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Künste und kulturelle Bildung als Kraftfelder der Kulturpolitik


6.5.2003
Bei aller gesellschaftlichen Verpflichtung darf das Kulturelle nicht nur als Mittel zum Zweck dienen. So sollte die kulturelle Bildung an Schulen wieder stärker gepflegt werden.

I. Begründungsmuster fürKulturpolitik



Die Kulturpolitik ist nach einer Phase des Aufbruchs und des Wachstums während der siebziger Jahre in der Folgezeit in die Defensive geraten. In der Aufbruchphase der "Neuen Kulturpolitik" hatte diese proklamiert, Kulturpolitik sei Gesellschaftspolitik, und sie hat dieses Motto zu dem Programmsatz "Kultur für alle und von allen" verdichtet. In den achtziger und neunziger Jahren wurden kulturpolitische Diskussionen auf der Grundlage eines weiten Kulturverständnisses geführt, das eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Kulturbegriffe zu integrieren suchte.[1] Dieses Element zeitgemäßer Kulturpolitik wurde letztlich aus der Praxis der Soziokultur übernommen. Ohne einen solchen weiten Kulturbegriff würden wir in der Tat die Herausforderungen in diesem gesellschaftlichen Feld nicht wirklich verstehen können, uns in Abgehobenheit verlieren. Der weite Kulturbegriff, der den Blick für die Vielfalt der kulturellen Erscheinungsformen und Anbieter geöffnet hat, ist inzwischen nicht nur die Basis für die Arbeit der Kultureinrichtungen, sondern auch für die Reflexion der ästhetischen Dimension kulturpolitischer Entscheidungsfindung.[2]

Bisweilen haben wir jedoch die Kultur eher als Mittel zum Zweck und nicht als Selbstzweck angesehen: Kultur als Kreativitätsfaktor, als Standortfaktor, Kultur als Imagefaktor, als Lebens- und Überlebensmittel. Anders gesagt: Manchmal ging es mehr um "Kultur für alles" als um "Kultur für alle". Solche inhaltlichen Defizite waren in gewisser Weise "im Projekt einer primär sozial motivierten neuen Kulturpolitik angelegt"[3]. Gleichwohl war diese neue Kulturpolitik äußerst erfolgreich. Die Entwicklung des Museums- und Theaterbesuchs, die Vielzahl und Vielfalt hochklassiger kultureller Ereignisse, aber auch die Soziokultur zeigen das in beeindruckender Weise. In diesem Sinne war "Kultur für alle" zweifellos ein Erfolgsmotto.

Angesichts der schwierigen Situation der öffentlichen Haushalte sind es vor allem zwei Argumentationsstränge, mit denen sowohl der Erhalt als auch der Ausbau kultureller Einrichtungen und damit ein Fortschreiben des Mottos "Kultur für alle und von allen" immer wieder begründet werden:

- Die Kultur müsse sich gegen andere gesellschaftliche Felder behaupten, wenn die Gesellschaft nicht elementare Substanzverluste (Utopieverlust, Humanitätsverlust, Phantasieverlust, Freiheitsverlust, Gerechtigkeitsverlust) erleiden solle. Dabei wird Kulturpolitik - das ist die implizite Voraussetzung dieses Argumentationsganges - durchweg zur zentralen Voraussetzung für "Kultur" erklärt.

- Kultur wird zumeist mit "Kunst" und "Hochkultur" - inzwischen mitsamt der Soziokultur - gleichgesetzt. "Kunst" und "Hochkultur" müssten sich gegen die moderne "Massenkultur" behaupten, deren Wirkung sich im Wesentlichen auf flache Unterhaltung reduziere.

Beide Argumente sind jedoch brüchig geworden, reichen zur Begründung von Kulturpolitik heute bei weitem nicht mehr hin: Zum einen finden wir kaum mehr richtige Antworten auf die Frage, nach welchen Kriterien sich die Grenzen zwischen "Hochkultur" und "Massenkultur" ziehen lassen.[4] Tragen diese Begriffe inhaltlich und soziologisch überhaupt noch? "Massenkultur" ist keineswegs a priori mit Niveaulosigkeit gleichzusetzen; umgekehrt gibt es "Hochkultur" von bisweilen jämmerlicher Qualität und Kreativität. Für manche Sektoren der "Hochkultur" wie die Literaturproduktion, die bildende Kunst oder auch den Jazz spielen kommunale und staatliche Kulturpolitik eine ganz untergeordnete Rolle. Zum anderen können die erwähnten Behauptungen von Substanzverlusten, die nach gängiger Argumentation bei der Reduzierung von kulturellen bzw. kulturpolitischen Leistungen drohen, auch untereinander in Streit geraten. So könnte man im Finanzierungs-Konfliktfall ein Theater und ein soziokulturelles Zentrum über Begriffspaare wie "Freiheitsverlust versus Gerechtigkeitsverlust" oder "Utopieverlust versus Humanitätsverlust" durchaus gegeneinander in Stellung bringen.

Als besonders schwierig erweist sich die Begründung kulturpolitischer Einzelentscheidungen, da sie erstens eine Gewichtung ethischer und ästhetischer Urteile voraussetzt, zweitens oft primär von ihrerseits notwendigen und begründeten äußeren Faktoren wie der demokratischen Konsens- oder Mehrheitsbildung abhängt, die neben kulturpolitischen auch sozial- oder wirtschaftspolitische Aspekte zu berücksichtigen hat.

Angesichts der Komplexität und Vielgestaltigkeit kulturpolitischer Begründungsmuster ist es nicht verwunderlich, dass sich in der kulturpolitischen Debatte verschiedene Perspektiven herausgebildet haben, aus denen heraus Kulturpolitik betrachtet wird. Sie führen zu einer Reduktion der Komplexität durch eingeschränkte Perspektive. Dabei haben sich vor allem folgende drei Begründungsansätze herausgeschält:[5]

- Zum einen wird Kulturpolitik "von der öffentlichen Hand her" begründet: Kultureinrichtungen sind auch bei knapper werdenden Mitteln zu erhalten. Es geht um die "Aufrechterhaltung des Kulturbetriebs". Hierbei spielen Qualitätsgesichtspunkte zwar eine Rolle, doch der Abbau von Standards wird im Zweifelsfall hingenommen. Dabei steht oft die Wahrung berufsständischer Interessen oder fachlicher Positionen vorne an.

- Zum zweiten wird Kulturpolitik "von den Bürgern her" fundiert. Freiwilligenarbeit, bürgerschaftliches und ehrenamtliches Engagement können und sollen danach die öffentliche Förderung ergänzen, wenn nicht gar ersetzen.[6] Doch auch diese Sichtweise ist eher traditionell. Es geht dort zwar um das Aufgreifen bürgerschaftlicher Initiative, doch diese soll im Wesentlichen auf die Stützung öffentlicher Kultureinrichtungen im Rahmen ihrer bisherigen Programmatik ausgerichtet werden.

- Kulturpolitik wird schließlich, drittens, "von der Ökonomie her" gedacht.[7] Dieses Argumentationsmuster setzt auf Kultur als Standortfaktor, auf die volkswirtschaftliche Bedeutung von Kunst und Kultur, auf Arbeitsplätze und das effektive Wirtschaften mit öffentlichen Geldern im Rahmen der Kulturbetriebe.

Diese drei Perspektiven helfen zwar bei der Analyse der "Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik" weiter. Doch bedürfen kulturpolitische Begründungen letztlich einer integrativen Argumentationsstruktur: Diese umfasst inhaltliche Ansätze - denn der öffentliche Gestaltungsauftrag bezieht sich auf Inhalte wie Theater, Musik und Literatur - sowie die Ausgestaltung von Partnerschaften mit den vielfältigen Akteuren und Trägern des kulturellen Lebens im öffentlichen, privaten und unternehmerischen Bereich.

Ich halte es unter diesen Vorzeichen für geboten, eine kulturpolitische Offensive einzuleiten, die zwei inhaltliche Kraftfelder und für die Kulturpolitik zentrale argumentative Ausgangspunkte hat:

- Das erste Kraftfeld bilden die Künste; sie sind gleichsam der "Motor" der Kultur;

- das zweite Kraftfeld ist die kulturelle Bildung, die kreative Allianz zwischen Bildung, Kunst und Kultur.

In diesem Beitrag wird der Versuch unternommen, vor dem Hintergrund einer "Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik" diese beiden Kraftfelder der Kulturpolitik - die Künste und die kulturelle Bildung - zu fokussieren und die Begründungsmuster für Kulturpolitik in einer neuen, integrativen Argumentationsstruktur zusammenzuführen: Staat und Kommunen haben die kulturelle "Grundversorgung" in Verantwortungspartnerschaft mit anderen Akteuren und dabei insbesondere die Förderung und Entfaltung der Künste sowie qualitätsvolle Angebote der kulturellen Bildung zu gewährleisten.


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Fußnoten

1.
Siehe dazu die unterschiedlichen Beiträge in dem Sammelband von Oliver Scheytt/Michael Zimmermann (Hrsg.), Was bleibt? Kulturpolitik in persönlicher Bilanz, Essen 2001.
2.
Vgl. Michael Naumann, Was ist Kultur? Über gesellschaftliche Selbstvergewisserung in Zeiten der Moderne, in: ders., Die schönste Form der Freiheit, Berlin 2001, S. 33-62.
3.
Julian Nida-Rümelin, Perspektive 2000 - Herausforderungen an die Kulturpolitik, in: Kulturpolitische Mitteilungen, Nr.89 (II/2000), S. 24.
4.
Wolfgang Thierse spricht in diesem Zusammenhang zu Recht von einer vielgestaltigen, sich ständig wandelnden "demokratischen Kultur", die "immer der Raum einer menschenverträglichen Ungleichzeitigkeit" sei. "Kultur meint in diesem Sinne das jeweils geistig und ästhetisch Herausfordernde, die phantasievolle Kritik, das Neue jenseits der abgegriffenen Normalität und nicht zuletzt auch die kluge und anregende Unterhaltung." Wolfgang Thierse, Kulturpolitik im Vakuum?, in: Kulturforum der Sozialdemokratie (Hrsg.), Kulturnotizen, 5/2001, S. 5-18.
5.
Vgl. die instruktiven Analysen dazu von Dieter Kramer, Handlungsfeld Kultur: Zwanzig Jahre Nachdenken über Kulturpolitik, Essen 1996, insbesondere S. 13ff. und 32ff.
6.
Einen umfassenden Überblick geben zu diesem kulturpolitischen Handlungsfeld die Dokumentationen der Kulturpolitischen Gesellschaft Nr. 55 und 59; vgl. ferner Bernd Wagner (Hrsg.), Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftliches Engagement in der Kultur, Bonn 2000, sowie Bernd Wagner/Kirsten Witt, Engagiert für Kultur. Beispiele ehrenamtlicher Arbeit im Kulturbereich, Bonn 2003.
7.
Siehe dazu aus der Fülle der Veröffentlichungen zu diesem Thema den Sammelband von Hilmar Hoffmann (Hrsg.), Kultur und Wirtschaft. Knappe Kassen - Neue Allianzen, Köln 2001.