Die durch den China-Afrika-Entwicklungsfonds finanzierte Wanbao-Reisplantage in Mosambik

19.10.2018 | Von:
Marcus Kaplan
Christoph Hartmann
Magdalena Orth
Kirsten Vorwerk

Partnerschaft mit Zukunft? Privatunternehmen in der Entwicklungszusammenarbeit

Die Agenda 2030 der Vereinten Nationen (UN) für nachhaltige Entwicklung und die in ihr enthaltenen 17 Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) haben die zentralen Herausforderungen umrissen, vor denen die Menschheit aktuell steht.[1] Mehr und mehr setzt sich international die Erkenntnis durch, dass Herausforderungen wie Armut, wirtschaftliche Entwicklung, Klimawandel oder Migration nicht von einzelnen Staaten alleine, sondern nur in einer gemeinsamen Anstrengung staatlicher, zivilgesellschaftlicher sowie privatwirtschaftlicher Akteure überwunden werden können. Dieser Entwicklung liegt der Gedanke zugrunde, dass eine dynamische Privatwirtschaft als Wachstumsmotor für wirtschaftliche Entwicklung dient. Vorbedingung hierfür sind funktionierende staatliche Institutionen, die die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen bereitstellen und dafür sorgen, dass das Wachstum auch den ärmsten Bevölkerungsgruppen zugutekommt.[2] Die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) bemüht sich daher über die vergangenen zwei Jahrzehnte hinweg verstärkt, bestimmte weitere Akteure für die Finanzierung und Umsetzung von Entwicklungsvorhaben zu gewinnen: private Unternehmen und Investoren.

Auch in der entwicklungspolitischen Debatte in Deutschland gewinnt das Thema zunehmend an Bedeutung. Dies zeigt sich unter anderem in aktuellen Strategiepapieren des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wie dem "Marshallplan mit Afrika".[3] Der Marshallplan beschreibt Lösungsansätze, wie die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union gemeinsam mit den afrikanischen Ländern die Potenziale des afrikanischen Kontinents zur Förderung von Frieden und Entwicklung nutzen können. Die Schwerpunkte, die hierbei gesetzt werden, können alle nur mit der Unterstützung privater Unternehmen und Investoren verfolgt werden: fairer Handel, private Investitionen, wirtschaftliche Entwicklung von unten, unternehmerische Entfaltung und die Förderung von Beschäftigung sind zentrale Ansatzpunkte. Sei es bei der Entwicklung einer App für ein mobiles Handelssystem für ugandische Kaffeeproduzenten oder dem Aufbau einer Wertschöpfungskette für Bambus in Äthiopien – deutsche oder internationale Unternehmen sollen dabei helfen, nachhaltige Lösungen für die jeweiligen spezifischen Herausforderungen zu entwickeln.

Kann die Zusammenarbeit mit privatwirtschaftlichen Akteuren tatsächlich als Motor für nachhaltige Wirtschaftsentwicklung dienen? Oder handelt es sich, wie kritische Stimmen aus Politik und Zivilgesellschaft hervorheben,[4] vielmehr um eine über die Kernaufgaben der EZ hinausgehende und außenwirtschaftspolitisch motivierte Förderung privater Unternehmen? Im Folgenden stellen wir verschiedene Formen der Kooperation in der deutschen EZ vor und diskutieren aktuelle Chancen und Herausforderungen bei der Zusammenarbeit mit privatwirtschaftlichen Akteuren zur Erreichung entwicklungspolitischer Ziele.

Ansätze zur Zusammenarbeit

In der Technischen Zusammenarbeit steht die gemeinsame Umsetzung von Projekten in den Partnerländern der EZ im Mittelpunkt. Finanziert werden die Projekte gemeinsam durch die EZ und das jeweilige Unternehmen. Die Umsetzung hingegen erfolgt entweder nur durch das Unternehmen oder in Zusammenarbeit mit der EZ. So unterstützt das BMZ ein Programm in vier ostafrikanischen Ländern zur Verbesserung der beruflichen Ausbildung in relevanten Wirtschaftsbereichen. Die enge Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen und die gemeinsame Entwicklung von Ausbildungsaktivitäten soll hierbei sicherstellen, dass die Trainings auf die jeweiligen Bedarfe in den Sektoren abgestimmt sind. Bestimmte Programme wie das "develoPPP.de"-Programm, in dessen Rahmen seit 1999 mehr als 1700 Projekte in über 100 Ländern gefördert wurden, sind nur für deutsche und europäische Unternehmen offen (Kasten). Lokale Unternehmen in den Partnerländern der EZ können in erster Linie in bilateralen Vorhaben eingebunden werden, das heißt, wenn eine Komponente zur Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft in ein "normales" Projekt der staatlichen EZ integriert wird.

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Das develoPPP.de-Programm

Das develoPPP.de-Programm ist das größte Programm des BMZ zur Förderung von gemeinsamen Projekten zwischen EZ und Privatwirtschaft. Beispielsweise möchte ein europäisches Solarunternehmen einen neuen Standort in Kenia eröffnen, allerdings fehlt es an gut ausgebildetem Personal. Der Aufbau eines Trainingszentrums in Kenia rechnet sich für das Solarunternehmen nicht, daher wird es über das develoPPP.de-Programm mit deutschen Steuergeldern mitfinanziert. So sollen gleichzeitig Ziele des Unternehmens (gut ausgebildetes Personal für das Unternehmen) und der EZ (gut ausgebildetes Personal für die kenianische Solarindus trie) gefördert werden. Neueste Auswertungen zeigen, dass es für die EZ häufig Sinn ergibt, mit der europäischen Privatwirtschaft zusammenzuarbeiten.*
Europäische Unternehmen bringen innovative Ideen und Produkte in die Projekte ein, die im Land häufig noch nicht vorhanden sind. Allerdings zeigt sich auch, dass es dem develoPPP.de-Programm bisher noch nicht gelingt, diese Potenziale in Wert zu setzen. Ein Grund dafür ist zum Beispiel, dass sich die Ziele von Unternehmen und EZ stärker unterscheiden als bei oberflächlicher Betrachtung vermutet. So hat das europäische Unternehmen nur so lange Interesse an der Ausbildung von Solartechnikern, wie es auch einen eigenen Bedarf hat. Ist dieser Bedarf erfüllt, fährt das Unternehmen die Ausbildungsaktivitäten zurück.

* Vgl. Christoph Hartmann/Felix Gaisbauer/Kirsten Vorwerk, Evaluierung des develoPPP.de-Programms, hrsg. vom Deutschen Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit (DEval), Bonn 2017.


Ein Schwerpunkt der deutschen EZ in der Kooperation mit der Privatwirtschaft liegt in der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Sektoren, in denen Kooperationen häufig zum Einsatz kommen, sind neben der Landwirtschaft unter anderem Energie, Umwelt und Bildung. Eines der wichtigsten Programme in jüngerer Zeit ist speziell auf den Agrarsektor und fast ausschließlich auf Afrika ausgerichtet: Die 2014 ins Leben gerufene Sonderinitiative "EINEWELT ohne Hunger" des BMZ mit ihren "Grünen Innovationszentren in der Agrar- und Ernährungswirtschaft" zielt unter anderem darauf ab, private Unternehmen und andere Partner aus der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft in den Wissens- und Technologietransfer oder den Aufbau verlässlicher Geschäftsbeziehungen einzubinden. Der afrikanische Kontinent verfügt über ein sehr großes landwirtschaftliches Potenzial, hat gleichzeitig aber auch mit vielen Problemen zu kämpfen – so sind aufgrund einer geringen landwirtschaftlichen Produktivität bei gleichzeitig hohem Bevölkerungswachstum Hunger und Mangelernährung in vielen afrikanischen Ländern weitverbreitet.[5] Zudem kann der Landwirtschaftssektor in Afrika sein enormes wirtschaftliches Potenzial nicht adäquat ausschöpfen. Deshalb wurden 13 der 14 Innovationszentren in Afrika eingerichtet. So sollen zum Beispiel in Tunesien in Zusammenarbeit mit einem tunesischen Agrarunternehmen die Milchproduktion gesteigert und die unternehmerischen Fähigkeiten der kleinbäuerlichen Betriebe gestärkt werden. In Mali arbeitet die deutsche EZ zusammen mit einem deutschen Konzern daran, die Qualität und Produktivität der Mango-Wertschöpfungskette zu verbessern.

Neben der Umsetzung von einzelnen gemeinsamen Projekten finden sich verschiedene Partner aus Staat, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft langfristig in sogenannten Multi-Akteurs-Partnerschaften zusammen, um vor allem übergeordnete Herausforderungen für bestimmte Sektoren oder gezielt für einzelne Produkte anzugehen.[6] Hierbei stehen häufig Fragen der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit im Fokus. Beispiele hierfür sind die Global Coffee Platform oder das Bündnis für nachhaltige Textilien. Im Rahmen der Global Coffee Platform wurde beispielsweise im Juli 2018 die Kenya Coffee Platform gegründet, deren Ziel es ist, die Produktivität und Nachhaltigkeit dieses wirtschaftlich sehr wichtigen Produktes zu stärken und allgemein die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten im kenianischen Kaffee-Sektor zu verbessern.

Um europäische Unternehmen besser über Möglichkeiten in Entwicklungs- und Schwellenländern zu informieren, gründete das BMZ 2016 die Agentur für Wirtschaft und Entwicklung – sie soll als zentrales Einstiegsportal dienen, um Unternehmen über die Möglichkeiten im "Förderdschungel" der EZ zu informieren.[7] Zusätzlich berät die Agentur Unternehmen zu Fragen der Nachhaltigkeit und zur Umsetzung des Nationalen Aktionsplans Wirtschaft und Menschenrechte, der 2016 in Kraft getreten ist.


Fußnoten

1.
Die Ziele umfassen nicht nur entwicklungspolitische Ziele wie Verringerung von Armut und Hunger, sondern auch Maßnahmen zum Klimaschutz, zur Förderung von Frieden, Bildung und Geschlechtergerechtigkeit. Siehe zum Beispiel http://www.17Ziele.de«.
2.
Vgl. Tilman Altenburg, Entwicklungszusammenarbeit und Wirtschaft: Synergien und Konflikte, in: Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V. (VENRO), Entwicklungszusammenarbeit und Wirtschaft – Zwischen Konfrontation und Kooperation, Bonn 2010, S. 5–12.
3.
Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Afrika und Europa – Neue Partnerschaft für Entwicklung, Frieden und Zukunft. Eckpunkte für einen Marshallplan mit Afrika, Bonn–Berlin 2017.
4.
Vgl. Jens Martens, Profitable Partnerschaft? Entwicklungszusammenarbeit mit der deutschen Wirtschaft, hrsg. von der Deutschen Welthungerhilfe/terre des hommes Deutschland, Bonn–Osnabrück 2010; Oxfam, Böcke zu Gärtnern – Wie die aktuelle Kooperation mit Agrarkonzernen eine nachhaltige Landwirtschaft verhindert, Berlin 2016.
5.
2016 lag der Anteil der unterernährten Menschen in Subsahara-Afrika bei knapp 23 Prozent – der mit Abstand höchste Wert aller Weltregionen. Vgl. Food and Agriculture Organization of the United Nations, The State of Food Security and Nutrition in the World, Rom 2017.
6.
Vgl. Katja Treichel et al., Multi-Akteurs-Partnerschaften im Rahmen der Agenda 2030 – Eine praxisorientierte Analyse von Potentialen, Herausforderungen und Erfolgsfaktoren, hrsg. von Partnerschaften 2030 c/o Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Bonn 2016; Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), Private Sector Engagement for Sustainable Development: Lessons from the DAC, Paris 2016.
7.
Mit eben diesem "Förderdschungel" in der Technischen Zusammenarbeit hat sich eine Evaluierung des Deutschen Evaluierungsinstitutes der Entwicklungszusammenarbeit (DEval) für den Agrarsektor auseinandergesetzt: Marcus Kaplan/Sabine Brüntrup-Seidemann/Nico Herforth, Zusammenarbeit mit der Privatwirtschaft im Agrarsektor in der deutschen Technischen Zusammenarbeit, Bonn 2018.
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Autoren: Marcus Kaplan, Christoph Hartmann, Magdalena Orth, Kirsten Vorwerk für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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