Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt während der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages am 24.10.2017 im Plenarsaal im Reichstagsgebäude in Berlin aus der Wahlkabine.

12.10.2018 | Von:
Hedwig Richter

Demokratiegeschichte ohne Frauen? Ein Problemaufriss

Fazit

Der zähe Ausschluss der Frauen erweist sich im Kontext der allgemeinen Wahlrechtsgeschichte als überaus erklärungsbedürftig. Und der gängige Hinweis, das liege eben daran, dass Frauen die private Sphäre, Männern hingegen die öffentliche zugeteilt gewesen sei,[32] erscheint als zentrale Antwort doch wenig überzeugend. Denn warum sollte gerade dieser besonders junge Diskurs, der erst in der Moderne ausdekliniert wurde, so besonders stabil sein, wenn doch andere Exklusionsmuster – wie Religion, Klasse und "Rasse" – in Anbetracht der egalisierenden Kraft der Staatsbürgerschaft so erfolgreich infrage gestellt wurden? Frauen bildeten eine der wenigen Gruppen, die intensiv und über einen langen Zeitraum hinweg um ihr Wahlrecht gekämpft haben. Während die Einbeziehung von immer mehr Männern im Verlauf des 19. Jahrhunderts häufig sogar von oben oktroyiert wurde, blieb Frauen das Wahlrecht trotz ihres Engagements über Jahrzehnte verwehrt.[33] Und dieser Ausschluss gestaltete sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bemerkenswert unumstritten und stabil.[34]

Warum hielt die Exklusion von Frauen aus dem Gleichheitsverständnis so problemlos an? Diese immer wieder gestellte Frage bleibt essenziell, und die Forschung dazu reißt nicht ab.[35] Daran schließt sich die Frage an, warum dann um die Jahre des Ersten Weltkriegs in vielen Ländern möglich wurde, was sich die Jahrzehnte zuvor schlicht als abwegig dargestellt hatte: die Anerkennung von Frauen als Gleiche, als politische Subjekte.[36] Das wiederum führt zu der Frage, wie das universale Wahlrecht aufgenommen wurde und welche Wirkungen es hatte.

Fußnoten

32.
Vgl. dazu den viel diskutierten Klassiker von Karin Hausen, Die Polarisierung der "Geschlechtscharaktere". Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Werner Conze (Hrsg.), Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas, Stuttgart 1976, S. 363–392.
33.
Vgl. Hilda Sabato, Citizenship, Political Participation and the Formation of the Public Sphere in Buenos Aires 1850s–1880s, in: Past and Present 8/1992, S 139–163; Alexander Keyssar, Voting, in: Michael Kazin/Rebecca Edwards/Adam Rothman (Hrsg.), Princeton Encyclopedia of American Political History, Princeton 2009, S. 854–863; Ruth B. Collier, Paths toward Democracy. The Working Class and Elites in Western Europe and South America, Cambridge 1999; vgl. auch den Forschungsüberblick in Hedwig Richter/Hubertus Buchstein, Eine Neue Geschichte der Wahlen. Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Kultur und Praxis der Wahlen. Eine Geschichte der modernen Demokratie, Wiesbaden 2017, S. 1–27.
34.
Vgl. Paula Bartley, Votes for Women 1860–1928, London 2003.
35.
Um nur einige der neueren einschlägigen Arbeiten zu nennen: Blom (Anm. 20), S. 600–620; Angela K. Smith, Suffrage Discourse in Britain During the First World War, New York 2016; Sandra F. VanBurkleo, Gender Remade. Suffrage, Citizenship, and Statehood in the New Northwest. 1879–1912, Cambridge 2015; Zoé Kergomad, An die Urnen, Schweizerinnen! Die Erfindung der Wählerin im eidgenössischen Wahlkampf von 1971, in: Richter/Buchstein (Anm. 32), S. 237–265.
36.
Zum Fragenkatalog siehe Pateman (Anm. 29), S. 331–348.
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Autor: Hedwig Richter für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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