Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Jan-Martin Zollitsch

Guam als Archipel? Einführung in die Island Studies

Die Insel ist vielleicht die klassische Denkfigur der Neuzeit. Bereits in Antike und Mittelalter hatte sie Vorstellungen beflügelt, nun aber hörte die Insel auf, kulturübergreifend ein mehr zeitlos-sagenhaftes "Traumland" zu sein, und konkurrierte fortan als (entworfener) "Erfahrungsraum": "Die Insel" wurde zu einer Standardeinheit, die die Ausführung des männlich-europäischen Projekts "Ich-Land" strukturierte. Diese markante Wortbildung kann zurückgeführt werden auf "No Man is an Iland" ("Kein Mensch ist eine Insel"), dem in seiner Originalschreibweise von 1623 (ohne "s") noch eindringlicheren Vers des Londoner Dichters John Donne.[1] Mit ihm lässt sich das Paradigma praktisch-humanistischer Selbstbehauptung und -optimierung, das später in so wirkmächtigen Inselparabeln wie Daniel Defoes Roman "Robinson Crusoe" von 1719 zum Ausdruck kam, treffend auf den Punkt bringen.

Auch eine weitere Begriffsschöpfung basiert auf einem Inselentwurf: Das Buch "Utopia" des Londoner Humanisten Thomas Morus hatte 1516 das anschauliche Bild einer idealen Gesellschaft entfaltet und nicht nur den fiktiven Inselstaat gleichen Namens, sondern gleich ein ganzes Genre modelliert. Ein Jahrhundert später orientierte sich der Londoner Wissenschaftsphilosoph Francis Bacon am vielleicht bekanntesten "Nicht-Ort" – so die wörtliche Bedeutung des Kunstworts "Utopie" – der Antike: In der Erzählung "Nova Atlantis" ("Neu-Atlantis") präsentierte er 1627 seine Vision eines modernen Wissenschaftsbetriebs am Beispiel einer insularen "Denkfabrik" im Pazifik, an den neuen Rändern der bekannten Welt.

Ferne Inselutopien wie diese waren Variationen über die eintreffenden Nachrichten kolonialer Landnahmen und geglückter missionarischer Landgänge. Sie weiteten und festigten den globalen Selbstentwurf einer europäischen Vorstellungswelt gleichermaßen. War Odysseus, seefahrender Held aus der griechischen Mythologie, noch nach Ithaka zu Penelope, an Heim und Herd, zurückgekehrt, so endete Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens barocker Schelmenroman "Simplicissimus" von 1668 auf einer einsamen Insel im Indischen Ozean mit der zeichenhaften Aneignung derselben durch den Logos (in seiner mehrfachen Bedeutung als "Wort" und "Verstand"): Den lokalen Pflanzenbestand flächendeckend mit frommen Versen und Lebensbildern verzierend, schuf sich die weitgereiste Titelfigur hier ein begehbares botanisches Archiv des Wissens und Erinnerns, ein "Schriftparadies".[2]

Die Realität war indes oft weniger poetisch und die Inseln auch nicht "leer": Als der spanische Jesuit Diego Luis de Sanvitores im selben Jahr als Anführer einer Gruppe von Missionaren, Soldaten und Helfern an der Küste der Pazifikinsel Guam anlandete – eine sprachkundige Vorhut hatte das Terrain zuvor sondiert und Kontakte angebahnt –, bestand seine erste Amtshandlung darin, ein Kreuz in den feuchten Sand zu rammen und vor den Augen der interessierten Lokalbevölkerung eine Messe zu feiern.[3] Das Eiland und seine Bewohner*innen wurden so für "Gott" und "Spanien" in Besitz genommen; im Vergleich zu Grimmelshausen mit einer deutlich evidenteren Symbolik. Die damit einsetzende koloniale Eroberung Guams entsprang, obgleich vom spanischen Königshaus unterstützt, originär dem persönlichen Missionsprojekt eines Einzelnen: In Sanvitores’ "Ich-Land"-Entwurf, der Gestalt angenommen hatte, nachdem er die Region 1662 auf der Überfahrt von Mexiko nach Manila passiert hatte, stellte die Insel einen eschatologisch aufgeladenen Zwischenort dar, eine Schwelle zwischen Diesseits und Paradies.[4] Als diese individuelle Variante insularer Sinnstiftung 1672 mit dem Märtyrertod des Missionars einen frühen Abschluss fand, war das Territorium bereits so weit in das imperiale Projekt "Neuspanien" (ein von Mexiko-Stadt aus regiertes spanisches Verwaltungsgebiet) eingegangen, dass die Inselgruppe der Marianen sukzessive unter Aufwendung zusätzlicher militärischer und missionarischer Ressourcen unterworfen und reorganisiert wurde. Bis 1898, als die Insel in US-amerikanischen Besitz überging, blieb Guam so Teil des spanischen Kolonialreichs.

Fußnoten

1.
John Donne, Devotions Upon Emergent Occasions, hrsg. u. kommentiert von Anthony Raspa, New York–Oxford 1987, S. 87.
2.
Marcel Krings, Im Wald der Schrift. Poetologische Botanik in Grimmelshausens Simplicissimus, in: Euphorion 4/2017, S. 445–460, hier S. 460.
3.
Vgl. Alexandre Coello de la Rosa, Jesuits at the Margins. Missions and Missionaries in the Marianas (1668–1769), New York–Abingdon 2016, S. 32; Robert F. Rogers, Destiny’s Landfall. A History of Guam, Honolulu 1995, S. 58–73.
4.
Vgl. Ronald Stade, Pacific Passages. World Culture and Local Politics in Guam, Stockholm 1998, S. 10.
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Autor: Jan-Martin Zollitsch für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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