APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 Pfeil rechts

Die "Desorganisation" der Tiger

Die neue Phase wirtschaftlicher Modernisierung in Südkorea und Taiwan


20.8.2003
Die asiatischen Schwellenländer befinden sich heute in einer zweiten großen Modernisierungsphase ihrer Wirtschaften. Dabei reagieren sie länderspezifisch auf die globalen Herausforderungen.

Einleitung



Traditionelle Werte, Organisations- und Netzwerkformen sind in den asiatischen Schwellenländern in den vergangenen Jahren massiv in Frage gestellt worden. Die asiatische Finanzkrise hat das Ende der Tycoons und der "old bamboo networks" eingeläutet. Zwar hat die Wirtschaftsentwicklung in den so genannten Tigerökonomien - Südkorea, Hongkong, Taiwan und Singapur - die Gestalt einer V-Kurve angenommen, das heißt, nach drastischen Einbrüchen bestimmt eine starke Erholungsdynamik die ökonomische Entwicklung. Aber mit der einsetzenden ökonomischen Erholung hat sich die Situation nicht entspannt. Vielmehr gibt es in den Tigerökonomien so viele weitreichende Reformen der politischen und ökonomischen Strukturen wie noch nie zuvor. Auf die Krise folgte also keine ruhige Konsolidierungsphase, sondern eine unruhige Restrukturierungsphase. Neue Strukturen sollen eine zweite Finanzkrise von ähnlich dramatischem Ausmaß in Zukunft unmöglich machen. Aber hinter dieser Unruhe steckt noch mehr. Auf der einen Seite suchen die ostasiatischen Gesellschaften nach eigenen Wegen der Modernisierung, nach eigenen Wegen ins Zentrum der Weltwirtschaft. Auf der anderen Seite ist der interne Druck in Richtung auf eine weitere "Verwestlichung" der Ökonomie mit der Finanzkrise stark gewachsen. Damit ist die Vorstellung verbunden, von den westlichen Industrieländern zu lernen, ohne jedoch deren Fehler kopieren zu müssen. Insbesondere in Bezug auf die Unternehmens- und Netzwerkformen stellt sich nun die Frage, ob der "crony capitalism" tatsächlich am Ende ist und was an dessen Stelle rücken könnte.




Seit den neunziger Jahren befinden sich die asiatischen Tigerökonomien jedenfalls in einer Übergangsperiode. Diese findet ihren Ausdruck in der sich sehr unterschiedlich auswirkenden asiatischen Finanzkrise und in den Restrukturierungsbemühungen nach der Krise, die hier am Beispiel von Südkorea und Taiwan genauer analysiert werden sollen.

Die Besonderheiten und Unterschiede in der Entwicklung der asiatischen Schwellenländer zeigen sich gerade auch in der zweiten großen Modernisierungsphase der Nachkriegszeit, deren Gestaltung eine der zentralen Herausforderungen der Tigerökonomien ist. Eingeläutet wurde diese zweite Phase der ökonomischen Modernisierung durch das Zusammenwirken dreier globaler Trends:

Erstens traf die dritte globale Welle der Demokratisierung die asiatischen Schwellenländer mit einiger Wucht.[1] Die Folge war eine Wandlung der Institutionen der "autoritären Entwicklungsstaaten". Mit den 1987 einsetzenden Studenten- und Arbeiterunruhen und dem damit einhergehenden politischen Wandel vom autoritären Regime hin zur Demokratie gerieten die nationalen Entwicklungsmodelle Südkoreas und Taiwans ins Wanken. Dem organisierten Wirtschaftsmodell mit langen Arbeitszeiten, geringen Löhnen und subordinierten Verbänden - den "repressive labor systems"[2] - wurde ebenso die Legitimation entzogen wie dem autoritären Entwicklungsstaat.

Zweitens setzte sich die weltweite Bildungsexpansion in den ostasiatischen Schwellenländern mit besonderer Dynamik fort. Dies hatte einen rasanten sozialstrukturellen Wandel zur Folge: Neue soziale Schichten gewannen an Bedeutung, die mit veränderten Werthaltungen und Ansprüchen vom bisherigen Entwicklungspfad abwichen. Dies kam seit 1987 u.a. in Studenten- und Arbeiterunruhen, aber auch in der Etablierung "demokratischer" und "autonomer" Gewerkschaften zum Ausdruck.

Drittens erschütterte der Wandel in der internationalen Arbeitsteilung die weltwirtschaftliche Position beider Ökonomien. Die zunehmende Konkurrenz von unten (von der vierten Generation der asiatischen Niedriglohnländer) und von oben (von den Zentrumsproduzenten) stellte ihre Rolle als Schwellenökonomien immer mehr in Frage.

Die nachhaltige Veränderung der politischen und ökonomischen Institutionen sowie der sozialen Beziehungen hat in den neunziger Jahren dafür gesorgt, dass der alte Modernisierungspfad und mit ihm die erfolgreichen Wirtschafts- und Organisationsmodelle der Tigerökonomien nicht mehr aufrechterhalten werden konnten. Zum ersten Mal seit Beginn des politischen Transformationsprozesses Mitte der achtziger Jahre zeichnet sich nun eine grundlegende Desorganisation der Wirtschaftsmodelle aus der "Gründerzeit"[3] ab - wenn auch mit steten restaurativen Gegenbewegungen. Die asiatischen Schwellenländer befinden sich nach der Finanzkrise, so meine These, an einer Wegscheide ihrer wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. Diese lässt sich in dreifacher Weise fassen als Spannungsverhältnis zwischen

  • modernisierten familialen Unternehmensformen und solchen, in denen ein extern rekrutiertes Management die Regie übernimmt;

  • der Aufrechterhaltung der neotraditionalen Arrangements[4] eines erneuerten Wachstumspakts und einem neuen, stärker formalisierten Sozialpakt und

  • der staatlichen Restauration der korporatistischen Erfolgsmodelle der Wirtschaften oder ihrer staatlich induzierten "Desorganisation".

    Bei dieser zweiten Modernisierungsphase handelt es sich aber um eine "nachholende Modernisierung" nach westlichem Vorbild. Vielmehr reagieren die asiatischen Schwellenländer mit je pfadspezifischen Gestaltungsformen auf globale Herausforderungen.

    Die asiatische Finanzkrise, die Südkorea bis ins Mark getroffen und Taiwan zunächst vergleichsweise unberührt gelassen hat, verdeutlicht, dass sich hinter dem Etikett der "vier kleinen Tiger" ganz unterschiedliche ökonomische Entwicklungspfade verbergen. Die vier kleinen Tiger, so kann man mit Bruce Cumings formulieren, bewegen sich in einem ähnlichen geopolitischen und geo-ökonomischen Kontext auf unterschiedlichen Pfaden.[5] Sie durchlaufen zwar vergleichbare Stationen der Modernisierung in ähnlicher Geschwindigkeit, aber ihre ökonomische Entwicklung ist sehr unterschiedlich.

    Ich möchte im Folgenden zeigen, dass die unterschiedlichen Systeme des "organisierten Kapitalismus"[6] in Südkorea und Taiwan in den neunziger Jahren langsam - und zwar viel langsamer, als es die eruptive Dynamik der politischen Transformation seit Mitte der achtziger Jahre vermuten lässt - desorganisiert werden. In einer zweiten Modernisierungswelle beginnen sich nach den politischen Modellen auch die Wirtschaftsmodelle nachhaltig zu verändern. Hier sollen insbesondere die Organisations- und Netzwerkformen, also die Mesoebene der Wirtschaftsmodelle, im Vordergrund stehen. Ich werde zeigen, dass der auf den koreanischen Unternehmensgruppen, den Chaebol, und den taiwanesischen Unternehmensnetzwerken lastende Reformdruck von innen, von unten und von oben wächst. "Von innen" gewinnt eine zunehmend starke Expertenschar innerhalb der Unternehmen an Einfluss und verstärkt den Innovationsdruck, der durch die Erschütterung ihrer weltwirtschaftlichen Position ohnehin auf den Firmen lastet. "Von unten" beginnt sich in beiden Schwellenländern eine zweite Arbeitergeneration durchzusetzen und ihre Teilhabe an den industriellen Beziehungen neu zu justieren. Und "von oben" verändert die Reformpolitik der Post-Entwicklungsstaaten zentrale Prämissen ihrer Wirtschaftsstruktur.



    Fußnoten

    1.
    Vgl. Samuel P. Huntington, The Third Wave. Democratization in the Late Twentieth Century, Oklahoma 1991.
    2.
    Manuell Castells, Four Asian Tigers with a Dragon Head. A Comparative Analysis of the State, Economy, and Society in the Asian Pacific Rim, in: Richard P. Appelbaum/Jeffrey Henderson (Hrsg.), States and Development in the Asian Pacific Rim, Newbury Parc u.a. 1992, S. 176 - 198.
    3.
    Unter "Gründerzeit" sollen hier die Jahre von 1960 bis 1970 verstanden werden, als die meisten Unternehmen gegründet wurden und das den Aufstieg ermöglichende Wirtschaftsmodell seine Konturen ausbildete.
    4.
    Die neu institutionalisierten, gleichwohl traditionsbezogenen Formen und Arrangements wirtschaftlichen Handelns der ersten Modernisierungsphase der "Gründerzeit" lassen sich am besten als "neotraditional" bezeichnen. Ihnen liegen Werthaltungen zugrunde, die aus einer, auf neuer institutioneller Basis durchgeführten, Restauration alter Überlieferungen resultieren.
    5.
    Vgl. Bruce Cumings, Ursprünge und Entwicklung der politischen Ökonomie in Nordostasien: Industriesektoren, Produktzyklen und politische Konsequenzen, in: Ulrich Menzel (Hrsg.), Im Schatten des Siegers. Japan, Bd. 4. Weltwirtschaft und Weltpolitik, Frankfurt/M. 1989.
    6.
    Bisher gab es gute Gründe, in Bezug auf Südkorea und Taiwan von einem "organisierten Kapitalismus" zu sprechen. Der familiale Kapitalismus und die korporatistischen Arrangements der autoritären Entwicklungsstaaten stützten sich wechselseitig in einem für die Mehrzahl der Beschäftigten repressiven System, das den Verzicht auf Beteiligung und Mitsprache durch eine enorme Wachstumsdynamik erkaufte und ermöglichte.