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6.5.2003 | Von:
Anton Sterbling

Eliten in Südosteuropa

Rolle, Kontinuitäten, Brüche

V. Ausblick

Die Pluralisierung und Ausdifferenzierung der Elitenkonfigurationen in Südosteuropa stellt einen komplexen Gesamtvorgang dar, der in vielerlei Hinsicht noch voll im Gange ist und in seinem Ausgang durchaus offen erscheint. Drei Probleme zeichnen sich in einzelnen südosteuropäischen Gesellschaften weiterhin ab:

- die Neigung bestimmter, durchaus einflussreicher Elitengruppen zu nationalistischen Positionen und der Versuch, Nichteliten in diesem Sinne zu binden und zu mobilisieren; dies zeigt der Fall der extrem nationalistischen "Partei Großrumänien" (Partidul România Mare), die im Jahr 2000 rund ein Fünftel aller Stimmen bei den Wahlen zur Abgeordnetenkammer und zum Senat erhielt und deren Kandidat Corneliu Vadim Tudor bei den Präsidentschaftswahlen im gleichen Jahr sogar 33,2 Prozent der Stimmen erreichen konnte;[34]

- die - nicht zuletzt durch etatistische Traditionen belastete und durch Schwierigkeiten des Institutionenwandels[35] verzögerte - Herausbildung eigener Kompetenzen und autonomer Handlungsfelder der verschiedenen Teileliten; so sind zum Beispiel die Wirtschafts- und Wissenschaftseliten weiterhin vielfach mit erheblichen bürokratischen Hemmnissen oder der Abhängigkeit von staatlichen Ressourcenzuweisungen, aber auch mit politischer Einflussnahme und mit Eingriffen in ihre Tätigkeit konfrontiert;

- und schließlich der deutliche Hang wichtiger Teile der Eliten in Südosteuropa, ihre Eigeninteressen vor das Gemeinwohl zu stellen und dabei vor allem ihre privilegierten Alimentationschancen abzusichern. Der eigennützige Zugriff von Parteien und Amtsträgern auf staatliche Ressourcen und Verteilungsregelungen, aber auch Bestechung und Korruption, Klientelismus und Nepotismus sind Beispiele durchaus verbreiteter Erscheinungen.[36]

Auf der anderen Seite ist aber auch festzuhalten: Die hauptsächlich der Intelligenz entstammenden neuen Eliten bringen ohne Zweifel günstige Voraussetzungen, Qualifikationen und teilweise auch geeignete Handlungsdispositionen mit, um die Modernisierungsbestrebungen ihrer Gesellschaften voranzubringen. Insofern könnten sie tatsächlich die "beste Karte" sein, welche die Geschichte vorrätig hält.[37] Ob sich in den einzelnen südosteuropäischen Gesellschaften letztlich jene Elitengruppen durchsetzen werden, die sich als verantwortungsbewusste "Konstrukteure" demokratischer, marktwirtschaftlicher, rechtsstaatlicher Institutionen und entsprechend differenzierter "institutioneller Ordnungen" hervortun und in ihren Gesellschaften konsequent einen europaorientierten Modernisierungskonsens zwischen den Eliten und der Bevölkerung anstreben, hängt auch und vermutlich maßgeblich vom weiteren Fortgang des europäischen Integrationsprozesses und der Einbindung Südosteuropas ab.


Fußnoten

34.
Vgl. Anneli Ute Gabanyi, Das politische System Rumäniens, in: Wolfgang Ismayr (Hrsg.), Die politischen Systeme Osteuropas, Opladen 2002, insb. S. 546ff.
35.
Vgl. Anton Sterbling, Historische Modernisierungstheorien und die gegenwärtigen Probleme des Institutionenwandels in Ost- und Südosteuropa, in: Klaus Müller (Hrsg.), Postsozialistische Krisen. Theoretische Ansätze und empirische Befunde, Opladen 1998.
36.
Vgl. R. Dimitrov (Anm. 28).
37.
Vgl. Alvin W. Gouldner, Die Intelligenz als Neue Klasse. Sechzehn Thesen zur Zukunft der Intellektuellen und der technischen Intelligenz, Frankfurt/M. - New York 1980, insb. S. 19; Anton Sterbling, Die Intellektuelleneliten Rumäniens am Ende des 20. Jahrhunderts, in: Etudes balkaniques, 36 (2000) 4, S. 80 - 88.