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20.8.2003 | Von:
Gerd Mutz

Zivilgesellschaftliche Entwicklung in Südostasien

Viele Länder Asiens durchlaufen derzeit einen tief greifenden Transformationsprozess. Es wird gezeigt, wie schwierig es ist, mit westlichen Denkmustern nach zivilgesellschaftlichen Ausprägungen zu suchen und diese nach unseren Maßstäben zu bewerten.

Zivilgesellschaftliche Diskurse inder westlichen Welt

Zivilgesellschaftliche Diskurse beziehen sich im Wesentlichen - explizit oder implizit - auf westliche Gesellschaften. Dabei verlaufen die Debatten entlang der unterschiedlichen Ideologien in den USA und in Westeuropa.[1] Es besteht ein Spannungsverhältnis zwischen liberal-demokratischen Vorstellungen und der Idee eines freien, autonomen und interessegeleiteten Bürgers (USA) einerseits sowie der Vorstellung einer politisch geprägten Bürgerschaft andererseits, in welcher der Einzelne aus der Sicht eines bereits bestehenden Gemeinwesens gedacht ist (Westeuropa). Analog dazu wird in der politikwissenschaftlichen Debatte von liberalen und republikanischen Zugangsweisen gesprochen. Die liberale Denkrichtung betont die Trennung von Staat und Gesellschaft und sieht die Zivilgesellschaft unabhängig vom Staat. Aus republikanischer Perspektive sind Zivilgesellschaft und Staat dagegen über intermediäre Institutionen, also zum Beispiel freiwillige Assoziationen, Vereine, Kooperationen oder andere Arten der Vernetzung, miteinander verbunden. Mit den südamerikanischen Befreiungsbewegungen und der sich herausbildenden Dissidentenkultur in Osteuropa ist in den siebziger Jahren eine dritte Variante ins Blickfeld gerückt: eine zivilgesellschaftliche Stoßrichtung, die in Opposition zu den staatlichen Verhältnissen formuliert wurde.




Vergleichbare Bewegungen in Asien, etwa in China, haben jedoch nicht zu einer Diskussion im Westen geführt. Erst der Erfolg zivilgesellschaftlicher Akteure in Asien einerseits und das Beharren der staatlichen Organe auf einer spezifisch asiatischen Interpretation des Begriffs andererseits - etwa in der Menschenrechtsdebatte - haben die Aufmerksamkeit des Westens geweckt. Allerdings herrscht der westliche Beurteilungsmaßstab vor; damit verbunden ist die Vorstellung, dass es in den meisten Ländern Asiens gar keine zivilgesellschaftlichen Strukturen oder Organisationen gibt. So wird in westlichen Publikationen, etwa in Berichten der Weltbank oder international vergleichenden Surveys, allein die Zahl der nationalen und internationalen Nichtregierungsorganisationen (NGO) als Indikator verwendet. Auch die vielfältigen Dezentralisierungskonzepte haben in aller Regel einen dezidiert westlichen Zuschnitt.[2] Diese Dominanz von Westdiskursen und normativen Vorstellungen hat in den Ländern Asiens zu unterschiedlichen Reaktionen geführt: In einigen Ländern, etwa in Kambodscha, wird die vom Westen initiierte Etablierung von NGOs und vergleichbaren Organisationen überwiegend positiv und als Chance für partizipative Entfaltung bewertet. In anderen Ländern wiederum, etwa in Laos oder Vietnam, begegnet man derartigen entwicklungspolitischen Ansinnen mit Skepsis. Häufig wird betont, dass es eine eigene, asiatische Auffassung von zivilgesellschaftlicher Entwicklung gebe.

In diesem Beitrag soll verdeutlicht werden, dass zivilgesellschaftliche Diskurse in hohem Maße kontextgebunden sind und sich viele Länder in Asien in einem tief greifenden Transformationsprozess befinden. Vor diesem Hintergrund stehen nicht allein Fragen der politischen Partizipation zur Debatte, sondern sehr viel umfassendere Prozesse sozialer und ökonomischer Integration. Weiter wird hier argumentiert, dass es aus dieser Perspektive in der Region schon immer zivilgesellschaftliche Institutionen gegeben hat, die in traditioneller Weise Integrationsprozesse beförderten. Diese zumeist noch intakten Institutionen werden vom Westen, z.B. in der Entwicklungspolitik, aber kaum wahrgenommen. Oft arbeiten beide Seiten nebeneinander her oder behindern sich gar gegenseitig. Ein produktives Zusammenwirken ist nur dann möglich, wenn der Aufbau eines integrierenden Institutionengefüges gelingt, das nicht nur politische Partizipation, sondern auch ökonomische und soziale Integration auf der Grundlage traditioneller und zugleich moderner zivilgesellschaftlicher Formen gewährleistet.[3] Nur auf diese Weise ließe sich ein konstruktiver und typisch asiatischer Weg zur Zivilgesellschaft beschreiten.

Ich beziehe mich hier nur auf die Staaten Südostasiens, die zuletzt der Association of South East Asian Nations (ASEAN) beigetreten sind und nach ihren Ländernamen auch als CLMV-Region bezeichnet werden.[4] Thailand ist in dieser Debatte von besonderer Bedeutung, weil der zivilgesellschaftliche Diskurs dort offensichtlich am weitesten vorangeschritten ist und sich die genannten Länder zudem an seinem Beispiel orientieren. Gemeinsam bilden die CLMV-Länder und Thailand die Mekong-Region.[5]


Fußnoten

1.
Vgl. zu den unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Diskursen und deren ideengeschichtlichen Hintergrund die Übersicht in: Ansgar Klein, Der Diskurs der Zivilgesellschaft, Opladen 2001.
2.
Vgl. Michael H. Nelson, Thailand: Problems with Decentralization?, in: ders. (Hrsg.), Thailand's New Politics (KPI Yearbook 2001), Bangkok 2001. Aus seiner Sicht klingen die Dezentralisierungsbemühungen, als seien sie "taken from Western textbooks on public administration" (S. 263). Vgl. auch Ulrich Metzger, Dezentralisierung in Entwicklungsländern, Würzburg 2001; Walter Thomi/Markus Steinich/Winfried Polte (Hrsg.), Dezentralisierung in Entwicklungsländern, Baden-Baden 2001.
3.
Amartya Sen, The Market, Democracy, and Development, in: M. H. Nelson (Anm. 2), S. 1-25.
4.
Es hat sich in den vergangenen Jahren durchgesetzt, von Myanmar/Burma zu sprechen, um sich sprachlich einerseits nicht nur auf die burmesisch sprechenden Burmanen zu beschränken; andererseits wird damit der früheren, eher traditionellen Namensgebung Rechnung getragen.
5.
Aktuell zur Entwicklung in der Mekong-Region vgl. Mingsarn Kaosa-ard/John Dore (Hrsg.), Social Challenges for the Mekong Region, Bangkok 2003. Den folgenden Ausführungen liegen mehrere Studienaufenthalte in den genannten Ländern zugrunde. Insbesondere in Vietnam hat der Autor in den vergangenen Jahren intensive Feldstudien zum Thema Sozialkapital und Institutionenaufbau durchgeführt. Vgl. Rainer Klump/Gerd Mutz (Hrsg.), Doi Moi in Wirtschaft und Gesellschaft. Soziale und ökonomische Transformation in Vietnam, Marburg 2002; dies. (Hrsg.), Modernisation and Social Transformation in Vietnam. Social Capital Formation and Institution Building, London-New York 2003. Die thailändische Botschaft in Deutschland ermöglichte einen Aufenthalt in Thailand, um Gespräche zu diesem Thema durchzuführen; ihr sei an dieser Stelle gedankt. Mein besonderer Dank gilt allen Gesprächspartnern in der Mekong-Region, insbesondere aber Nina N. Ouan, die Forschungsreisen vorbereitete und Länderberichte zusammenstellte.