Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Rudolf de Cillia
Ruth Wodak

Zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identitäten 1995–2015

Abschließende Bemerkungen

Die vielfältigen und differenzierten Ergebnisse unserer Longitudinalstudie zu österreichischen Identitäten können in diesem Rahmen nur kurz angerissen werden. Fokussieren wollen wir im Folgenden vor allem auf wesentliche Veränderungen und diskursiven Wandel in den gut zwei Jahrzehnten.

Inszenierte Symbolpolitik wird wichtiger: So werden Symbole eines "banalen Nationalismus" zunehmend aktiviert, vor allem 2015 – nationale Stereotypen, Fahnen, die Nationalhymne und die sogenannte Österreich-Hymne der rechtspopulistischen Freiheitlichen Partei Österreichs, das "Heimatkonzept" und österreichische Landschaften als Teil eines nationalen Körpers, manchmal in der harmonisierenden Tradition des Nachkriegsheimatfilmes beziehungsweise einer völkischen Nostalgie, wie sie die Regisseurin Leni Riefenstahl repräsentiert. In diesem Kontext rücken 2015 die Außengrenzen, im Unterschied zu 1995 und 2005, ins Zentrum des politischen Diskurses. Es findet eine starke Polarisierung im Zusammenhang mit der Flüchtlingsbewegung statt, einerseits eine praktische Solidarisierung einiger Parteien und der Zivilgesellschaft mit Geflüchteten und andererseits der Ruf von Rechtsaußen, die Grenzen zu schließen. Die Angst vor rechtspopulistischer Programmatik rückt auch den Mainstream immer mehr in eine nationalistische/nativistische Ecke, beobachtbar bei den Landtagswahlen, die 2015 stattfanden. Allein der Wiener Landtagswahlkampf gestaltete sich anders – Weltoffenheit und Solidarität standen im Gegensatz zur forcierten Politik mit der Angst, die vor allem den Mediendiskurs mit wenigen Ausnahmen beherrschte und letztlich 2016 zu einem Kippen der "Willkommenskultur" (außer in Wien) führte.

Was die Vorstellung von den "Anderen" betrifft, hatten wir 1995 ein allgemeines West-Ost- und Nord-Süd-Gefälle festgestellt, wonach die Unterschiede zu ost- und südosteuropäischen Nachbarn als relativ groß wahrgenommen wurden. 2005 rückte die Differenz zu Nicht-ÖsterreicherInnen im Land (vor allem zu türkischen und muslimischen ZuwanderInnen) in den Mittelpunkt, ebenso 2015, wobei hier die zugewanderten Flüchtlinge einbezogen wurden; das heißt, dass immer mehr ethnische und religiös-kulturelle Unterschiede in Bezug auf Zugehörigkeit/Nichtzugehörigkeit andere Kriterien überlagerten. Die sogenannte Wertediskussion in Bezug auf das "christliche Abendland" einerseits und den Okzident/Islam andererseits beherrschte vielfach sowohl das politische wie mediale Geschehen, im Zusammenhang mit den vehementen Debatten zu Grenzmanagement, Sicherheit, Flucht und Migration.

Die österreichische Erfolgsgeschichte, der Mythos von der "Stunde Null 1945" wurde vor allem 2005 besonders betont, ausgedrückt etwa in den Metaphern von der "Wiedergeburt" beziehungsweise von Österreich als "neugeborenem Kind"; jedoch nicht 1995 und 2015. Die Unterzeichnung des Staatsvertrags spielt zu allen drei Zeitpunkten, aber besonders 2005 eine zentrale Rolle. Die österreichische Neutralität – die von vielen PolitikerInnen 1995 schon als obsolet erklärt worden war – ist 2005 und 2015 wieder unumstritten Teil österreichischer Identitätskonstruktionen.

Was den Umgang mit der NS-Vergangenheit betrifft, wurden die TäterInnen 2005 kaum sichtbar.[12] Im offiziellen Diskurs wurde eine Art "Opfergemeinschaft" imaginiert: Alle Opfer wurden so gleichgestellt – die in den Konzentrationslagern Ermordeten, die politischen Gefangenen, die zivilen Bombenopfer, die gefallenen Wehrmachtssoldaten, die Kriegsgefangenen. 2015 hingegen wurden, vor allem im medialen Diskurs, die Verbrechen der Endphase (also im Frühjahr und Sommer 1945) in den Vordergrund gerückt, und der damalige österreichische Bundespräsident Heinz Fischer erklärte in einem TV-Interview am Holocaustgedenktag (27. Januar 2015) "Auschwitz" zu einem "Teil der österreichischen Identität". Der Vergleich von Gedenkreden zur Shoah erweist, dass Konkretisierung und Personalisierung 2015 stärker im Vordergrund stehen als 1995 und 2005. Diese Darstellungsform bleibt in den Reden zumeist auf positive, heroische, zur Identifikation geeignete Themen beschränkt, wird in den Medien hingegen häufig auch auf Kriegsverbrechen, insbesondere in der Endphase des Krieges, ausgedehnt.

Betonen wollen wir nochmals die Nationalisierung der deutschen Staatssprache: Gab es 1995 noch keine einzige Bestimmung im Staatsbürgerschaftsrecht und Aufenthaltsrecht, so waren es 2005 noch relativ geringe Anforderungen an Kenntnissen des Deutschen, die für dauerhaften Aufenthalt und Staatsbürgerschaft verlangt wurden. 2015 sind die Anforderungen so hoch, dass Illiterate und wenig literalisierte Menschen de facto ausgeschlossen werden. Gerade hier kann die Wechselwirkung zwischen zunehmend national-konservativen Positionen im politischen Diskurs und gesetzlich-institutionellen Regelungen deutlich aufgezeigt werden.

2015 erweist sich auch überaus deutlich, dass nationale Identität/en angesichts internationaler Entwicklungen nicht mehr isoliert, innerhalb fester territorialer Grenzen, entworfen werden können. Trotz zunehmender Renationalisierungstendenzen und steigender EU-Skepsis wird Österreich immer abhängiger von gesamteuropäischen Politiken und globalen Debatten. Diese Polarisierung findet sich in allen untersuchten Bereichen und Datensätzen.

Insgesamt überwiegen jedoch die Kontinuitäten zu den drei Erhebungszeitpunkten, vor allem was die Identifikation mit der Nation Österreich betrifft, wobei das Nationsverständnis zwischen staatsnationalem und (zunehmend) kultur-/sprachnationalem Verständnis oszilliert. Der Begriff einer österreichischen Nation wird im untersuchten Datenmaterial kaum explizit verwendet. An der Existenz dieser Nation besteht – im Unterschied zur unmittelbaren Nachkriegszeit – allerdings kein Zweifel. Das folgende Beispiel etwa verdeutlicht die emotionale Bindung an die "Nation": Eine nach ihrer Flucht aus Österreich im Jahr 1938 nach vielen Jahrzehnten zurückgekehrte Teilnehmerin einer Gruppendiskussion drückt es so aus: "I kann nur sagen, mein schönes Österreich", und schließlich, das Land personifizierend: "Ich bin verliebt in mein Österreich. Ich bin verliebt" (GD 2006)

Fußnoten

12.
Vgl. Markus Rheindorf/Ruth Wodak, "It Was a Long Hard Road". A Longitudinal Perspective on Discourses of Commemoration in Austria, in: 10plus1 Living Linguistics 3/2017, S. 22–41.
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