Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Jürgen Martschukat

Hegemoniale Identitätspolitik als "entscheidende Politikform" in den USA. Eine Geschichte der Gegenwart

Nach den Präsidentschaftswahlen im November 2016 entfaltete sich in den USA eine heftige Kontroverse über die Gründe der Niederlage der Demokraten. Allen voran prangerte der Historiker Mark Lilla in der "New York Times" eine linksliberale Obsession mit diversity und Identitätspolitik an. Lilla forderte alle US-Amerikanerinnen und Amerikaner dazu auf, individuelle und gruppenspezifische Interessen beiseite zu lassen und sich stattdessen wieder gemeinsam auf Freiheit und Gleichheit als geteilte Werte zu besinnen, die die USA seit ihrer Gründung ausgemacht hätten.[1] In ihren Repliken entgegneten unter anderem die Rechtswissenschaftlerin Katherine Franke in der "LA Review of Books" oder der politische Journalist Vann R. Newkirk II im "Atlantic", dass es in der US-Geschichte lange Zeit ein weißes, männliches und heterosexuelles Privileg gewesen sei, von diesen Werten zu profitieren. Dieses Privileg der einen habe im Ausschluss der anderen gegründet. Außerdem habe im zurückliegenden Wahlkampf gerade der siegreiche republikanische Kandidat Donald Trump die identitätspolitische Karte gespielt. Trump habe gezielt weiße und zuvorderst männliche Wähler der Unter- und Mittelklassen angesprochen und durch seine Ausfälle gegen "Andere" permanent Grenzen entlang von Kategorien wie race, Herkunft, Nationalität, Glaube und Geschlecht gezogen. Dass die Mehrheit der weißen Wählerinnen Trump trotz seiner misogynen und sexistischen Ausfälle ihre Stimme gab, kann als Zeichen für eine derzeit dominante Stellung von race und whiteness im Ringen um gesellschaftliche Teilhabe gelten.[2]

Auch die Historikerin Nell I. Painter meldete sich in dieser Debatte zu Wort. Sie betonte in der "New York Times", nun habe sich Weißsein von einer unmarkierten Kategorie, die bis dahin wie selbstverständlich das gesellschaftliche Zentrum besetzt gehabt habe, in eine markierte Kategorie gewandelt, die zielgerichtet mobilisiert werde, um eine politische und gesellschaftlich privilegierte Position zu sichern. Identitätspolitik sei keineswegs nur die Sache von Afroamerikaner/innen, Latinas, Frauen und LGBTs (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender), sondern auch der weißen, heterosexuellen, protestantischen Männer, die so ihren verloren geglaubten Platz im gesellschaftlichen Zentrum wieder zu festigen suchten. Trumps Wahl sei Ausdruck dieses hegemonialen Bestrebens.[3] Ta-Nehisi Coates, einer der prägenden US-amerikanischen Intellektuellen der vergangenen Jahre, hat Trump im "Atlantic" sogar als "First White President" bezeichnet; freilich nicht, weil Trump der erste Präsident der USA wäre, dessen Haut als weiß gelte, sondern vielmehr, weil er offensiv Identitätspolitik betreibe und sein Weißsein so ungeschminkt in die politische Waagschale werfe wie kein anderer Präsident zuvor.[4]

Die US-amerikanischen Auseinandersetzungen haben auch in Deutschland großen Widerhall gefunden. Schließlich kreisen sie um gesellschaftliche und politische Turbulenzen, die in ähnlicher und zugleich anderer Weise auch hierzulande und in weiten Teilen Europas prägend sind. Mit Donald Trumps "Make America Great Again" korrespondiert das "Wir holen uns unser Land und unser Volk zurück" der AfD. Die Abneigung gegen eine pluralistische Kultur und Gesellschaft sowie gegen eine Politik, die diese bewusst anerkennt, wird wieder lautstark geäußert. Zunehmend offensiv werden Grenzziehungen (ethnischer wie politischer wie territorialer Art), eine Abkehr von Vielfalt als Wert und eine Rückbesinnung auf ein identitäres Zentrum gefordert. Auf dieser Seite des Atlantiks definiert sich dies nicht so pointiert über Weißsein wie in den USA, aber doch über anverwandte Kategorien wie Herkunft, Nationalität oder Glaube. Diese wiederum sind auch in den USA sehr wirkmächtig und überlagern sich hüben wie drüben mit whiteness. "Identitätspolitik", diagnostizierte der Soziologe Armin Nassehi Ende 2016, "ist kein Privileg akademischer Mittelschichten, sondern inzwischen die entscheidende Politikform geworden".Jene, die sich "besorgte Bürger" nennen, betreiben Identitätspolitik mittlerweile leidenschaftlicher als alle anderen.[5]

Fußnoten

1.
Vgl. Mark Lilla, The End of Identity Liberalism, in: New York Times, 20.11.2016, S. SR1; ders., The Once and Future Liberal. After Identity Politics, New York 2017.
2.
Vgl. Katherine Franke, Making White Supremacy Respectable. Again, 21.11.2016, http://blog.lareviewofbooks.org/essays/making-white-supremacy-respectable«; Vann R. Newkirk II, This Is Who We Are. The Election of Donald Trump to the Presidency Reveals the True Character of America, November 2016, http://www.theatlantic.com/politics/archive/2016/11/trump-election-race-essay/507428«.
3.
Vgl. Nell I. Painter, What Whiteness Means in the Trump Era, in: New York Times, 13.11.2016, S. SR4. Siehe auch dies., The History of White People, New York 2010.
4.
Vgl. Ta-Nehisi Coates, The First White President. The Foundation of Donald Trump’s Presidency Is the Negation of Barack Obama’s Legacy, October 2017, http://www.theatlantic.com/magazine/archive/2017/10/the-first-white-president-ta-nehisi-coates/537909«. Siehe auch ders., We Were Eight Years in Power. Eine amerikanische Tragödie, Berlin 2018.
5.
Armin Nassehi, Schwarz und Weiß. Wer ist schuld am Rechtspopulismus?, in: Süddeutsche Zeitung, 13.12.2016, S. 11. Vgl. auch Michael Wildt, Volk, Volksgemeinschaft, AfD, Hamburg 2017.
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Autor: Jürgen Martschukat für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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