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20.8.2003 | Von:
Eun-Jeung Lee

"Asien" und seine "asiatischen Werte"

Instrumentalisierung der "asiatischen Werte"

Seit den siebziger Jahren leiden Westeuropa und Nordamerika unter geringen Wachstumsraten, steigender Arbeitslosigkeit und immer größer werdenden staatlichen Schuldenbergen. Vermehrt wurde der Wohlfahrtsstaat als die Wurzel dieser Leiden angesehen. Selbstzweifel und Selbstkritik nahmen zu, der Neo-Konservatismus versprach einen Ausweg und bereitete das ideologische Terrain für neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik à la Ronald Reagan und Margaret Thatcher vor.[15] In dieser Situation avancierten die aufstrebenden kapitalistischen Gesellschaften Ostasiens, in denen man die fortdauernde Wirksamkeit traditioneller Werte erkennen zu können meinte, zum vorbildhaften Anschauungsmaterial für diese konservative Reformbewegung.

Dabei wurde die tatsächliche Entwicklung in den Gesellschaften Ostasiens einfach ignoriert, obwohl dort ganz offensichtlich traditionelle gesellschaftliche Ordnungen u.a. durch schon in den sechziger Jahren einsetzende Individualisierungsprozesse aufgeweicht worden sind. So rückt die Selbständigkeit des Individuums auch dort in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns. Die autoritär-konservativen Politiker Ostasiens reagierten auf diese fortschreitenden Individualisierungsprozesse, indem sie versuchten, diese rückgängig zu machen - eben durch das Beharren auf "konfuzianischer Tradition" bzw. auf "asiatischen Werten".

So warfen sich die autoritär-konservativen Politiker Asiens und die Neokonservativen des Westens, insbesondere in den USA, gegenseitig mit "asiatischen Werten" bestückte Bälle zu: Im Westen wurde die "asiatische" Genüg- und Fügsamkeit der Arbeiter zur Disziplinierung der Arbeiterschaft und zum Abbau des Sozialstaates instrumentalisiert. In Ostasien hat man die internationale Anerkennung seiner wirtschaftlichen Erfolge zur Rechtfertigung autoritärer Herrschaft benutzt.

Die Intensität der Diskussion über "asiatische Werte" ist allerdings nicht nur durch dieses Zusammenspiel zu erklären. Ein tiefer greifender Grund liegt in der genannten über 200 Jahre alten Tradition, die zwischen Kultur und wirtschaftlicher Entwicklung einen kausalen Zusammenhang herstellt und deshalb die Kulturen je nach ihrem relativen Entwicklungsniveau als überlegen oder unterlegen betrachtet. In der Intensivierung der Debatte über "asiatische Werte" spiegelte sich die Angst des Westens, dass er angesichts des Aufkommens eines neuen weltpolitischen Gravitationszentrums im westpazifischen Raum seine weltpolitische Hegemonie verlieren könnte.[16] Seit dem Ausbruch der Krise in Ostasien ist diese Sorge um die westliche Hegemonie zwar wieder abgeflaut, während die Konfrontationsszenarien zwischen dem Westen und Ostasien gleichzeitig entschärft worden zu sein scheinen. Das grundsätzliche Problem des kulturalistischen Erklärungsansatzes bleibt jedoch nach wie vor bestehen.

Natürlich kann man nicht bestreiten, dass die kulturellen Gegebenheiten eines Landes in der Gestaltung der Politik und der wirtschaftlichen Entwicklung eine gewisse Rolle spielen. Die entscheidenden Ursachen für Entwicklungserfolge und -misserfolge sind jedoch in der Beschaffenheit der politischen und sozialen Institutionen eines Landes, in der Struktur seiner Eliten, im Ablauf seiner kolonialen und postkolonialen Geschichte und nicht zuletzt in seiner Stellung im internationalen Wirtschafts- und Machtsystem zu suchen. Kulturelle Wertorientierungen können nur im Zusammenhang mit sozialen und politischen strukturellen Rahmenbedingungen entwicklungshemmend oder -fördernd wirken. Zudem wandeln sich Wertvorstellungen im Zeitablauf.

Zum Schluss: Das Leben in den Großstädten Ostasiens und des Westens unterscheidet sich heutzutage nur unwesentlich - wobei die Städte in Ostasien sogar einen "moderneren" Eindruck machen. MTV, Madonna, McDonald's usw. üben auf die Jugendkulturen in der Region einen ähnlich dominierenden Einfluss aus wie in den USA oder Europa. Trotzdem bleiben einige Intellektuelle und Politiker weiterhin auf der Suche nach dem "Asiatischen". Ob es ihnen jemals gelingen wird herauszufinden, was das "eigentlich" Asiatische ist?


Fußnoten

15.
Vgl. Nigel Ashford, Das Versagen des Staates. Der amerikanische Neokonservatismus, in: Iring Fetscher (Hrsg.), Neokonservative und "Neue Rechte", München 1983, S. 35 - 65; Peter Lösche, Thesen zum amerikanischen Konservatismus, in: Eike Hennig/Richard Saage (Hrsg.), Konservatismus. Eine Gefahr für die Freiheit, München 1983, S. 163 - 177; Chua, Beng-Huat, Konfuzianisierung in der Modernisierung Singapurs, in: Joachim Matthes (Hrsg.), Zwischen den Kulturen, Soziale Welt (Sonderband 8), Göttingen 1992, S. 250.
16.
Vgl. Eric J. Hobsbawm, Welchen Sinn hat Europa?, in: Die Zeit vom 4. Oktober 1996, S. 40.