Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt während der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages am 24.10.2017 im Plenarsaal im Reichstagsgebäude in Berlin aus der Wahlkabine.

12.10.2018 | Von:
Hedwig Richter

Demokratiegeschichte ohne Frauen? Ein Problemaufriss

Demokratie und Geschlecht

Drittens schließlich wird mit der Erweiterung des Zugriffs die Reflexion darüber fortgesetzt, wie sich die nahezu exklusive Verbindung der Demokratiegeschichte mit Männlichkeit erklären lässt. Und zwar auf zwei Ebenen: Einerseits wurden Demokratie und Partizipation tatsächlich bis ins 20. Jahrhundert als männlich gedacht, konzipiert und praktiziert (wobei die Dinge in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Bewegung kamen und um die Jahrhundertwende ernsthaft die politische Lage aufmischten) – man denke etwa an die dezidiert maskulinen Inszenierungen der Stimmabgabe im 19. Jahrhundert mit viel Alkohol und körperlicher Gewalt.[28] Andererseits aber hat ein gewichtiger Teil der Forschung zur Demokratiegeschichte diese tiefe geschlechtliche Durchdringung kaum reflektiert und beispielswese die demokratische Männlichkeit tatsächlich wie die Zeitgenossen als "Universalität" verstanden.

Nicht zuletzt der ideengeschichtliche Zugang zur Demokratiegeschichte spiegelt zuweilen eher die historische Geschlechtlichkeit von Demokratie wider, als dass er sie analysiert, wenn er von den Männern auf der Agora bis zu den Arbeitern in Massenparteien alles integriert, aber mit den Frauen konsequent die Hälfte der Menschheit ausblendet. "Das Studium der historischen Texte ist ein wichtiger Teil", erklärt die Historikerin Carole Pateman, "aber die meisten der gängigen Interpretationen der Texte übersehen nach wie vor die Tatsache, dass faktisch jede Theorie auf den Mann als den politischen Akteur hin entworfen ist".[29] Ein erweiterter Demokratie- und Politikbegriff ermöglicht es, beide Geschlechter in den Blick zu nehmen, indem er Entwicklungen einbeziehen kann, die für Demokratisierungsprozesse unverzichtbar waren, wie den Ausbau des Sozialstaates oder den Aktionsraum der Kommunen und Kirchen.

Geschlechter- und insbesondere Frauengeschichte drängt die Demokratieforschung dazu, sich erneut und konsequenter mit dem Konzept von Gleichheit auseinanderzusetzen. Die Forderung nach universaler Gleichheit und Freiheit stand seit dem Revolutionszeitalter im ausgehenden 18. Jahrhundert im Zentrum demokratischer Reflexionen: der Anspruch, dass die Gleichen Kraft ihrer Freiheit die Herrschaft ausüben und in Freiheit ihr Leben gestalten.[30] Moderne Demokratie heißt in letzter Konsequenz die egalitäre Relevanz aller Menschen – gerade auch für die Herrschaft. Und damit rückt Geschlecht ins Herz der Forschung über Macht und Politik. Geschlecht, das zu den wirkmächtigsten Produzenten von Ungleichheit gehört, konstituiert Vorstellungen von Herrschaft und trägt wesentlich zur Konstruktion des modernen Staates bei.[31]

Fußnoten

28.
Vgl. etwa Richard Bensel, The American Ballot Box in the Mid-Nineteenth Century, Cambridge 2004.
29.
Carole Pateman, Beyond Suffrage. Three Questions About Woman Suffrage, in: Caroline Daley/Melanie Nolan (Hrsg.), Suffrage and Beyond. International Feminist Perspectives, New York 1994, S. 331–348, hier S. 337. Übersetzung der Autorin.
30.
Vgl. dazu pointiert Christoph Möllers, Demokratie. Zumutungen und Versprechen, Berlin 2008, S. 7–26; Müller (Anm. 11), S. 22–30.
31.
Vgl. Joan W. Scott, Gender. A Useful Category of Historical Analysis, in: The American Historical Review 5/1986, S. 1053–1075; Young (Anm. 22), S. 267–304.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Hedwig Richter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.