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17.6.2003 | Von:
Katharina Belwe

Editorial

Migration ist eine der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen dieses Jahrhunderts. Deutschland könnte dabei von Ländern lernen, die mehr Erfahrungen im Umgang mit einer multiethnischen Bevölkerungsstruktur haben.

Die Migration ist - nicht nur in Deutschland - eine der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen dieses Jahrhunderts. Die meisten europäischen Staaten sind de facto Einwanderungsländer und aus demographischen Gründen auch auf Zuwanderung angewiesen. Wahrnehmung und Wirklichkeit klaffen jedoch nicht selten weit auseinander, wie das einstweilige Scheitern des Zuwanderungsgesetzes in Deutschland zeigt. Eine Erklärung liegt in der jeweiligen Integrationsfähigkeit der Länder, die nicht unerheblich von der Integrationspolitik abhängig ist. Ziel dieser Ausgabe ist es, über den Tellerrand zu schauen und die Migrationspolitik anderer - nicht nur europäischer - Länder in den Blick zu nehmen. Deutschland könnte von Staaten lernen, die mehr Erfahrung im Umgang mit einer multiethnischen Bevölkerungsstruktur haben.

Anita Böcker und Dietrich Thränhardt kommen zu dem überraschenden Ergebnis, dass Deutschland und die Niederlande, das einstige Vorzeigeland des Multikulturalismus, ihre Rollen bei der Einwanderungspolitik inzwischen offenbar vertauscht haben: Deutschland, das in der Vergangenheit nicht gerade als Musterbeispiel für Toleranz gegenüber ethnischen Minderheiten galt, zeichne sich heute durch eine bessere Integration von Einwanderern aus. Dieser Erfolg sei auf die seit 1972 verfolgte Politik einer "sozialen und wirtschaftlichen Gleichberechtigung" zurückzuführen.

Ähnlich wie in den Niederlanden ist der Multikulturalismus auch in Australien einer eher restriktiven Einwanderungspolitik gewichen. Die Öffnung nach dem Zweiten Weltkrieg basierte auf rationalen Entscheidungen der politischen Eliten. Die seit 1996 betriebene Politik der neokonservativen australischen Regierung entspricht dagegen den Ängsten, die breite Teile der Bevölkerung vor einer "asiatischen Invasion" hegen. Die Grundlage für eine angstfreie multikulturelle Öffnung des Landes sieht Sigrid Baringhorst in der Überwindung des Gegensatzes von geografischer Lage in Asien und historisch-kultureller Selbstverortung in Europa.

Anders als die Niederlande und Australien ist Kanada nach wie vor ein Beispiel für gelebten Multikulturalismus. Die Vorstellung, den kanadischen Multikulturalismus auf Deutschland zu übertragen, ist jedoch nach Rainer Geißler illusorisch. Dennoch könnten die Deutschen von Kanada lernen: Kanadische Multikulturalismusvorstellungen könnten als Orientierungsmarken für Überlegungen zu Migration und Integration hierzulande dienen.

Ralph Ghadban geht der Frage nach, wie in Europa auf die andauernde Zuwanderung von Muslimen reagiert wird, die einst als Arbeitsmigranten willkommen waren. Die eher ablehnende Haltung, die diesen heute entgegengebracht wird, differiert in den einzelnen Ländern in Abhängigkeit von der jeweils herrschenden Tradition. Entsprechend unterscheidet sich in den vom Autor untersuchten Ländern - Großbritannien, Frankreich, Deutschland und die Niederlande - das Verhältnis der Muslime zu Staat und Gesellschaft.

Die Einstellungen der BürgerInnen Westeuropas zu AusländerInnen sind sehr unterschiedlich. Nach Jürgen R. Winkler, der den Ursachen fremdenfeindlicher Haltungen in 15 westeuropäischen Ländern nachgegangen ist, besteht ein großes Gefälle in der Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Ethnie und Kultur. Das mit Abstand höchste Niveau individueller Fremdenfeindlichkeit zeigt sich in Belgien. Dahinter folgen Dänemark und Deutschland sowie Frankreich und Österreich.