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6.5.2003 | Von:
Anton Sterbling

Eliten in Südosteuropa

Rolle, Kontinuitäten, Brüche

Die alte Nomenklatura konnte in den ehemals kommunistischen Ländern Südosteuropas ihren Einfluss erneut in ökonomische Vorherrschaft und politische Macht ummünzen. Es drohen Klientelismus und Korruption.

I. Modernisierungskrise, Systemwechsel und die Rolle der Eliten in Südosteuropa

Die ehemals kommunistisch beherrschten Staaten Südosteuropas haben seit 1989 einen tief greifenden Wandel erfahren. Demokratischer Aufbruch, marktwirtschaftliche Transformationsprozesse, rechtsstaatliche und zivilgesellschaftliche Entwicklungen, kulturelle Pluralisierung und die Annäherung an die Europäische Union (EU) sind einige Stichworte, die diese Veränderungen umschreiben.[1] In der Grundtendenz handelt es sich um einen komplexen Modernisierungsvorgang, durch den eine tiefe und folgenreiche Entwicklungskrise überwunden werden soll. Diese Krise wurde hauptsächlich durch die jahrzehntelange kommunistische Herrschaft und eine ungleichförmige, Unfreiheit, Retardierungen und Spannungen erzeugende "partielle Modernisierung" unter sozialistischen Vorzeichen herbeigeführt. Sie ist aber auch das Ergebnis einer langfristigen, in die vorsozialistische Zeit zurückreichenden sozialen und wirtschaftlichen Rückständigkeit sowie kultureller Ambivalenzen und nicht zuletzt überkommener Demokratiedefizite.[2]



Der "Systemwechsel", der nach 1989 in nahezu allen südosteuropäischen Gesellschaften einsetzte, hat gewiss nicht überall und sofort die Hoffnungen erfüllt. Weit reichende Wohlstandserwartungen wurden zunächst vielfach enttäuscht.[3] Die Demokratisierungsprozesse verliefen zum Teil spannungsreich und waren von Rückschlägen gekennzeichnet. Interethnische Konflikte und natio-nalistische Bestrebungen führten im ehemaligen Jugoslawien zum staatlichen Zerfall, zu militärischen Auseinandersetzungen, Verbrechen an der Zivilbevölkerung, Flucht und Vertreibungen.[4] Aber auch in Bulgarien, Rumänien oder Albanien kam es in den neunziger Jahren zu kritischen Situationen und zeitweilig bürgerkriegsähnlichen Konfrontationen. In nahezu allen südosteuropäischen Staaten waren und sind - gleichsam als Hypothek der sozialistischen Fehlentwicklungen, aber auch aus anderen Gründen - erhebliche wirtschaftliche Übergangs- und Anpassungsschwierigkeiten, massive soziale Probleme sowie sozialstrukturelle Verwerfungen zu konstatieren.[5]

Erst seit kurzer Zeit - nicht zuletzt seit der demokratischen Wende in Serbien - kann man nahezu überall von einem konsolidierten Modernisierungsprozess sprechen. Mit den gesamteuropäischen Entwicklungen und der in die Wege geleiteten EU-Osterweiterung zeichnen sich zudem gute Chancen der Verstetigung und Beschleunigung dieser Modernisierungsvorgänge ab, wenngleich die Schwierigkeiten einer weiteren europäischen Integration nicht übersehen werden sollten.[6]

Bei all diesen Vorgängen kam und kommt den Eliten eine Schlüsselrolle zu.[7] Wer aber sind die Eliten? Was ist mit dem Elitenbegriff gemeint?


Fußnoten

1.
Dieser Beitrag geht auf meinen Einführungsvortrag "Elitenbildung in den Donauländern" zu der Podiumsdiskussion "Neue Eliten an der Donau. Perspektiven für Europa" in Ulm am 6. Juli 2002 zurück. 1Näher betrachtet werden in dem vorliegenden Beitrag Bulgarien, Rumänien, Ungarn, die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien und Albanien. Vgl. zu den Transformationsprozessen u.a. Anton Sterbling, Strukturfragen und Modernisierungsprobleme südosteuropäischer Gesellschaften, Hamburg 1993; Klaus von Beyme, Systemwechsel in Osteuropa, Frankfurt/M. 1994; Bálint Balla/Anton Sterbling (Hrsg.), Zusammenbruch des Sowjetsystems. Herausforderung für die Soziologie, Hamburg 1996; Wolfgang Merkel (Hrsg.), Systemwechsel. Bd. 5: Zivilgesellschaft und Transformation, Opladen 2000.
2.
Vgl. Edgar Hösch, Geschichte der Balkanländer. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart, München 1993 2 ; Hugh Seton-Watson, Osteuropa zwischen den Kriegen 1918 - 1941, Paderborn 1948.
3.
Vgl. Anton Sterbling, Gegen die Macht der Illusionen. Zu einem Europa im Wandel, Hamburg 1994; Wolfgang Glatzer (Hrsg.), Lebensverhältnisse in Osteuropa. Prekäre Entwicklungen und neue Konturen, Frankfurt/M. - New York 1986.
4.
Vgl. Matthias Rüb, Balkan Transit. Das Erbe Jugoslawiens, Wien 1998; Joel M. Halpern/David A. Kideckel, (Hrsg.), Neighbors at War. Anthropological Perspectives on Yugoslav Ethnicity, Culture, and History, Pennsylvania 2000.
5.
Vgl. Klaus Müller (Hrsg.), Postsozialistische Krisen. Theoretische Ansätze und empirische Befunde, Opladen 1998; Anneli Ute Gabanyi/Anton Sterbling (Hrsg.), Sozialstruktureller Wandel, soziale Probleme und soziale Sicherung in Südosteuropa, München 2000; Roland Schönfeld (Hrsg.), Structural Changes in Transforming Southeastern Europe, München 2000; Jan Delhey, Osteuropa zwischen Marx und Markt. Soziale Ungleichheit und soziales Bewusstsein nach dem Kommunismus, Hamburg 2001.
6.
Vgl. Gernot Erler, Osterweiterung. Stolpersteine auf Europas Weg in die Zukunft, in: Südosteuropa Mitteilungen, 40 (2000) 2, S. 99 - 103.
7.
Vgl. Anton Sterbling, Elitenwandel in Südosteuropa. Einige Bemerkungen aus elitentheoretischer Sicht, in: Wolfgang Höpken/Holm Sundhaussen (Hrsg.), Eliten in Südosteuropa. Rolle, Kontinuitäten, Brüche in Geschichte und Gegenwart, München 1998; ders., Eliten, Intellektuelle, Institutionenwandel. Untersuchungen zu Rumänien und Südosteuropa, Hamburg 2001; Laszlo Sekelj, Drei Modelle der Elitentransformation in Osteuropa in der ersten Phase des Transformationsprozesses, in: Südosteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsforschung, 50 (2001) 7 - 9, S. 440 - 459.