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2.6.2003 | Von:
Karl Wilhelm Fricke

Die nationale Dimension des 17. Juni 1953

Parteiliche Wertungen

Die Schwierigkeiten mit der Wahrheit, die einst die SED im Kontext des 17. Juni hatte und die viele ihrer politischen Nachfahren bis heute nicht überwunden haben, sind gleichsam ideologischer Natur. Es passte nicht in das Weltbild der herrschenden Nomenklatura, dass ausgerechnet im Jahre 1953, das die Staatspartei zum "Karl-Marx-Jahr" erklärt hatte,[22] Bauarbeiter der Ost-Berliner Stalinallee und Stahl- und Walzwerker aus Hennigsdorf die erste Volkserhebung im Stalinismus initiiert hatten. Ein charakteristisches Beispiel für die historische "Bewältigung" der Ereignisse durch die Politbürokratie lieferte Erich Honecker in seiner Autobiographie.[23] Für ihn blieb der Aufstand ein "durch imperialistische Geheimdienste und Agentenzentralen gesteuerter konterrevolutionärer Putschversuch"; Honecker bediente noch 1980 die Legende vom planmäßig inszenierten "konterrevolutionären Putsch".

Bereits in ihrer ersten offiziellen Stellungnahme zu den Ereignissen ließ die Regierung der DDR am Nachmittag des 17. Juni 1953 diese Version über den Rundfunk verbreiten. In einer Entschließung des 14. ZK-Plenums vom 21. Juni tauchte das Argumentationsmuster erneut auf. Die Protest- und Aufstandsbewegung wurde als "faschistisches Abenteuer" und "faschistische Provokation" gebrandmarkt. Der 17. Juni mutierte zu dem "von langer Hand vorbereiteten Tag X".[24] Der ominöse Begriff kehrte wieder in der Entschließung des 15. Plenums des ZK, das vom 24. bis 26. Juli tagte. Nun wurde der "faschistische Tag X" zum "faschistischen Putschversuch" stilisiert, den "faschistische Provokateure" im "demokratischen Sektor von Berlin" unternommen hätten. Selbstredend musste die Legende auch als Deutungsmuster für die Streiks und Demonstrationen in der Provinz herhalten: "Gleichzeitig traten die in einigen anderen Städten der Deutschen Demokratischen Republik seit langem organisierten Agentengruppen in Tätigkeit und organisierten faschistische Unruhen."[25]

Die Legende vom "Tag X" ging aus der Verfälschung eines Zitats von Jakob Kaiser hervor, seinerzeit Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen. Er hatte in einer Rede bei Gründung des Forschungsbeirates für Fragen der Wiedervereinigung am 24. März 1952 den Tag, an dem die deutsche Einheit wiederhergestellt sei, als "Tag X" umschrieben. Dabei hatte er weder an einen Aufstand in der DDR noch an einen Putsch gedacht. Der Passus lautete vielmehr: "Niemand kann sagen, zu welchem Zeitpunkt die Politik um Deutschland im Sinne der Wiedervereinigung unseres Landes erfolgreich sein wird. Übrig bleibt aber, dass der Tag der Wiedervereinigung zunächst[26] mit der Sowjetzone kommt und dass er nach voraufgegangenen gesamtdeutschen Wahlen, wie wir hoffen möchten, in unserem Sinne kommt."[27]

Aller Wahrscheinlichkeit nach ist Kaiser in seiner Rede vom Manuskript abgewichen und hat in diesem Zusammenhang vom "Tag X" gesprochen; darauf lässt jedenfalls das Echo in der Presse schließen.[28] Otto Grotewohl zitierte Kaisers Rede auf dem 14. ZK-Plenum wie folgt: "Niemand kann sagen, wann die Politik der Wiedervereinigung erfolgreich sein wird. Als erster Schritt kommt nach gesamtdeutschen Wahlen die Wiedervereinigung mit der Sowjetzone in Betracht. Es liegt durchaus im Bereich der Möglichkeit, dass dieser ,Tag X' rascher kommt, als die Skeptiker zu hoffen wagen. Es ist unsere Aufgabe, für alle Probleme bestmöglich vorbereitet zu sein."[29] Kaisers Ausführungen hatten sich auf die wissenschaftliche Arbeit des Forschungsbeirates bezogen. Die Gleichsetzung des "Tages X" als unbekanntes Datum einer künftigen Wiedervereinigung mit dem 17. Juni 1953 ermöglichte es der SED, die Putschlegende zu kreieren.

Damit manövrierte sie allerdings die Staatssicherheit in ein heilloses Dilemma, denn sie forderte von ihr, die westlichen Organisatoren und Drahtzieher des "Putschversuches" zu entlarven. Von deren Nichtexistenz hätte die Staatssicherheit jedoch aufgrund eigener Ermittlungen überzeugt sein müssen.[30] Das MfS wurde für knapp zweieinhalb Jahre zum Staatssekretariat herabgestuft und formal dem von Willi Stoph geleiteten Innenministerium eingegliedert.


Fußnoten

22.
Vgl. Im Jahre 1953 gedenkt die deutsche Nation ihres größten Sohnes Karl Marx. Aufruf des Zentralkomitees zum Karl-Marx-Jahr 1953, in: Dokumente der SED, Bd. IV, Berlin (Ost) 1954, S. 222ff.
23.
Erich Honecker, Aus meinem Leben, Berlin (Ost) 1980, S. 185.
24.
Über die Lage und die unmittelbaren Aufgaben der Partei. Beschluss des ZK vom 21. Juni 1953, in: Dokumente der SED (Anm. 22), S. 436f.
25.
Der neue Kurs und die Aufgaben der Partei. Entschließung des ZK vom 26. Juli 1954, in: ebd., S. 452.
26.
1952 - zum Zeitpunkt der Rede - war auch das Saarland noch von der Bundesrepublik Deutschland getrennt. Möglicherweise hatte Kaiser auch eine Wiedervereinigung mit den Gebieten jenseits von Oder und Neiße im Sinn.
27.
Redemanuskript aus dem Nachlass Jakob Kaiser, BArch Koblenz, Bestand N 1018, Bd. 199, Bl. 3.
28.
Vgl. dazu die Pressestimmen in: Dokumentation der Zeit. Gesamtdeutsches Informations-Archiv, Berlin (Ost), Heft 49 vom 1. 7. 1953, Sp. 2631 - 2634.
29.
Zit. bei O. Grotewohl (Anm. 5), S. 29.
30.
Ausführlich dazu Karl Wilhelm Fricke/Roger Engelmann, Der "Tag X" und die Staatssicherheit. 17. Juni 1953 - Reaktionen und Konsequenzen im DDR-Machtapparat, Bremen 2003.