Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt während der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages am 24.10.2017 im Plenarsaal im Reichstagsgebäude in Berlin aus der Wahlkabine.

12.10.2018 | Von:
Hedwig Richter

Demokratiegeschichte ohne Frauen? Ein Problemaufriss

Demokratie und Reformen

Was ist Demokratie? Eine auf heutige Demokratievorstellungen fixierte, normativ festgelegte Definition, wie sie etwa Freedom House mit klaren Kategorien von rechtsstaatlichen oder freiheitlichen Standards auflistet, kann für aktuelle politikwissenschaftliche Fragestellungen hilfreich sein. Doch demokratiehistorisch erlauben es solche Definitionen nicht, Demokratieentwicklungen vor 1919 oder selbst vor 1945 sinnvoll zu analysieren – sei es in den USA, wo ein beträchtlicher Teil der Erwachsenen bis in die 1960er Jahre de facto vom Wahlrecht ausgeschlossen blieb, oder in Europa, wo wie in Frankreich oder Belgien die Frauen erst zur Jahrhundertmitte das volle und gleiche Wahlrecht erhielten. Entscheidend ist jedoch, dass es sich bei Demokratie stets um Vorstellungen und Praktiken von Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit handelt.[13] Neu an Demokratievorstellungen der Moderne war die Vorstellung der Gleichheit für alle – die Grundlage für Freiheit und Gerechtigkeit. Gleichheit für wenige, das gab es schon in der Antike, aber auch in mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Wahlgremien. Doch mit der Aufklärung brach sich die Idee einer inkludierenden Gleichheit immer radikaler Bahn. Dabei bleibt die Ambivalenz "universaler Gleichheit" faszinierend, insbesondere die Frage, warum immer mehr in diese Gleichheitsvorstellung einbezogen wurden, Frauen jedoch so lange außen vor blieben.

Für diesen Demokratiebegriff, der mit einem erweiterten Begriff von Politik und citizenship einhergeht, rücken Reformen in den Vordergrund. Das ist umso wichtiger, als Reformen – wie Studien aus der Transformationsforschung zeigen – viel eher zu einem funktionierenden, stabilen Parlamentarismus führen als Revolutionen.[14] Die Historikerin Paula Baker untersucht den Reformimpetus im 19. Jahrhundert und sieht als wesentlichen Teil davon die "domestication of politics" während des 19. Jahrhunderts: Das bedeutet einerseits die Inkorporation der häuslichen Sphäre in die Politik, andererseits die "Zähmung" des zuvor als männlich gedachten politisch-öffentlichen Einflussbereichs.[15] Die Frauenrechtlerinnen und Reformerinnen, die sich seit der Jahrhundertmitte vereinzelt und dann verstärkt um die Jahrhundertwende organisierten und politisch Gehör verschafften, kämpften beispielsweise in der kommunalen Armenfürsorge oder gegen die diskriminierenden Prostitutionsregulierungen. Oft in der kirchlichen Sozialarbeit verankert, dachten sie Familien- und Wahlrecht zusammen, richteten Lesesäle für Frauen ein und engagierten sich für Mutterschutz, für eine gewaltfreie Pädagogik oder für hygienischere Wohnverhältnisse.[16] Wer diese "domestication of politics" und Reformgeschichte nicht ausblendet, bezieht einen gewichtigen Teil der Demokratiegeschichte in die Analyse ein, denn die Reformen trugen wesentlich zur Herausbildung des Sozialstaats bei, eine der zentralen Säule von Demokratie.[17] Gemeinsam mit der Frauenbewegung fand die Reformbewegung bereits vor dem Ersten Weltkrieg einen Höhepunkt.[18]

Fußnoten

13.
Vgl. dazu die umsichtigen Ausführungen von Müller (Anm. 11), insb. S. 29.
14.
Vgl. etwa Erica Chenoweth/Maria J. Stephan, Why Civil Resistance Works. The Strategic Logic of Nonviolent Conflict, New York 2011; Jan Teorell, Determinants of Democratization. Explaining Regime Change in the World. 1972–2008, Cambridge 2010.
15.
Paula Baker, The Domestication of Politics: Women and American Political Society. 1780–1920, in: American Historical Review 3/1984, S. 620–647.
16.
Zur Bedeutung des Familienrechts für die Frauenbewegung Marion Röwekamp, "The Double Bind". Von den Interdependenzen des Frauenwahlrechts und des Familienrechts vor und nach 1918, in: Hedwig Richter/Kerstin Wolff (Hrsg.), Frauenwahlrecht. Demokratisierung der Demokratie in Deutschland und Europa, Hamburg 2018, S. 99–121.
17.
Vgl. Thomas Meyer, Theorie der Sozialen Demokratie, Wiesbaden 20112.
18.
Vgl. aus der reichhaltigen Forschung etwa Kerstin Wolff, Anna Pappritz. Die Rittergutstochter und die Prostitution, Roßdorf 2017; Sabine Freitag, Kriminologie in der Zivilgesellschaft. Wissenschaftsdiskurse und die britische Öffentlichkeit. 1830–1945, München 2014; Angelika Schaser, Frauenbewegung in Deutschland 1848 bis 1933, Darmstadt 2006; Gro Hagemann et al. (Hrsg.), Women’s Politics and Women in Politics. In Honor of Ida Blom, Oslo 2000; Gisela Bock/Pat Thane, Maternity and Gender Politics. Women and the Rise of the European Welfare States. 1880s–1950s, London–New York 1991; Richter/Wolff (Anm. 16). Daniel Rodgers spricht von einer "atlantischen Ära der Sozialpolitik" für die Zeit von 1870 bis zum Zweiten Weltkrieg, in: Daniel Rodgers, Atlantiküberquerungen. Die Politik der Sozialreform. 1870–1945, Stuttgart 2010, S. 14f.
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Autor: Hedwig Richter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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