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20.8.2003 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Asien steht vor enormen sozialen und sicherheitspolitischen Herausforderungen. Welche dazu gehören, offenbart beispielsweise die Analyse der Entwicklung Japans oder der bilateralen Beziehungen zwischen der VR China und Taiwan.

Asien hat die Welt in den achtziger und neunziger Jahren durch ein starkes Wirtschaftswachstum beeindruckt und sie Ende der neunziger Jahre mit der "asiatischen Finanzkrise" in Atem gehalten. Heute steht der Kontinent vor enormen sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen. Dabei sind die wirtschaftliche Bedeutung und das politische Gewicht Asiens, in dem mit 3,8 Milliarden Menschen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt, unumstritten. Das zum "asiatisch-pazifischen Jahrhundert" erklärte 21. Jahrhundert ist Anlass genug, einigen Ländern dieses Kontinents eine Ausgabe zu widmen.

Für die Europäer ist "Asien" - das riesige Gebiet vom Bosporus bis Japan - eine Kultureinheit. Tatsächlich handelt es sich dabei um eine Projektion, denn, so Eun-Jeung Lee in ihrem Essay, "Asien" als solches existiert gar nicht - zumindest nicht in Form einer übergreifenden Kultur.

Wenn es je ein "japanisches Modell" gegeben hat, dann ist dieses im letzten Jahrzehnt gründlich entzaubert worden. Manfred Pohl zufolge spannt sich der Bogen innenpolitischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung Japans vom dynamischen Aufbruch 1993/94 bis hin zum lähmenden Reformstau am Beginn des 21. Jahrhunderts. Wie in Deutschland zeigten sich auch in Japan die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gruppen großenteils unfähig, den wirtschafts- und sozialpolitischen Herausforderungen der Globalisierung zu begegnen.

Die bilateralen Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und Taiwan sind von großer Bedeutung für die asiatisch-pazifische Region. Ein Konflikt in der Taiwanstraße könnte eine chinesisch-amerikanische Konfrontation heraufbeschwören und damit Sicherheit und Stabilität in der Region gefährden. Vor diesem Hintergrund stellt Tang Shaocheng die Frage, ob die rasanten Veränderungen auf der internationalen Bühne, bei denen die USA eine entscheidende Rolle spielen, einen Einfluss auf das Verhältnis zwischen China und Taiwan haben werden.

Von nicht minder großer Bedeutung für die Region ist das Beziehungsdreieck Nordkorea, China, USA. Nordkorea ist wirtschafts- und sicherheitspolitisch sowohl von der Volksrepublik China als auch von den USA abhängig. Beide verfolgen ihrerseits strategische Interessen in der Region und sitzen in der jüngsten Nuklearkrise am selben Ende des Verhandlungstisches. Vor dem Hintergrund denkbarer Szenarien der Nutzung oder Nichtnutzung von Atomwaffen durch Pjöngjang plädiert Patrick Köllner dafür, Nordkorea im Rahmen einer Einbindungspolitik Anreize zum Erhalt des Status quo zu geben.

Viele Länder Asiens durchlaufen derzeit einen tief greifenden gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozess. Am Beispiel der Länder der Mekong-Region - Kombodscha, Laos, Birma, Vietnam - zeigt Gerd Mutz, wie schwierig es ist, mit westlichen Denkmustern nach zivilgesellschaftlichen Ausprägungen des Wandels zu suchen. Der Autor verweist auf die besondere Fähigkeit asiatischer Gesellschaften, westliche Konzepte zu integrieren, ohne den eigenen Kosmos aufzugeben.

Nach der Finanzkrise Ende der neunziger Jahre suchen die asiatischen Schwellenländer nach eigenen Wegen der Modernisierung. Markus C. Pohlmann vertritt die These, dass sich die "vier kleinen Tiger" - Südkorea, Hongkong, Taiwan und Singapur - heute in einer zweiten großen wirtschaftlichen Modernisierungsphase befänden, wobei sie länderspezifisch auf die globalen Herausforderungen reagierten.