. Als Anführer bekannte sich der Sklave Jack. Zu seinen Plänen sei er durch Nachrichten über Sklavenerhebungen in anderen Weltteilen animiert worden, so bekundete er – und nahm dabei womöglich Bezug auf den Aufstand auf Jamaika von 1673.[23]

Die in dieser Aussage aufscheinenden Bezüge zu Unruhen in anderen Weltteilen verdienen nähere Beachtung. Denn obwohl die Kolonialmächte genau das zu verhindern suchten, verbreiteten sich Nachrichten über Aufstände im Zeitalter der Revolutionen rasch bis in den entlegensten Winkel der atlantischen Welt. Dafür entscheidend war oft die mündliche Übermittlung von Wissen und Informationen durch subalterne, oft hoch mobile Akteure insbesondere in Hafenräumen.[24] Auf St. Helena bildeten die Punschhäuser von Jamestown den Nukleus dieser Kommunikation. In jenen Gaststätten mischte man Arrak oder auch Rum mit Wein, Zucker und Früchten zu hochprozentigen Punschen.[25] Hier kamen Seeleute auf Landgang, Garnisons- und Marinesoldaten wie auch Prostituierte und Siedler ins Gespräch.

Lange erachteten die Obrigkeiten die Punschkultur als förderungswürdig und verfügten Preisobergrenzen für Punsch, um Verteuerungstendenzen entgegenzuwirken. Schank- und Weiterverkaufslizenzen, wie sie die Regierung von den punchmen verlangte, dienten der Generierung von Einnahmen, nicht der Regulierung von Konsum. "Seltsamerweise hat in letzter Zeit exzessives Trinken von Arrak unter all den Leuten um sich gegriffen", wunderte sich 1713 die Kompaniedirektion in London. Ihr gegenüber rechtfertigte sich Gouverneur Pyke vier Jahre später, in Anbetracht der klimatischen Bedingungen sei der Konsum starker Alkoholika auf St. Helena unausbleiblich und auch durchaus ratsam.[26]

Als Pyke diese Aussage traf, hatte die lange schon hohe Mortalität auf der Insel die exorbitante Rate von jährlich zehn Prozent erreicht. Einen Zusammenhang von Sterblichkeit und Trinkverhalten gestand die Regierung zwar ein – begründete ihn aber mit der schlechten Qualität des Trinkwassers.[27] Triftigere Hinweise zur Erklärung der enormen Sterblichkeit finden sich in den Aufzeichnungen über die Gerichtsverhandlungen jener Jahre, in denen sich die exzessive Trinkkultur von St. Helena beständig offenbart. In einer Verhandlung von 1723 etwa bekundete der Beschuldigte, täglich zwei bis dreieinhalb Liter hochprozentige Spirituosen zu trinken.[28]

Eine alkoholbedingt hohe Sterbe- und Krankheitsrate wie auch Gehorsamsverweigerung, Sexualdelikte und Gewaltverbrechen im Zusammenhang mit Alkoholexzessen beschäftigten die Obrigkeiten in den nachfolgenden Dekaden beharrlich.[29] Ein neuerlicher Umsturzversuch ereignete sich allerdings erst im Nachklang der Amerikanischen Revolution – und folgte nicht zufällig auf einen Wandel der Alkoholpolitik der Regierung. Nach Fällen von Befehlsverweigerung und Desertion, Gerüchten um eine Sklavenverschwörung und Spekulationen über bevorstehende Ausschreitungen von Seeleuten und Soldaten untersagte Gouverneur Daniel Corneille Militärangehörigen 1783 den Zutritt zu den Punschhäusern. Alkoholische Getränke sollten Soldaten fortan allein in der kontrollierten Umgebung der Garnisonskantine erstehen dürfen – nur zu bestimmten Zeiten, in begrenzten Tagesrationen, ohne Räume für Trinkgelage.[30] Über Weihnachten protestierten Soldaten gegen die Regelung, Corneille blieb unnachgiebig.

Am 27. Dezember versuchten 200 betrunkene Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten, sich der Geschützbatterie oberhalb von Jamestown zu bemächtigen – sie hätte ihnen zur Kontrolle über die gesamte Stadt verholfen. Durch Zugeständnisse gelang es Corneille zunächst, die Männer zum Rückzug zu bewegen. Doch obwohl den Soldaten am 29. Dezember der Zugang zu den Punschhäusern wieder erlaubt wurde, unternahm die meuternde Gruppe am selben Tag einen weiteren Versuch, gewaltsam eine Kanonenstellung zu besetzen – diesmal die des Alarmhauses im Südosten von Jamestown. Um die Stellung entbrannte ein nächtliches Gefecht, das loyale Truppenteile für sich entscheiden konnten. Von den 99 Todesurteilen, die das Gericht in der Folge verhängte, wurden letztlich nur zehn vollstreckt. Corneille, der seine restriktive Linie nicht hatte durchsetzen können, verließ die Insel.[31]

Zur Ruhe kam St. Helena nach der Weihnachtsmeuterei von 1783 nicht. Zu einer weiteren Rebellion sollte es jedoch erst 1811 kommen, als die Regierung nach langer Untätigkeit erneut gegen den exzessiven Alkoholkonsum vorging – motiviert durch einen weiterhin exorbitant hohen Stand alkoholbedingter Krankheits- und Todesfälle im Militär. Gouverneur Alexander Beatson verbot die Einfuhr von Rum, verteuerte weitere Alkoholika durch Handelsbeschränkungen, entzog Spirituosengeschäften die Lizenz und rationierte die Abgabe von Wein und Bier an Soldaten.

Das Zusammenfallen dieser Maßnahmen mit einem akuten Mangel an Brot und Reis war ihrer Popularität nicht eben förderlich: Am 22. Dezember prangte die von Unbekannten aufgemalte Botschaft "A hot dinner and a bloody supper" an der Kirche von Jamestown. In der Nacht auf Heiligabend machten sich 250 Soldaten des Infanteriekorps auf den Weg zur Sommerresidenz Beatsons, um ihn von der Insel zu jagen. Alarmiert durch vorausgegangene Warnungen hatte der Gouverneur allerdings 130 schwer bewaffnete Milizionäre im Haus und seiner Umgebung stationiert. Als die Meuterer bei Tagesanbruch deren überlegener Position gewahr wurden, gaben sie rasch auf. Gegen mutmaßliche Rädelsführer verhängte das Gericht zwölf Todesurteile, von denen sechs noch am ersten Weihnachtstag vollstreckt wurden.[32]

Fußnoten

18.
Vgl. Hudson R. Janisch, Extracts from the St. Helena Records, St. Helena 1885, S. 217; Royle (Anm. 7), S. 176.
19.
Vgl. Royle (Anm. 7), S. 113f. Englisches Originalzitat: "Very drunk could not say a word for himself but cryed like a child."
20.
Vgl. ebd., S. 114–122, S. 186; Janisch (Anm. 18), S. 89.
21.
Vgl. ebd., S. 51–53.
22.
Vgl. Gosse (Anm. 4), S. 105–108; Royle (Anm. 7), S. 122–125; St. Helena Government Archives (nachfolgend SHA), St. Helena Records 1693–1696, S. 1–9, S. 22–35.
23.
Vgl. Gosse (Anm. 4), S. 108f.; Janisch (Anm. 18), S. 59–61; Royle (Anm. 7), S. 97–99; SHA St. Helena Records 1693–1696, S. 237–260.
24.
Vgl. Peter Linebaugh/Marcus Rediker, The Many-Headed Hydra, Boston 2000; Julius S. Scott, A Common Wind: Afro-American Organization in the Revolution against Slavery, London–New York 2018, i.E.
25.
Vgl. etwa Gosse (Anm. 4), S. 120.
26.
Vgl. ebd., S. 134f.; Janisch (Anm. 18), S. 37, S. 117, S. 120f., S. 144f. Englisches Originalzitat: "Excessive drinking of Arrack has grown upon all the people strangely of late."
27.
Vgl. Janisch (Anm. 18), S. 134.
28.
Vgl. ebd., S. 152, S. 167.
29.
Vgl. Gosse (Anm. 4), S. 196; Janisch (Anm. 18), S. 113, S. 152, S. 233.
30.
Vgl. SHA Letters to England 1785–1789, 20.01. und 3.7.1786.
31.
Vgl. Gosse (Anm. 4), S. 206–210; Janisch (Anm. 18), S. 202f.
32.
Vgl. Gosse (Anm. 4), S. 247–254; SHA St. Helena Records 1811–1812, 23.12. und 30.12.1811, 4.1.1812.
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