Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Wolf Dieter Otto

"Insularisches Denken" und das Problem der Kulturbegegnung. Eine xenologische Skizze

Das Konzept der Insel nimmt in unserem Alltagsbewusstsein und in unserer Alltagssprache einen erstaunlich großen Platz ein, sei es in der spielerischen Frage, was man gerne auf eine einsame Insel mitnehmen würde, sei es im Ausdruck, "reif für die Insel" zu sein, womit ein Leiden an den Lebensumständen ausgedrückt wird und die Suche nach einer heilenden Kompensation dafür. Das Motiv ist Teil der kulturellen und literarischen Sozialisation. Als Beleg mag der berühmte Roman "Robinson Crusoe" (1719) von Daniel Defoe und die lange Reihe verwandter Robinsonaden gelten. Das Motiv ist jedoch bereits in der antiken Dichtung Homers zu finden und kann als Bestandteil der Weltliteratur angesehen werden.[1] Die über Generationen erfolgreiche Rezeption des Jugendbuchklassikers und seiner "Brüder" signalisiert, dass die Thematik ein mentales Bedürfnis der Rezipienten stillt: Wie kaum ein anderer Schauplatz eignet sich die Insel, um über das Verhältnis von Individuum, Gesellschaft und Kultur nachzudenken.

Seit der Zeit der europäischen Expansion und der Begegnung mit Menschen anderer, "fremder" Kulturen verstärkt sich zudem das kulturkritische Motiv, den Zustand der "eigenen" Kultur (auch) aus der Perspektive des Fremden in Augenschein zu nehmen.[2] An dieser Stelle entsteht in Ansätzen ein gleichberechtigte Dialog der Kulturen oder – bei entgegengesetzten Schlussfolgerungen – eine abgrenzende Hierarchisierung von Kulturen durch Dominanz.

In dieser Skizze steht die Insel als kulturelle Metapher im Mittelpunkt. Sie steht dabei für das jeweils "Eigene", der Kontinent für das "Fremde", von außen Eindringende. Als Konzept betrachtet, stellt sie ein vielfältiges Verhaltensrepertoire für zwischenmenschliche Begegnungssituationen mit Menschen vom (metaphorischen) Kontinent bereit. "Insularisches Denken" ist dennoch widersprüchlich und ambivalent, weil es sich abgrenzt vom "kontinentalen Denken", aber gleichzeitig die kulturellen oder historischen Gemeinsamkeiten ebenso verleugnet wie Perioden des Austauschs und der Wechselwirkung mit dem Kontinent und dem kontinentalen Denken. Das Denkmuster der Insel – neben dem Prinzip der Abgrenzung geprägt von Dichotomisierungen, während das kontinentale Denken von der Suche nach Austausch und Dialog geprägt ist – soll im Folgenden mit Rückgriff auf literarische und essayistische Texte verdeutlicht werden. In einem weiteren Schritt geht es um eine Kritik an dem diesem Denken innewohnenden Kulturbegriff und seine auf kulturelle und soziologische Abgrenzung zielende Metaphorik.

Die Skizze ist deshalb xenologisch akzentuiert, denn sie thematisiert zentral die Frage nach dem Umgang mit dem "Fremden".[3] Das widersprüchliche Ergänzungs- beziehungsweise Abgrenzungsverhältnis beider Konzepte ist grundsätzlich keine neue Erkenntnis, dennoch wurde und wird es zu unterschiedlichen Zeiten immer wieder als neu diskutiert. John Donnes (1572–1631) berühmte und immer wieder zitierte Aussage "No man is an island, entire of itself; every man is a piece of the continent, a part of the main" bringt das hervorragend zum Ausdruck, während die Schlussfolgerungen, so lässt sich angesichts gegenwärtiger Probleme des Umgangs mit dem Fremden vermuten, nur in geringem Umfang bei den Menschen angekommen sind.[4]

Fußnoten

1.
Für einen Überblick siehe die Stichwörter "Insel" und "Robinson" in: Horst S. Daemmrich/Ingrid G. Daemmrich (Hrsg.), Themen und Motive in der Literatur, Tübingen–Basel 19952.
2.
Für kulturkritische Texte dieser Art siehe die Textsammlung von Gerd Stein (Hrsg.), Ethnoliterarische Lesebücher, 3 Bde., Frankfurt/M. 1984.
3.
Xenologie ist die Bezeichnung für eine interdisziplinär und interkulturell ausgerichtete Fremdheitsforschung. Sie ist in Deutschland im Kontext der Fremdsprachenphilologien und der auslandsbezogenen Germanistik entstanden. Vgl. das Stichwort "Xenologie" in: Ansgar Nünning (Hrsg.), Metzler Lexikon Literatur und Kulturtheorie, Stuttgart 1998, S. 576f.
4.
John Donne, Meditation XVII, zit. nach http://www.online-literature.com/donne/409«. Donnes Aussage steht im Kontext des englischen Verfassungsdiskurses des 17. und 18. Jahrhunderts, in der ein "insularischer" von einem "kontinentalen" Diskurs unterschieden werden kann. Vgl. Hans-Christof Kraus, Englische Verfassung und politisches Denken im Ancien Régime: 1689 bis 1789, München 2006.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Wolf Dieter Otto für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.