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Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Oliver Rathkolb

Der lange Schatten der 8er Jahre. Kritische Geschichtsbetrachtung und Demokratiebewusstsein - Essay

12. November 1918 – ein umstrittener Nationalfeiertag

Nicht nur 1848, sondern auch 1918 war in der Ersten Republik ein umkämpfter, "ungeliebter" Erinnerungsort, obwohl der 12. November 1918 als Tag der Ausrufung der Republik "Deutsch-Österreich" zum Staatsfeiertag erklärt worden war. Während Otto Bauer, die prägende Führungspersönlichkeit der Sozialdemokraten der Zwischenkriegszeit, diesen Tag als Symbol für eine "demokratisch-nationale" Revolution bezeichnete,[5] wandten sich die bürgerlichen Kräfte gerade gegen diese Deutung. Immer wieder kam es später zu gewalttägigen Auseinandersetzungen an diesem Jahrestag – in den frühen 1930er Jahren auch zwischen Sozialdemokraten und Nationalsozialisten.

Bestenfalls gibt es heute vage visuelle Erinnerungen an das Foto von diesem Ereignis,[6] mit dem Transparent "Hoch lebe die sozialistische Republik" vor dem Haupteingang des Parlaments und der Figur der Pallas Athene. Nur im Filmdokument werden die zerstückelten ehemals rot-weiß-roten Fahnen, aus der der weiße Mittelteil herausgetrennt worden war, sichtbar:[7] Rote Garden wollten offensichtlich symbolisch den Beginn des Sozialismus und einer Revolution markieren. Bald nachdem diese Fahnen aufgezogen wurden, fielen Schüsse Richtung Parlament: Der sozialdemokratische Schriftsteller Ludwig Brügel wurde von einer Kugel getroffen und verlor ein Auge, 30 Menschen wurden verletzt, zwei angeblich getötet. Trotz der folgenden Massenpanik am Ring blieb die angesagte Revolution aus, nur die Redaktionsräume der "Neuen Freien Presse" wurden kurzzeitig besetzt.

Geblieben sind von diesem Tag jedoch die prägenden "Geburtsfehler" für eine funktionierende demokratische politische Kultur in der Ersten Republik: die Identitätsfrage, die Tendenz, Politik mit Gewalt durchzusetzen, die ausgrenzende Versäulung der großen politischen Massenparteien aus der Zeit der Monarchie, der Christlichsozialen und der Sozialdemokraten, mit größtenteils völlig konträren Lebens- und Politikentwürfen sowie die katastrophale wirtschaftliche Lage als Folge der Auflösung des Österreichisch-Ungarischen Staates und des Krieges.

Während heute das Nationalbewusstsein der ÖsterreicherInnen im internationalen Vergleich bereits als "Hyperpatriotismus" bezeichnet werden kann[8] und im europäischen Kontext ziemliche Probleme bereitet, blieb die Identitätsfrage, die schon die Monarchie geplagt hatte, nach 1918 ungelöst – selbst nach dem Verbot eines Anschlusses an Deutschland der Alliierten dominierten darauf bezogene Ideen zumindest bis zur Machtübernahme Hitlers 1933.

Diese Vorstellungen waren auch im katholischen Kulturdeutschnationalismus des ursprünglich antinazistischen, klerikal orientierten Regimes von Engelbert Dollfuß und seinem Nachfolger Kurt Schuschnigg am Rande Wegweiser für den "Anschluss" 1938. Der autoritär, ohne Parlament agierende Schuschnigg brachte die Folgen dieser Identitätsverwirrung der ÖsterreicherInnen in seiner Kapitulationsrede mit dem Verzicht auf militärischen Widerstand auf den Punkt: "weil wir um keinen Preis, auch in diesen ernsten Stunden nicht, deutsches Blut zu vergießen gesonnen sind".

Der Nationalfeiertag der Ersten Republik, der 12. November 1918, galt als umstrittener Feiertag, wie Aufmärsche paramilitärischer Organisationen der großen Parteien und Pressepolemiken am zehnten Jahrestag 1928 untermauerten. Daran konnte selbst die Grundsteinlegung für das Wiener Praterstadion anlässlich des Republikjubiläums nichts ändern. Das von dem sozialdemokratischen Gesundheitsstadtrat und Universitätsprofessor für Anatomie, Julius Tandler, initiierte Republikdenkmal beim Parlament zeigte nur die sozialdemokratischen Politiker Victor Adler, Jakob Reumann und Ferdinand Hanusch.

Trotz dieser Gegensätze und der sozialen und ökonomischen Krise war es aber zumindest in den ersten Jahren nach 1918 gelungen, nach dem Zerfall der Monarchie in neue Nationalstaaten in einer Konzentrationsregierung beziehungsweise Großen Koalition bis Oktober 1920 unter der Führung des sozialdemokratischen Staatskanzlers Karl Renner, den formalen Rahmen sowohl für Wahlen als auch sozialpolitische Gesetze über den Acht-Stundentag, die Kinderarbeit und die Heimarbeit in der Nationalversammlung zu erarbeiten. Im Zentrum standen auch das allgemeine Frauenwahlrecht und die österreichische Verfassung 1920 als die großen Erfolge dieser kurzen Nachkriegsallianz. Diese erfolgreiche erste Große Koalition blieb in der Erinnerungspolitik der Zweiten Republik ausgeklammert, die maßgeblich von Großer Koalition und Sozialpartnerschaft geprägt werden sollte.

Heute, 100 Jahre später stellt kaum jemand mehr den demokratischen und republikanischen Weg Österreichs nach 1918 infrage. Gleichzeitig wird der brutale Erste Weltkrieg, den die Eliten der Habsburger Monarchie – unterstützt vom preußischen Imperialismus – vom Zaun gebrochen haben, und der die europäische Gesellschaft radikal verändert hat, in Österreich kaum mehr bewusst erinnert – obwohl seine Folgen bis heute wirksam sind.

Dabei könnte 1918 für Europa ein neuer gemeinsamer Reflexionspunkt im Sinne transnationaler Erfahrungen und Prägungen werden. Vor dem Hintergrund der europäischen Integration sind Fragen wie Migration und Integration im Habsburgerreich, aber auch der Nationalitätenkonflikt und die Gründung der Nachfolgestaaten sowie die Erosion der jungen demokratischen Strukturen höchst relevante Geschichtsthemen. Diese könnten durchaus die vorherrschende nationalstaatliche Abgrenzung und Ausgrenzung der Nachbarstaaten aus dem österreichischen Geschichtskanon nach 1918 auflösen.

Was aber ist von 1918 und der Zeit danach im Gedächtnis geblieben? In einer Studie von 2007 zeigte sich beispielsweise, dass jener Kanzler, der 1933 das Parlament nach einer Geschäftsordnungskrise auflöste und im Juli 1934 von österreichischen Nationalsozialisten bei einem Putschversuch ermordet wurde, nur mehr von etwas mehr als 40 Prozent der befragten Personen historisch bewertet werden konnte. Der Aussage "Bundeskanzler Dollfuß verdient große Bewunderung" stimmten 24,6 Prozent zu, 40,3 Prozent gaben keine Antwort, 36,6 Prozent lehnten diese Feststellung ab.[9] Hinsichtlich der Nachfrage, ob Bundeskanzler Dollfuß die Demokratie zerstört habe, antworteten 19,1 Prozent mit Ja und 19,6 Prozent mit Nein, 47,7 Prozent hatten keine Meinung.

Wie stark die Erinnerung an 1918 an die jeweilige Geschichtspolitik angebunden ist, zeigt sich an den Ergebnissen derselben Umfrage, bei der 80 Prozent der befragten Ungarn den Friedensvertrag von Trianon als die größte nationale Tragödie bezeichneten.[10] Dieses Leidensnarrativ wird durch die Erinnerung an die blutig niedergeschlagene Revolution von 1956, aber auch eine sehr negative Einschätzung der sozialen und ökonomischen Entwicklungen nach 1989 und das Ende des Kalten Krieges verstärkt. In Tschechien und Polen hingegen wird 1989 wesentlich positiver erinnert.[11]

Fußnoten

5.
Otto Bauer, Die österreichische Revolution, Wien 1923, S. 101f.
6.
Siehe http://www.oesterreich100.at/1918.html«.
7.
Siehe http://stadtfilm-wien.at/film/191«.
8.
Vgl. Svilla Tributsch/Peter Ulram, Kleine Nation mit Eigenschaften. Über das Verhältnis der Österreicher zu sich selbst und zu ihren Nachbarn, Wien 2004.
9.
Vgl. Dollfuß für 40 Prozent "unbekannt", 29.2.2008, http://sciencev1.orf.at/science/news/150949«.
10.
Vgl. Árpád v. Klimó, Hungary, in: Oliver Rathkolb/Günther Ogris (Hrsg.), Authoritarianism, History and Democratic Dispositions in Austria, Poland, Hungary and the Czech Republic, Innsbruck u.a. 2010, S. 79–90, hier S. 83.
11.
Vgl. Standard Eurobarometer 74, Herbst 2010: http://ec.europa.eu/public_opinion/archives/eb/eb74/eb74_anx_full_fr.pdf«.
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Autor: Oliver Rathkolb für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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