Die durch den China-Afrika-Entwicklungsfonds finanzierte Wanbao-Reisplantage in Mosambik

19.10.2018 | Von:
Rainer Thiele

"Entwicklungshilfe ist nur ein kleiner Teil dessen, was Migration beeinflussen kann" - Interview

Ein Gespräch mit dem Ökonomen Rainer Thiele über private Investitionen, wirtschaftliche Entwicklung und Armutsbekämpfung in Afrika

Ist der Compact with Africa mit anderen internationalen Zielsetzungen und Plänen abgestimmt, etwa mit der Agenda 2063 der Afrikanischen Union oder der Agenda 2030 der Vereinten Nationen?
Beide werden in den Compact-Dokumenten erwähnt, spielen in der Umsetzung aber nur eine untergeordnete Rolle. Zum Beispiel hat die Agenda 2030 einen sehr starken Umweltfokus, da geht es ja um die Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals). Im Compact ist die Umweltverträglichkeit von Aktivitäten hingegen kaum ein Faktor. Da geht man zurück hinter das, was eigentlich schon Standard war.

Ließen sich die Ziele und Pläne nicht komplementär sehen?
Es wird auf jeden Fall von Umweltaktivisten kritisiert, dass Umweltverträglichkeitsprüfungen nicht stattfinden, und es ist eben auch so, dass viele der Infrastrukturinvestitionen, die in Afrika notwendig sind, sehr starke Umweltwirkungen haben. Das muss man zumindest berücksichtigen. Natürlich kann man das auch komplementär sehen, und ich bin auch der Meinung, dass man den Compact nicht überfrachten sollte. Aber er ist schon sehr einseitig auf wirtschaftliche Aspekte konzentriert.

Wenn es gelingen sollte, Privatinvestitionen nach Afrika zu lotsen und die wirtschaftliche Entwicklung anzukurbeln: Ist damit gewährleistet, dass das Wachstum auch bei der breiten Bevölkerung ankommt und die große Armut der vielen Menschen gelindert wird?
Nein, das ist lange nicht gewährleistet. Normalerweise ist es so, dass Wirtschaftswachstum immer zu einer gewissen Armutsreduzierung beiträgt. Aber die Erfahrung zeigt, dass das stark von Bedingungen abhängt. Die bisher erfolgreichste Armutsbekämpfung durch Wachstum hat in Asien stattgefunden, in Südkorea und Taiwan. Das waren Länder, die in den 1960er Jahren genauso arm waren wie die afrikanischen Länder heute, und die haben einen Wachstumsprozess in Gang gesetzt, der eine enorme Armutsreduzierung nach sich zog. Das lag unter anderem daran, dass die Amerikaner nach dem Koreakrieg Eigentum umverteilt haben, sodass alle Farmer in Südkorea eigenes Land hatten. Außerdem haben sie von vornherein massiv auf hochwertige Bildung gesetzt und – was in Afrika nicht so leicht realisierbar ist – die sogenannten arbeitsintensiven Industrien gefördert, die Textilindustrie beispielsweise. So konnten sehr viele Menschen beschäftigt werden. Um in der Industrie zu arbeiten, ist eine gewisse Mindestbildung notwendig, und da liegen in Afrika schon noch Probleme.

Äthiopien ist so ein Land, das könnte sich ähnlich wie Südkorea in seinen Anfangsjahren entwickeln. Dort fängt man jetzt an, stark in das duale System zu investieren. Und man hat beispielsweise auch sichergestellt, dass die Bauern Eigentumsrechte an ihren Ländereien haben, die Verteilung des Landes ist einigermaßen gleichmäßig. Aber bei ungleicher Landverteilung – im südlichen Afrika beobachten wir das sehr stark – ist Armutsbekämpfung durch Wachstum kaum möglich.

Sind die Hoffnungen, die sich mit privaten Investitionen verbinden, letztendlich realistisch?
Was den Compact betrifft, sind meine Erwartungen nicht so hoch: Ich glaube nicht, dass es einen riesigen Investitionsansturm geben wird. Aber private Investitionen sind definitiv notwendig, um die Entwicklung zu verbessern – allerdings immer in Verbindung mit Bildung. Im luftleeren Raum bringen private Investitionen nicht viel. Und es werden auch öffentliche Investitionen benötigt. Infrastruktur kann zwar teilweise auch privat bereitgestellt werden, aber der öffentliche Sektor kann sich da nicht ganz herausziehen. Das heißt, es bedarf öffentlicher Investitionen in Bildung und Gesundheit, aber beispielsweise auch in die Agrarforschung, dass man für die Landwirtschaft bessere Produktionsmethoden entwickelt. Der Compact-Ansatz, auf die Privatinvestitionen zu fokussieren, ist nicht falsch, es fehlen nur ein paar komplementäre Faktoren – gäbe es die, wären die Hoffnungen noch größer, dass sich die Initiative auf dem Kontinent richtig bemerkbar macht.

Kann so etwas durch den sogenannten Marshallplan mit Afrika, den das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung aufgesetzt hat, möglicherweise aufgefangen werden?
Das ist sehr schwer. Der Compact ist ja eine G20-Initiative, und der Marshallplan eine deutsche. Im Marshallplan ist sehr stark von Reformpartnerschaften die Rede – es kann sein, dass diese den Compact ein bisschen unterstützen können. Aber aus meiner Sicht enthält der Marshallplan nicht wirklich etwas Neues im Vergleich zum dem, was die EZ auch vorher schon gemacht hat.

Könnte die von der Afrikanischen Union vorangetriebene Idee einer panafrikanischen Handelszone Chancen bieten? Und ist es realistisch, dass die Idee einmal umgesetzt wird?
Chancen sollte das schon bieten. Die regionale Integration in Afrika war immer Thema, sie ist nur leider nie richtig umgesetzt worden. Es gibt vielleicht zwei Ausnahmen, wo es ein bisschen funktioniert: Es gibt die ECOWAS-Zone in Westafrika, und auch in Ostafrika gibt es Bemühungen, die schon relativ weit vorangeschritten sind. Ich bin mir sicher, dass regionale Integration der Entwicklung sehr helfen würde – gerade kleinen Ländern, die nur kleine Märkte haben. Für die ist das eine realistische Ergänzung zu der großflächigen Integration mit Europa oder den USA. Ob diese panafrikanische Vision Wahrheit wird – da bin ich ehrlich gesagt skeptisch. Ich halte die eher lokalen Initiativen, die sich dann vielleicht von unten zu einer größeren ausweiten, für realistischer.

Wäre es vielleicht effektiver, wenn die Europäer oder die G20 die Afrikaner in solchen Dingen stärker unterstützen würden, statt von außen mit einzelnen Ländern einen Compact zu vereinbaren?
Wenn man beides nicht als Konkurrenzprodukte begreift, kann auch beides in Kombination sehr gut funktionieren. Den Compact sehe ich am Ende recht flächendeckend über Afrika. Vielleicht braucht man ihn irgendwann gar nicht mehr. Aber die Afrikaner in ihren Bemühungen zu unterstützen, sich regional zu integrieren, halte ich für eine gute Idee.

Wie schätzen Sie die sogenannten Economic Partnership Agreements (EPAs) ein, die Freihandelsabkommen der EU mit afrikanischen Staaten? Der Afrika-Korrespondent Bartholomäus Grill hat neulich geschrieben, die EU zerstöre durch ihre Agrar- und Handelspolitik, was sie entwicklungspolitisch aufbaue.[3]
Das stimmt zum Teil schon. Die Agrarpolitik der Europäer ist mitverantwortlich dafür, dass in Afrika Chancen nicht entstehen. In der EU-Handelspolitik gibt es zwar ein paar Reformen in die richtige Richtung – inzwischen haben fast alle afrikanischen Länder zollfreien Zugang zur EU – aber das eigentliche Problem sind andere Barrieren wie die hohen Standards und Normen, zum Beispiel Gesundheits- und Hygienestandards. Man kann einem europäischen Land natürlich nicht vorwerfen, wenn es hohe Hygienestandards formuliert. Die Maßnahme ist dann eher, den afrikanischen Ländern zu helfen, diese Standards zu erreichen. Aber die Handelspolitik ist nicht mehr so entscheidend für den Rückstand Afrikas wie sie es mal war.

Was werden die nächsten zehn Jahre an Entwicklung bringen – werden wir 2028 noch dieselben Diskussionen führen?
Das kann gut sein. Ich habe ja Ghana als Beispiel erwähnt. Ghana haben wir in unseren Debatten immer als Musterbeispiel für eine positive Entwicklung gesehen, zuletzt ist das Land aber in etwas unruhigere Gewässer gekommen. Probleme können auch immer mal zurückkehren. Die Hoffnung ist, dass es mal eine ganze Gruppe aus Ländern gibt, die sich über einen längeren Zeitraum kontinuierlich nach vorn bewegt. Wenn jetzt das 105-Millionen-Einwohner-Land Äthiopien, das in 30 Jahren über 175 Millionen Einwohner haben wird, auf seinem Pfad bleibt und vielleicht auch Nigeria irgendwann mal auf einen etwas günstigeren Pfad kommt, dann kann man optimistisch sein. Aber Prognosen in Afrika sind wahnsinnig schwierig.

Und ein Punkt, der hier noch gar nicht zur Sprache kam: Die meisten afrikanischen Länder sind immer noch stark von Rohstoffpreisen abhängig. Wie sich herausgestellt hat, waren die hohen durchschnittlichen Wachstumsraten von 2000 bis 2012 vor allem den Rohstoffpreisen geschuldet, die Dank des Nachfragebooms aus China und Indien ebenfalls hoch waren. Dann gab es eine leichte Krise auf den Rohstoffmärkten, die Preise gingen runter, und das haben viele afrikanische Länder negativ zu spüren bekommen. Äthiopien dagegen ist ein Beispiel für ein Land, das nicht so stark von Ressourcen abhängig ist, und diese Länder haben es im Endeffekt leichter. Also würde ich sagen: In zehn Jahren könnten wir dieselben Debatten haben, aber ich hoffe, dass wir dann sagen können, mit Äthiopien und Ruanda gibt es zwei Beispiele, wie es in Afrika positiv laufen kann.


Das Interview führte Johannes Piepenbrink am 27. August 2018.

Fußnoten

3.
Vgl. Bartholomäus Grill, Angst vor Afrika, in: Der Spiegel 34/2018, S. 78f.
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Autor: Rainer Thiele für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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