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6.5.2003 | Von:
Yasemin Soysal

Kulturelle Standortbestimmung Europas

Wo findet europäische Identität statt?

Hinsichtlich der Bildungspolitik bietet die eher weniger strukturierte und formalisierte Art dieses Politikbereichs der EU (im Gegensatz zu Finanz-, Wirtschafts- oder Sicherheitsthemen) eine Möglichkeit für verschiedene Akteure, Initiativen außerhalb der strengen intergouvernementalen Verhandlungsstrukturen zu ergreifen. Bildung bleibt eine vorrangige Angelegenheit der Mitgliedstaaten; sie war noch bis vor kurzem von der supranationalen Politik nicht allzu sehr berührt. Mit dem Vertrag von Maastricht erhielt die Bildungspolitik ihre eigene Generaldirektion.[8] Seitdem hat die Union verschiedene Bildungsinitiativen entwickelt. Allerdings beschränkten sich diese vielfach auf die Anerkennung von Abschlüssen, die berufsbezogene Ausbildung, Kontakte zwischen Bildungseinrichtungen sowie auf Austausch- und Sprachunterrichtsprogramme. Die Entwicklung und der Inhalt von Lehrplänen werden noch immer hartnäckig durch die Nationalstaaten überwacht, trotz der EU-Resolutionen zu "europäischen Inhalten/der europäischen Dimension" in schulischen Lehrplänen. Wissenschaftler kritisieren, dass die Versuche der Kommission, die Bildung zu europäisieren, begrenzt bleiben und nicht wirksam sind.[9]

Dennoch gibt es auf der europäischen Ebene eine enorme Aktivität, die in ihrer Gesamtheit zur Schaffung eines affektiven "Europäischseins" im Bildungsbereich beiträgt: Netzwerke und Interessengruppen, Lehrervereinigungen und -verbände, zumeist unter der Schirmherrschaft von UNESCO, Europarat und anderen inter- und transnationalen Organen. Darüber hinaus gibt es eine wachsende Zahl von beratenden Komitees, die sich aus wissenschaftlichen Experten und Technokraten zusammensetzen, welche die Regierungspolitik über verschiedene Kanäle beeinflussen. Ihre Aktivitäten werden durch europäische Netzwerke sowohl organisatorisch als auch symbolisch ausgeweitet; sie erleichtern ein Klima des "Europäischseins" sowie die Förderung europäischer Bildung und Werte.

Zu den wichtigsten Aktivitäten gehören die Tätigkeiten internationaler Komitees und Organisationen, die sich an der Überarbeitung von Geschichtslehrbüchern beteiligen und umstrittene Geschichtsdarstellungen korrigieren. Verschiedene solcher Initiativen lassen sich aufzählen, zum Beispiel das gemeinsame Komitee von Deutschland, Frankreich, Polen, der Tschechischen Republik und zuletzt von Griechenland und der Türkei. Diese Komitees arbeiten daran, die Lerninhalte über die historischen Beziehungen zwischen Nachbarstaaten aufeinander abzustimmen, umstrittene Geschichtsdarstellungen zu überarbeiten und eine Annäherung zwischen "ehemaligen Feinden" herbeizuführen. Die Vereinigung europäischer Geschichtslehrer organisiert Workshops, um die Darstellung umstrittener historischer Ereignisse und Persönlichkeiten der europäischen Geschichte zu debattieren. Das Problem von Kompromissen ist allerdings die Vermeidung von Konflikten: Bei solchen Konferenzen wurden die Wikinger von rohen Kriegern nun zu beherzten Händlern, die weite Strecken zurücklegten. Spanische, niederländische, portugiesische und englische Geschichtslehrer kamen in Toledo zusammen und diskutierten die "kontroverse Persönlichkeit" Philipps II. und seine Zeit - und formten sein Vermächtnis um zu einem, das eher im Fortschritt in Kunst und Literatur liegt als in der gewaltsamen Verwurzelung des Katholizismus in Europa. Dies alles sind Bemühungen, um die "einzigartigen nationalen Helden und Feinde" zu rehabilitieren sowie ein europäisches Erbe neu zu schaffen, das nicht aus Kriegen und Konflikten besteht, sondern aus einer positiven gemeinsamen Vergangenheit.

Eine andere wirksame Form, ein affektives "Europäischsein" zu schaffen, ist die Etablierung von europäischen Bildungsstatistiken, die sozial und politisch einen Bildungsraum umfassen. Diese Statistiken machen abstrakte Vorstellungen vom europäischen Raum "greifbar", indem eine gemeinsame Sprache geschaffen und formale Wege des Verstehens und der Erfolgsmessung für ganz Europa standardisiert werden.[10]

Alle diese Versuche, bisherige Geschichtsdarstellungen zu überdenken und standardisierte, allgemeine Messverfahren zu schaffen, sind der Auftakt zu einer koordinierten Entwicklung von Unterricht und Lehrplänen sowie zu gemeinsamen Bildungszielen und -ergebnissen. Dies sind Bewegungen in Richtung dessen, was Laura Cram vielleicht zu kritisch als die Banalisierung Europas bezeichnet - ein Europa, das "Teil der alltäglichen Routine"[11] wird, Europa als Selbstverständlichkeit, als tägliche Realität.

Genau hier aber geschieht die gewünschte Europäisierung (die Schaffung Europas, wenn man so will) und entwickelt sich der europäische Raum: hauptsächlich außerhalb intergouvernementaler Strukturen und formaler EU-Institutionen, durch informelle institutionelle Prozesse, zumal im Erziehungs- und Bildungsbereich.

Zugegebenermaßen beruhen die hier vorgebrachten Argumente auf einer bestimmten Darstellung Europas, wie sie in Schulbüchern und Lehrplänen sowie in Bildungskreisen praktiziert wird. Diese Schilderung Europas mag als begrenzt und eingeschränkt kritisiert werden. Aber Schulbücher und Lehrpläne sind nicht als Texte selbst wichtig, sondern wegen der sozialen und politischen Debatten, Kämpfe und Orientierungen, die dahinter stehen. Schulbücher und Lehrpläne spiegeln die offiziellen und kodifizierten Sichtweisen Europas wider, doch diese sind auch zunehmend Produkte der Arbeit eines effektiven Netzwerks von Akteuren, die sich intensiv am Diskurs über Europa beteiligen. Durch ihre Aktivitäten wird die Wahrnehmung, das Bild Europas ständig anders betrachtet, revidiert und neu vermessen.

Europa ist ein strittiges und unfertiges Projekt, offen für Modifikationen und neue Entwicklungen. Doch was noch wichtiger ist: Es sollte niemals mit einer schlüssigen und einheitlichen Darstellung enden. Denn nur in dieser Art Europa (und der Art von pluraler Identität, die es ermöglicht) finden sowohl der Osten und der Westen als auch der Süden und der Norden ihren Platz und werden somit Bestandteil eines vielfältigen kulturellen Europas.


Fußnoten

8.
Generaldirektion XXII für Bildung und Kultur.
9.
Vgl. T. Theiler, The European Union and the 'European Dimension` in Schools: Theory and Evidence, in: European Integration, 21 (1999), S. 307 - 341, für eine umfassende Untersuchung der EU-Aktivitäten auf dem Gebiet der Bildung.
10.
Vgl. C. Shore, Building Europa: The Cultural Politics of European Integration, Routledge 2000.
11.
L. Cram, Imagining the Union: the Case of Banal Europeanism?, in: H. Wallace (Hrsg.), Whose Europe: Interlocking Dimension of European Integration, London 2001.