APUZ Dossier Bild

6.5.2003 | Von:
Anton Sterbling

Eliten in Südosteuropa

Rolle, Kontinuitäten, Brüche

III. Die Elitenkonfiguration unter kommunistischer Herrschaft

Nach der kommunistischen Machteroberung und bis Ende der achtziger Jahre entsprachen die Elitenkonfigurationen in den südosteuropäischen Gesellschaften weitgehend dem Typus der "ideologisch geeinten Eliten". Das heißt im Wesentlichen: Es fehlten konkurrierende Elitengruppen. Der Aufstieg in gesellschaftliche Spitzen- und Schlüsselpositionen war von ideologischer Konformität und - vielleicht mehr noch - von persönlicher Loyalität abhängig.[14] Zudem waren die Elitenkonfigurationen stark vom politischen Zentrum beherrscht, und das Denken der Eliten war weitgehend ideologisch kontrolliert und gleichgeschaltet. Die Beziehungen zwischen verschiedenen Teileliten stellten sich als ein hierarchisches, durch die kommunistische Führung dominiertes Fügungs- und Abhängigkeitsverhältnis dar.[15] In den einzelnen Ländern gab es aber durchaus Besonderheiten und vor allem Veränderungstendenzen der Elitenkonfigurationen im Zeitverlauf, die auch eine wesentliche Ursache des demokratischen Systemwechsels sind.

1. Entstehung der "ideologisch geeinten Eliten"

Mit der kommunistischen Machtübernahme nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte in allen betroffenen Staaten Südosteuropas ein umfangreicher Elitenwechsel und -wandel, der zu einer mehr oder weniger weitgehenden Verdrängung wichtiger Teile der bisherigen Eliten führte; dies schloss Flucht, Inhaftierungen, Deportationen und physische Vernichtung ein.[16] Die neuen "kommunistischen" Eliten rekrutierten sich vornehmlich aus bestimmten Gruppen der marginalisierten Intelligenz wie auch - und überwiegend - aus unteren bäuerlichen und städtischen Bevölkerungsgruppen, die der kommunistischen Bewegung nahe standen oder sich dieser rasch anschlossen. Der "revolutionäre" Elitenwechsel und -wandel in Südosteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg und bis in die frühen fünfziger Jahre verlief im Einzelfall allerdings weitaus komplizierter als gemeinhin angenommen.[17]

Erstens hat es nach dem Zweiten Weltkrieg innerhalb der zahlenmäßig ohnehin zumeist recht kleinen kommunistischen Parteien nahezu in allen Ländern interne Auseinandersetzungen, persönliche Rivalitäten und Richtungskämpfe gegeben; diese führten nicht zuletzt zu stalinistischen Schauprozessen sowie zur Entmachtung und sogar Vernichtung einzelner, gerade erst in Herrschaftspositionen aufgestiegener kommunistischer Eliten. Zweitens waren deutliche Unterschiede hinsichtlich der sozialstrukturellen Rekrutierungsbasis der neuen Eliten feststellbar. In manchen Ländern wie Albanien und Bulgarien existierte - anders als etwa in Ungarn - keine nennenswerte Industriearbeiterschaft. In Rumänien wiederum waren Angehörige ethnischer Minderheiten in der kommunistischen Herrschaftselite zunächst stark repräsentiert. Drittens war das Ausmaß der Repressionen gegenüber den alten Eliten oder Teilen von ihnen in den einzelnen südosteuropäischen Gesellschaften unterschiedlich. Dies betrifft insbesondere die Verfolgung von Angehörigen und Eliten ethnischer Minderheiten. Viertens waren in den einzelnen Ländern auch Unterschiede hinsichtlich der Übernahme von Angehörigen der alten Eliten in das neue Elitengefüge zu konstatieren; die teilweise Kontinuität dieser Eliten entsprang entweder deren fachlicher Unverzichtbarkeit oder aber deren Konversion zur herrschenden kommunistischen Ideologie. So waren Spezialisten aus der Ärzteschaft, hervorragende Wissenschaftler und Wirtschaftsfachleute, im Falle Rumäniens sogar eine Reihe hoher Offiziere, teilweise in Elitepositionen belassen worden. Vielfach hatten sich bekannte Schriftsteller und Künstler, aber auch Geistes- und Kulturwissenschaftler rasch der neuen Ideologie angepasst und dem Herrschaftssystem gefügig gemacht.[18] Fünftens gab es bemerkenswerte Unterschiede bezüglich des sowjetischen Einflusses auf die Auswahl der neuen kommunistischen Eliten in den einzelnen südosteuropäischen Gesellschaften. So war dieser in Jugoslawien nie sehr stark und währte eigentlich nur bis zum Bruch zwischen Josef Stalin und Josip Tito Ende der vierziger Jahre. Rumänien ging seit Mitte der fünfziger Jahre - dem Rückzug sowjetischer Truppen und Berater aus dem Land - immer deutlicher eigene Wege, wobei die Entmachtung und Auswechslung der an Moskau orientierten kommunistischen Eliten bereits früher begann. Albanien brach Anfang der sechziger Jahre weitgehend mit der sowjetischen Führung, während Bulgarien - auch was die Elitenbildung betrifft - nahezu bis zum Ende der kommunistischen Herrschaft stark unter deren Einfluss blieb.

Ungeachtet dieser Unterschiede stellen die Elitengebilde in den südosteuropäischen Gesellschaften der späten vierziger und fünfziger Jahre aber ohne Zweifel allesamt "ideologisch geeinte" oder "zwangsvereinte" sowie weitgehend entdifferenzierte Elitenkonfigurationen dar.

2. Veränderungen der Elitenkonfigurationen seit den sechziger Jahren

Spätestens seit Mitte der sechziger Jahre zeichnen sich indes gewisse Veränderungen in den Elitenkonfigurationen der meisten südosteuropäischen Länder ab, obwohl sich am Typus "ideologisch geeinter Eliten" zunächst nicht allzu viel änderte.

Im Zuge der in den sechziger Jahren nahezu überall forcierten Industrialisierung, der raschen Urbanisierung und insbesondere der Bildungsexpansion gewannen Bildungsabschlüsse und vor allem das Hochschulwesen eine immer größere Bedeutung - auch und nicht zuletzt für die Elitenselektion und -rekrutierung. Die kommunistischen Eliten - und zwar nicht nur die vorwiegend durch fachliche Qualifikationen ausgezeichneten Funktionseliten, sondern auch die politischen Machteliten, also die kommunistischen Eliten im engeren Sinne - begannen sich zunehmend auf dem Bildungsweg zu ergänzen und zu reproduzieren.

Dies heißt allerdings nicht, dass das meritokratisch-funktionale Prinzip[19] der Elitenrekrutierung - also das vorwiegend an persönlichen Leistungen und fachlichen Qualifikationen im Hinblick auf die Ausübung wesentlicher gesellschaftlicher Aufgaben und Funktionen orientierte Prinzip - unverzüglich bestimmend geworden wäre. Denn schon der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen und bestimmten Studiengängen wurde unter der kommunistischen Herrschaft vielfach selektiv, nach Kriterien der ideologischen Konformität und der sozialen Herkunft, gesteuert. Auch im weitgehend politisch kontrollierten Beschäftigungs- und Institutionensystem waren die Zugangs- und Aufstiegschancen insbesondere in Führungs- und Elitepositionen keineswegs nur leistungsabhängig, sondern maßgeblich von Parteizugehörigkeit, ideologischer Zuverlässigkeit und persönlicher Loyalität bestimmt. Dies hat bis heute strukturelle Nachwirkungen.

Zudem blieben nahezu alle gesellschaftlichen Teilsysteme - zum Beispiel die Wirtschaftsunternehmen, die Kultur- und Bildungseinrichtungen, die Wissenschaftsinstitutionen und Massenmedien - weitgehend ideologisch bestimmt und politisch kontrolliert. Dies bedeutete mithin, dass die hier agierenden Funktionseliten in ihrer Kompetenz und Handlungsautonomie deutlich eingeschränkt waren. Die Behinderung der "Eigenrationalität" und Leistungsfähigkeit dieser Teilsysteme war die wesentliche Ursache der suboptimalen Ergebnisse in Wirtschaft, Wissenschaft oder Forschung und des zunehmenden Modernisierungsrückstands gegenüber dem Westen.[20] Daraus ergab sich ein zunehmendes Spannungsverhältnis zwischen den zumeist dogmatisch denkenden und stets auf ihre Vormachtstellung bedachten politischen Macht- und den immer häufiger wissenschaftlich ausgebildeten Funktionseliten. Die daraus resultierende Veränderungsdynamik bildete letztlich auch - wie unten noch ausgeführt wird - eine wesentliche Antriebskraft zur Überwindung des kommunistischen Herrschaftssystems.

Seit den sechziger Jahren lassen sich also in den meisten südosteuropäischen Gesellschaften gewisse Autonomiebestrebungen der Funktionseliten und eine Differenzierung der Elitenkonfigurationen erkennen, ohne dass der Typus der "ideologisch geeinten Eliten" grundsätzlich überwunden worden wäre. Er blieb während der gesamten Zeit der kommunistischen Herrschaft nicht zuletzt dadurch erhalten, dass die Entstehung von Gegeneliten, die alternative Wertüberzeugungen und andere politische Zielvorstellungen und Interessen hätten vertreten können, schon in Ansätzen unterbunden wurde.

Das Verhältnis von Eliten und Nichteliten stellte sich bis Ende der achtziger Jahre ebenfalls als weitgehend auf Machtmittel und Repression gestützte autoritär-patriarchalische Herrschaftsbeziehung dar. Insofern war die Legitimität der kommunistischen Regime in allen südosteuropäischen Gesellschaften stets relativ prekär, so dass zur Stabilisierung entweder wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen und gewisse "Liberalisierungen" - wie im Falle Ungarns und Jugoslawiens - oder nationalistische Mobilisierungsprozesse - wie im Falle Rumäniens, Bulgariens und Albaniens - eingesetzt wurden.[21] In Jugoslawien hat sich Milos

3. Schlüsselrolle der Eliten beim Systemwechsel

Das Ende der kommunistischen Herrschaft stellt sich nicht zuletzt als das Ergebnis interner Auseinandersetzungen zwischen den oft überalterten Inhabern von politischen Spitzenpositionen und jüngeren, in die Elitepositionen drängenden Funktionären und Technokraten der höheren und mittleren Ebene dar.[22] Ihr Aufstieg war durch die zunehmende Immobilität des Systems weitgehend blockiert, und ihre Privilegien und Wohlstandschancen schrumpften rapide mit der fortschreitenden wirtschaftlichen Krise des sozialistischen Systems. Die Veränderungsbestrebungen dieser an ihrem Aufstieg gehinderten Gruppen innerhalb bzw. im Vorfeld der Eliten traf mit einer weit verbreiteten und sich angesichts der sozialistischen Wirtschaftskrise zuspitzenden Massenunzufriedenheit zusammen. Dies ermöglichte - unter den Bedingungen einer historisch einmaligen internationalen Situation Ende der achtziger Jahre, die u.a. durch den weitgehenden Verzicht der Sowjetunion auf ihren Hegemonialanspruch gekennzeichnet war[23] - folgenreiche Mobilisierungsprozesse einer ansonsten eher passiven und politikfernen Bevölkerung.

Für den Niedergang der kommunistischen Herrschaft erscheinen - neben dem zunehmenden Dissens zwischen den ideologisch geprägten Macht- und den technokratisch orientierten Funktionseliten sowie den auf ihren Einfluss bedachten Kultureliten - Unterschiede in den Wissenshorizonten, kulturellen Orientierungen, Lebensstilen und Handlungspräferenzen verschiedener Elitengruppen relevant; diese sind nicht zuletzt auf unterschiedliche Generationenlagen, auf sozialisatorische Prägungen und anders geartete historische Erfahrungen zurückzuführen.[24] In diesem Sinne fällt in allen südosteuropäischen Ländern ein deutlicher Unterschied zwischen den "stalinistisch" geprägten Funktionären und Machteliten der fünfziger Jahre und den "nachrückenden", in den sechziger und siebziger Jahren herangewachsenen und zumeist akademisch gebildeten Elitengruppen oder Anwärtern auf Führungspositionen auf. In den neunziger Jahren, im Zuge des Systemwechsels, werden auch Differenzen zwischen den in den sechziger und frühen siebziger Jahren sozialisierten Eliten und den - jüngeren Alterskohorten angehörenden - Eliten relevant, die häufig im westlichen Ausland studiert oder sich dort beruflich qualifiziert bzw. fortgebildet haben.


Fußnoten

14.
Vgl. G. Roth (Anm. 12); A. Sterbling (Anm. 1).
15.
Vgl. Jens Hacker, Der Ostblock. Entstehung, Entwicklung und Struktur 1939 - 1980, Baden-Baden 1983.
16.
Vgl. Hugh Seton-Watson, Die osteuropäische Revolution, München 1956; J. Hacker (Anm. 15); François Fejtö, Die Geschichte der Volksdemokratien. Bd 1: Die Ära Stalin 1945 - 1953, Frankfurt/M. 1998 2 ; Eva Schmidt-Hartmann (Hrsg.), Kommunismus und Osteuropa. Konzepte, Perspektiven und Interpretationen im Wandel, München 1994.
17.
Diese Vorgänge sind - zumindest in komparativer Perspektive - noch keineswegs hinreichend erforscht und aufgearbeitet worden.
18.
Vgl. z.B. Tamas Acsel/Tibor Meray, Die Revolte des Intellekts. Die geistigen Grundlagen der ungarischen Revolution, München 1961; Alexandru Zub, Orizont închis. Istoriografia româna sub dictatura (Geschlossener Horizont. Die rumänische Historiographie unter der Diktatur), Ias,i 2000.
19.
Vgl. A. Sterbling (Anm. 1), insb. S. 119ff.
20.
Vgl. M. Rainer Lepsius, Institutionenanalyse und Institutionenpolitik, in: Birgitta Nedelmann (Hrsg.), Politische Institutionen im Wandel (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 35/1995), S. 392 - 403.
21.
Vgl. Anton Sterbling, Eliten, Strukturwandel und Machtfragen in Südosteuropa, in: Südosteuropa, 38 (1989) 7 - 8, S. 395 - 413; L. Sekelj (Anm. 7).
22.
Vgl. Anton Sterbling, Eigeninteressen oder Verantwortung der Intelligenz? Zum Niedergang der kommunistischen Herrschaft in Südosteuropa, in: ders. (Hrsg.), Zeitgeist und Widerspruch. Soziologische Reflexionen über Gesinnung und Verantwortung, Hamburg 1993.
23.
Vgl. Franz-Lothar Altmann/Edgar Hösch (Hrsg.), Reformen und Reformer in Osteuropa, Regensburg 1994; Paul Lendvai, Zwischen Hoffnung und Ernüchterung. Reflexionen zum Wandel in Osteuropa, Wien 1994; Charles S. Maier, Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus, Frankfurt/M. 1999.
24.
Vgl. Susanne Hütten/Anton Sterbling, Expressiver Konsum. Die Entwicklung von Lebensstilen in Ost- und Westeuropa, in: Jens Dangschat/Jörg Blasius (Hrsg.), Lebensstile in Städten. Konzepte und Methoden, Opladen 1994.