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20.8.2003 | Von:
Eun-Jeung Lee

"Asien" und seine "asiatischen Werte"

Essentialismus im westlichen Asiendiskurs

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, also wenige Jahre nachdem die Gelehrten der frühen Aufklärung wie Gottfried Wilhelm Leibniz und Christian Wolff in China einen "konfuzianischen Idealstaat" gesehen hatten, begann man diese konfuzianische Gesellschaft mit abschätzigem Blick zu betrachten. Basierend auf einem ausgeprägten Bewusstsein von der eigenen technischen und naturwissenschaftlichen Überlegenheit, wurden nicht nur von Kulturtheoretikern wie Johann Gottfried Herder, sondern auch von Historikern wie z.B. August L. Schlözer Zivilisationsstufenlehren entworfen, in denen die technische und wissenschaftliche Überlegenheit unmittelbar mit der kulturellen Überlegenheit Europas in Verbindung gebracht wurde. Die chinesisch-konfuzianische Zivilisation wurde dabei unterhalb der europäischen und nur wenig oberhalb der überwiegend barbarischen Kulturen der restlichen Welt eingestuft.

Den Grund für diese zivilisatorische Rückständigkeit erklärte Herder mit dem Konfuzianismus. Dieser halte wie ein "mechanisches Triebwerk" die menschliche Vernunft in "kindlicher Gefangenheit"; das Reich lasse sich deshalb wie "ein Haus tugendhafter, wohlerzogener, fleißiger, sittsamer, glücklicher Kinder und Brüder" verwalten.[10] Später schrieb Georg W. F. Hegel, die konfuzianische Lehre beinhalte zwar richtige moralische Ansprüche, aber es handele sich dabei im Grunde nur um ein Herumreden, welches sich nicht über das Gewöhnliche erhebe.[11] So sei diese Kultur in der Kindheit stehen geblieben. Der Einzelne folge "reflexions- und selbstlos" nur dem "allgemeinen Willen".[12]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts machte Max Weber den Konfuzianismus für das Ausbleiben der kapitalistischen Entwicklung in China explizit verantwortlich. Nach Weber war der Konfuzianismus eine bloße Ethik der Anpassung, die "die Menschen höchst absichtsvoll in ihren naturgewachsenen oder durch die sozialen Über- und Unterordnungsverhältnisse gegebenen persönlichen Beziehungen" belassen habe.[13] Die "rücksichtslose Kanonisierung des Traditionellen" im Konfuzianismus habe die Entwicklung derjenigen Kräfte verhindert, die in Europa die Modernisierung und den Aufbau des kapitalistischen Systems ermöglicht hätten.

In Anbetracht der wirtschaftlichen Erfolge Japans und der anderen ostasiatischen Länder seit den sechziger Jahren brachte man dann, in Umkehrung der Weberschen These, unter dem Namen des "konfuzianischen Kapitalismus" die konfuzianische Ethik mit diesen Erfolgen in unmittelbare Verbindung. So schlägt auch die Theoriegeschichte Purzelbäume - und sie schlug, nach dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrisen in Ostasien 1997, gleich noch einen: Auch für diese musste die konfuzianische, asiatische Kultur als Ursache herhalten - diesmal unter den Begriffen des Nepotismus, Fraktionalismus und Familismus. So wurde die konfuzianische Kultur erneut für "Unbeweglichkeit und Unwandelbarkeit" - wenn auch diesmal nicht in der Geschichte à la Hegel, sondern in der Wirtschaftspolitik - verantwortlich gemacht.

Eine Analyse dieser historischen Abfolge seit dem 18. Jahrhundert zeigt deutlich, wie sehr diese sich wandelnden Wahrnehmungen und Projektionen von den eigenen sozialpolitischen und geistigen Bedingungen im Westen abhängig waren und wie leicht der Konfuzianismus in diesem Kontext politisch instrumentalisiert werden konnte.[14] Dies gilt auch für den Asiendiskurs der vergangenen beiden Jahrzehnte.


Fußnoten

10.
Johann Gottfried Herder, Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. XI. Buch, 3. Teil, 1787 (hier wurde die Neuausgabe von Bodenheim 1995 benutzt), S. 280 - 281.
11.
Vgl. Georg W. F. Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. Werke in zwanzig Bänden, Bd. 12, Frankfurt/M. 1982, S. 172.
12.
Ders., Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Frankfurt/M. 1970, S. 152.
13.
Max Weber, Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen. Konfuzianismus und Taoismus, Schriften 1915 - 1920 (Studienausgabe), Tübingen 1991, S. 203.
14.
Vgl. dazu E.-J. Lee (Anm. 2).