Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Hendrik Schopmans

Kampf der Narrative. Inseln im Fokus geopolitischer Konflikte

Der Entdecker Charles Francis Hall befand sich auf einer Expedition zum Nordpol, als er 1871 eine karge Insel im Kennedy-Kanal zwischen Grönland und Kanada erblickte. Hätte Hall seinerzeit geahnt, welch skurriles Schauspiel sich eines Tages um den unbewohnten Felsen abspielen würde, hätte er ihm vielleicht mehr Beachtung geschenkt; so entschied er jedoch lediglich, die bis dato unkartierte Insel nach seinem Expeditionsführer, einem Inuk namens Hans Hendrik, zu benennen, und setzte seine Reise fort. Ein Jahrhundert lang geriet die Hans-Insel daraufhin in Vergessenheit – bis Kanada und Dänemark in den frühen 1970er Jahren beschlossen, den Verlauf der kanadisch-grönländischen Seegrenze auszuhandeln. Als man im Zuge der Verhandlungen auf Karten den winzigen Punkt mit der Bezeichnung Hans-Insel entdeckte, erklärten beide Seiten umgehend ihren Souveränitätsanspruch auf die gerade einmal 1,3 Quadratkilometer große Insel. Entsprechende Rechtfertigungen waren schnell gefunden: Laut Kanada hatte das Vereinigte Königreich die Insel gemeinsam mit seinen anderen arktischen Territorien 1880 an Kanada abgetreten. Dänemark hingegen erklärte, dass die Insel schon seit Jahrhunderten von grönländischen Inuit genutzt und von ihrem Namensgeber Hans Hendrik selbst entdeckt worden sei.[1]

Da zum Abschluss der Verhandlungen 1973 keine Einigung über den Status der Hans-Insel erzielt werden konnte, verständigte man sich darauf, die Souveränitätsfrage zu einem späteren Zeitpunkt beizulegen. Doch das Interesse an der entlegenen Insel war entfacht und in den darauffolgenden Jahren wurde sie zu einem beliebten Anlaufpunkt dänischer und kanadischer Expeditionen. So auch 1984, als der dänische Minister für Grönland-Angelegenheiten, Tom Høyem, die Insel besuchte und neben der Nationalflagge eine Flasche dänischen Schnaps hinterließ. Aus Høyems eigentümlicher Geste entwickelte sich ein Ritual: Bei Besuchen der Insel nahmen Neuankömmlinge die vorhandene Flagge ab, hissten die eigene, und stellten eine Flasche kanadischen Whisky oder dänischen Aquavit für den nächsten Besucher dazu. Abgesehen von sporadischen diplomatischen Protesten ist der Territorialkonflikt bis heute friedlich verlaufen – und bleibt dennoch ungelöst.

Obgleich der Streit um die Hans-Insel in seiner Absurdität einzigartig sein mag, so ist er gleichzeitig repräsentativ für ein geopolitisches Phänomen, das sich in Meeresgebieten auf der ganzen Welt beobachten lässt: Staaten befinden sich zunehmend im Wettstreit um den Souveränitätsstatus von kleinen, oftmals unbewohnten Inseln. Wie Chinas Konflikt mit seinen Nachbarstaaten im Südchinesischen Meer, der Streit zwischen dem Vereinigten Königreich und Argentinien um die Falklandinseln im Südwestatlantik oder der iranisch-arabische Disput um drei Inseln im Persischen Golf zeigen, beschränken sich dabei jedoch nur wenige der Rivalen auf den höflichen Austausch von Fahnen und Schnapsflaschen. Stattdessen sind viele der Konflikte von militärischen Machtdemonstrationen, nationalistisch getränkten Kampfansagen und sogar gewaltsamen Auseinandersetzungen geprägt. Das hohe Eskalationspotenzial wirft zwei Fragen auf: Welche Interessen liegen den Territorialansprüchen zugrunde? Und warum zeigen sich Staaten selbst bei unbewohnten Felsgruppierungen bereit, militärische Konfrontationen zu riskieren?

Fußnoten

1.
Vgl. Christopher Stevenson, Hans Off!: The Struggle for Hans Island and the Potential Ramifications for International Border Dispute Resolution, in: Boston College International and Comparative Law Review 1/2007, S. 263–275.
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Autor: Hendrik Schopmans für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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