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6.5.2003 | Von:
Uwe Halbach

Russlands muslimische Ethnien und Nachbarn

Mit der Beteiligung Russlands am internationalen "Kampf gegen den Terrorismus" verdeckt Moskau sein Vorgehen in Tschetschenien. Insgesamt ist das Verhältnis der Russen zu den muslimischen Ethnien im eigenen Land sehr gespannt.

Einleitung

Wie in vielen Ländern Europas bilden Muslime in Russland die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft, und zwar nach der Russisch-Orthodoxen Kirche vor dem Judaismus und dem Buddhismus, die als die traditionellen Religionen auf dem Territorium der Russischen Föderation (RF) gelten. Ihre im Vergleich zur russischen Bevölkerungsmehrheit wachsende Zahl wird in russischen Quellen mit zwischen acht und mehr als 20 Millionen angegeben. Dazu zählen Angehörige von etwa 40 Völkern - wie etwa die Tataren, die größte muslimische Nationalität des Landes (5,5 Mio.), die mit dem gleichen Recht wie die Russen ihre historische Heimat auf dem Territorium der Russischen Föderation erblicken -, aber auch Migranten aus GUS-Staaten, wie u. a. Aserbaidschaner, Usbeken, Tadschiken, die den wirtschaftlichen Problemen ihrer Heimatländer entfliehen und Arbeit in dem ökonomisch besser gestellten Russland suchen, dabei aber auf wachsende antimuslimische und antikaukasische Ressentiments in der russischen Öffentlichkeit stoßen.

Muslime leben auf dem gesamten Territorium der Russischen Föderation, von St. Petersburg bis zum Fernen Osten, in größerer Zahl in Moskau und einigen anderen Städten in zentralen und südlichen Landesteilen. Die relativ kompakten "Muslimregionen" sind die Wolga-Ural-Region sowie der Nordkaukasus am Südrand des Landes. Diese beiden "islamischen Massive" Russlands sind denkbar unterschiedlich, was ihre Integration in die Staatlichkeit und Wirtschaft Russlands, ihre sozialökonomische Entwicklung und sozialkulturellen Bedingungen betrifft.


Überhaupt bilden Muslime in Russland keine homogene, organisatorisch geschlossene Gemeinschaft. Das kommt schon in der starken Zersplitterung der offiziellen islamischen Verwaltungsstrukturen zum Ausdruck. Existierten in sowjetischer Zeit auf dem Territorium der heutigen Russischen Föderation zwei Geistliche Verwaltungen (Muftiate) - eine in Ufa für die Muslime im europäischen Teil Russlands und in Sibirien sowie eine im Nordkaukasus -, so entstanden beim Zerfall der Sowjetunion in den nationalen Teilrepubliken und Regionen der Russischen Föderation Dutzende Muftiate auf regionaler, lokaler und ethnischer Basis. Aber nicht nur auf der Verwaltungsebene spiegelt sich die Heterogenität der "russländischen Muslime" wider. Der Islam bei den Tataren hat eine andere Prägung als bei den dagestanischen und anderen nordkaukasischen Völkern. Identifizieren sich tatarische Muslime mit Europa und verweisen dabei auf die bedeutendste Modernisierungsbewegung unter Muslimen des Zarenreichs: auf die Djadiden(Erneuerer)-Bewegung unter den Krim- und Wolgatataren des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, so stand Dagestan bis an die Schwelle zur Sowjetzeit eher in kultureller Verbindung zur arabisch-islamischen Welt des Vorderen Orients. Ist die Wolga-Ural-Region bei aller Autonomiebestrebung der Republik Tatarstan mit der Staatlichkeit und Wirtschaft Russlands eng verbunden, so galt der Nordkaukasus schon in der zaristischen und sowjetischen Vergangenheit als eine mit dem Rest des Landes nur schwach verbundene Kolonialperipherie. Die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Russland und seinen Muslimen wird seit der Mitte der neunziger Jahre zunehmend dadurch bestimmt, dass das Bild, das sich die russische Öffentlichkeit von Muslimen macht, immer stärker "vom Rand her" geprägt wird - von den gewalthaften Krisenlagen im Nordkaukasus und insbesondere vom andauernden Krieg in Tschetschenien.



Außenpolitik

Russland und die Europäische Union

Das Partnerschafts- und Kooperationsabkommen ist das zentrale Papier in den Beziehungen Russlands mit der EU. Seine normative Ausrichtung blockierte aber lange Zeit das Verhältnis der Partner. Erst seit 2008 nähern sich beide Seiten wieder einander an.

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