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28.5.2003 | Von:
Ludger Wößmann

Familiärer Hintergrund, Schulsystem und Schülerleistungen im internationalen Vergleich

Seit TIMS und PISA wird in Deutschland über Ursachen für die schlechten Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich diskutiert. Eine wissenschaftliche Analyse hat jedoch bislang kaum stattgefunden.

I. Was wir aus internationalen Schülerleistungsvergleichen lernen können

Es ist ein empirisch untermauerter Befund, dass eine höhere Bildung zu größeren wirtschaftlichen Erfolgen im privaten Bereich führt. Dies gilt, wenn die Quantität der erworbenen Bildung, und noch mehr, wenn ihre Qualität der Maßstab ist.[1] Der Bildungs-"Output" wird üblicherweise mittels Schülerleistungstests in Fächern wie Mathematik, Naturwissenschaften oder Lesen gemessen.


Ein solcher Test, die internationale Schülerleistungsvergleichsstudie PISA ("Programme for International Student Assessment"), hat die schulpolitische Diskussion in Deutschland neu entfacht. Das schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler im weltweiten Vergleich gilt als Indikator dafür, dass das deutsche Schulsystem offenbar viel zu wünschen übrig lässt. Nun ist PISA nur eine von vielen Studien, welche die Fähigkeiten von Schülern testen: Die TIMS-Studie ("Third International Mathematics and Science Study") war 1994/95 die erste internationale Studie seit langer Zeit, an der auch Deutschland teilnahm. Der TIMS-Nachfolgestudie 1999 (ohne Deutschland) folgte 2000 die PISA-Studie der OECD und 2001 die Studie "Progress in International Reading Literacy" (PIRLS), und es sind eine weitere TIMS-Nachfolgestudie 2003 sowie weitere PISA-Studien in den Jahren 2003, 2006 und 2009 geplant.

Im Beitrag wird der Frage nachgegangen, was wir aus den internationalen Schülerleistungsvergleichen lernen können. Zunächst einmal verdeutlichen diese, welchen Wissensstand deutsche Schülerinnen und Schüler in den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen im Vergleich zu Schülern anderer Länder haben (Abschnitt II). Weit aufschlussreicher ist aber, dass sich auf Basis der Vergleiche berechnen lässt, welchen Einfluss Faktoren wie der familiäre Hintergrund, die finanzielle Ausstattung von Schulen und die institutionelle Ausgestaltung des Schulsystems auf die Leistungen der Schüler haben. In Abschnitt III wird diskutiert, was eine wissenschaftliche Herangehensweise hierbei leisten kann.

Wie aus den empirischen Untersuchungen hervorgeht, ist der familiäre Hintergrund der Schüler entscheidend für deren Leistungen (Abschnitt IV). Als weitere Determinanten kommen die zwei grundlegenden Handlungsoptionen der Schulpolitik in Betracht (Abschnitt V): die Erhöhung der Ausgaben für die Schulen im gegebenen Schulsystem und die Veränderung der Struktur des Schulsystems. Die Analyse der internationalen Unterschiede in der finanziellen Ausstattung der Schulen kann eine Antwort auf die Frage geben, ob mehr Geld zu besseren Schülerleistungen führt; die Analyse der institutionellen Unterschiede in den Schulsystemen macht es möglich, von anderen Ländern hinsichtlich der Effektivität verschiedener institutioneller Ausgestaltungen des Schulsystems und ihrer Bedeutung für die Bildungs-(un)gleichheit von Kindern mit unterschiedlichen familiären Hintergründen zu lernen.


Fußnoten

1.
Für einen Überblick siehe Eric A. Hanushek, The Long Run Importance of School Quality, National Bureau of Economic Research, NBER Working Paper Nr.9071, Cambridge/MA 2002.