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Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Felix Schürmann

Rausch und Rebellion im Südatlantik. St. Helena und das Zeitalter der Revolutionen

Mentalitäten des Grenzraums

Der auf St. Helena beobachtbare Konnex zwischen einer kolonialen Grenzraumkonstellation, einer alkoholexzessiven Alltagskultur und einer vergleichsweise hohen Bereitschaft zu Gehorsamsverweigerung und Insurrektion verdient eine eingehendere Betrachtung, als sie an dieser Stelle geleistet werden kann. Die Bedeutung von Alkohol und anderen rauscherzeugenden Substanzen in Kolonialimperien ist bislang vor allem hinsichtlich der Produktion, Verbreitung und insbesondere der politischen Regulation untersucht worden.[33] In ihren kultur-, mentalitäts- und gerade auch emotionsgeschichtlichen Dimensionen ist die Verbindung, die Rausch und Rebellion im Zeitalter der Revolutionen in vielen Teilen der atlantischen Welt eingingen, indes erst in Ansätzen beforscht. [34] Diese Verbindung zu verstehen erfordert meines Erachtens einen erweiterten Begriff von Rausch, der Überschreitungsmomente im Befinden, Erfahren und Handeln historischer Akteure nicht allein im Zusammenhang von Substanzgebrauch zu erkennen sucht. So kennt die Forschung zur Geschichte siedlerkolonialer Frontier-Gesellschaften etwa in Südafrika und Australien auch erschütternde Phänomene kollektiven Gewaltrauschs, die in vergleichender Zusammenschau die Annahme bekräftigen, dass Grenzräume kolonialer Herrschaft spezifische Dispositionen für Grenzüberschreitungen hervorbrachten.[35]

In diesen Zusammenhängen betrachtet, verweisen die Vorgänge auf St. Helena auf die im Kern schon vom US-Historiker Frederick Jackson Turner aufgeworfene Frage, inwiefern Grenzräume distinktive Mentalitäten und Subjektivitäten herauszubilden vermochten.[36] Eine überzeugende Antwort darauf bedürfte freilich einer imperienübergreifenden Perspektive, die Rauschkulturen in zeitlich und weltregional verschiedenen Grenzraumkonstellationen in den Blick nimmt. Für ein solches Unterfangen kann sich ein insularer Kleinraum wie der von St. Helena, in dem sich in Anbetracht seines mikrokosmischen und laboratorischen Charakters zentrale Aspekte von Imperialität verdichtet studieren lassen, als tragfähiger Baustein erweisen.

Fußnoten

33.
Vgl. u.a. James H. Mills/Patricia Barton (Hrsg.), Drugs and Empires, Basingstoke 2007; Jessica R. Pliley/Robert Kramm/Harald Fischer-Tiné (Hrsg), Global Anti-Vice Activism, 1890–1950, Cambridge 2016.
34.
Vgl. u.a. Noelle Plack, Drinking and Rebelling: Wine, Taxes and Popular Agency in Revolutionary Paris, 1789–1791, in: French Historical Studies 3/2016, S. 599–622; Frederick H. Smith, Caribbean Rum, Gainesville 2005.
35.
Vgl. zuletzt Ulrike Jureit (Hrsg.), Umkämpfte Räume, Göttingen 2016.
36.
Vgl. Frederick Jackson Turner, The Frontier in American History, Madison 1894.
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