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6.5.2003 | Von:

Verlust von Humankapital in Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit

IV. Mögliche Ursachen für regionale Disparitäten im Intelligenzniveau

1. Wirtschaftskraft

Schlechte ökonomische Rahmenbedingungen beeinträchtigen die Qualität des Bildungsangebots und die Lebensqualität der in den betroffenen Regionen wohnenden Menschen, fehlen doch die Mittel für förderliche Investitionen. In Deutschland belasten nicht zuletzt die Kosten der Wiedervereinigung vielerorts spürbar Bildung und Ausbildung: "Vorsichtig formuliert, scheint seit Beginn der 90er Jahre aus der Bildungsexpansion in weiten Teilen eine Bildungsstagnation geworden zu sein. Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und der stetig steigenden Qualifikationsanforderungen des Beschäftigungssystems gibt dies zur Sorge Anlaß."[5]

Überall dort, wo solche Beeinträchtigungen spürbar sind, wirken sich diese negativ auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen und damit auch auf deren intellektuelles Leistungsniveau aus. Hierfür sprechen die immer wieder festgestellten hohen Korrelationen zwischen kognitiven Fähigkeiten und sozioökonomischem Status. Auch die PISA-Studie weist einen diesbezüglichen Zusammenhangskoeffizienten von r=.31 aus.[6]

In der vorliegenden Untersuchung zeigt das Prüfkriterium Bruttowertschöpfung einen recht deutlichen positiven Zusammenhang mit dem regional zugeordneten durchschnittlichen Intelligenzniveau (RDI). Der Determinationskoeffizient beträgt 0.13[7] (rxy=.35). Niedrige RDI und geringe Bruttowertschöpfungen sind vor allem in den nördlichen Regionen der neuen Bundesländer zu beobachten, in den südlichen Regionen der alten Bundesländer dagegen besonders hohe RDI und hohe Bruttowertschöpfungen.

2. Arbeitslosigkeit

Die gesellschaftlich wichtigste Begleiterscheinung eingeschränkter Wirtschaftskraft ist Massenarbeitslosigkeit. Andauernde Arbeitslosigkeit im Elternhaus und/oder im sozialen Umfeld wiederum beeinträchtigt die kindliche Entwicklung in erheblichem Maße. Maik Görlich[8] hat in einem Sammelband die sozialen Folgen von Dauerarbeitslosigkeit beschrieben. In seinen Untersuchungsergebnissen ist von einer "lähmenden Wirkung", von einem "Einschrumpfen der Lebensäußerungen" sowie von "Hoffnungslosigkeit und Apathie" die Rede. Seiner Bewertung nach lässt sich Arbeitslosigkeit "eindeutig als isolierende Bedingung bezeichnen", die krisenhafte Reaktionen bis hin zu Persönlichkeitsveränderungen bewirken kann.[9] Hinsichtlich unserer Fragestellungen ist von besonderer Bedeutung, dass nicht nur die Arbeitslosen selbst hiervon betroffen sind, sondern auch die Familie als ihr zentraler Lebensbereich "mit fortschreitender Dauer der Situation wesentliche Veränderungen ihrer inneren Beziehungen" erfährt.[10] Maik Görlich spricht u.a. von der "Zunahme von Konfliktpotentialen" und der "Verschlechterung der Beziehungsqualität". Die ständige Nähe beider Elternteile könne von den Kindern als Einschränkung empfunden werden und so zu Entwicklungs- sowie auch zu Beziehungsproblemen führen.[11]

Negative Auswirkungen sind verstärkt zu erwarten, wenn sich derart problembeladene Haushalte in einer Wohnregion konzentrieren. Hartmut Häußermann spricht von einem "Fahrstuhleffekt" in einem solchen Umfeld: "Soziale Ungleichheit setzt sich - wenn es keine sozialstaatliche Intervention gibt - in sozialräumliche Segregation um; diese führt zu sich selbst verstärkenden Prozessen sozialer Selektion, an deren Ende Quartiere stehen, die von einer kumulativen Abwärtsentwicklung betroffen sind."[12] Es liegt auf der Hand, dass Kinder in solchen Umfeld- und Lebensbedingungen wenig Leistungsanreize, intellektuelle Förderung und formale berufliche Qualifizierung erfahren. Viele von ihnen sehen mit erhöhter Wahrscheinlichkeit eigener Arbeitslosigkeit entgegen.

Unsere Untersuchungsdaten lassen keinen Zweifel an einem substantiellen Merkmalszusammenhang zwischen der regionalen Arbeitslosenquote und dem regionalen Intelligenzniveau: Der Determinationskoeffizient beträgt 0.39 (rxy=-.62). Inhaltlich bedeutet dies, dass praktisch überall in Deutschland eine hohe Arbeitslosigkeit mit einem deutlich unterdurchschnittlichen RDI einhergeht und umgekehrt.

3. Binnenwanderung

Die wachsende Qualifikationsschere in den deutschen Regionen ist vermutlich auch durch die geringe Mobilität von Arbeitslosen mit eher geringer Qualifikation bedingt - vor allem wohl eine Folge des Umstands, dass für solche Arbeitslosen "regionale Disparitäten" im Arbeitsplatzangebot kaum relevant und "Jedermanns"-Arbeitsplätze in einer Periode der Massenarbeitslosigkeit überall knapp sind.[13] Möglicherweise ist dieses aber auch ein Effekt der angesprochenen "lähmenden" und "einschrumpfenden" Wirkung von Arbeitslosigkeit. Im Ergebnis jedenfalls stimmen einschlägige Untersuchungen dahingehend überein, dass Mobilität im Sinne von innerdeutscher, arbeitsbezogener Migration "primär eine Wanderung von Höherqualifizierten" ist.[14] In erster Linie sind es junge und gut ausgebildete Menschen, die Arbeitsplätze außerhalb ihrer Wohnregion suchen und finden.[15] Bezogen auf die Wanderungsbewegungen zwischen Ost und West stellt Hartmut Wendt hierzu fest, dass der typische Westwanderer " jung, gut gebildet und qualifiziert, von Arbeitslosigkeit bedroht oder bereits Westpendler"[16] ist.

Entsprechende Wanderungsströme im Zuge der Wiedervereinigung haben Befürchtungen einer Schrumpfung des "Intelligenzpotenzials" und einer "demographischen Implosion" in ostdeutschen Regionen Nahrung gegeben.[17] Steffen Maretzke hat mit gleicher Begründung vor dem Entstehen eines deutschen "Mezzogiorno" gewarnt.[18] Selektive Migration und der damit einhergehende "kumulative Prozess zirkulärer Verursachung" bewirken jedoch nicht nur Disparitäten im Ost-West-Vergleich, sondern in allen Teilen Deutschlands.[19] Sigfried Grundmann zeigt anhand amtlicher Statistiken auf, dass "selbst im Jahr der Öffnung der DDR-Grenzen zur BRD und zu Westberlin" die Binnenwanderung in den alten Bundesländern noch größer war "als die migrationelle Mobilität der DDR-Bevölkerung insgesamt".[20]

Unsere Untersuchungsdaten weisen einen engen positiven Zusammenhang zwischen Richtung und Intensität der Binnenwanderung und dem regionalen Intelligenzniveau (RDI) aus: Der entsprechende Determinationskoeffizient ist mit 0.20 (rxy=.45) jedoch nur etwa halb so groß wie bei der Arbeitslosenquote.

4. Stadt-Land-Gefälle ("Urbanität")

Insbesondere wegen der vielfältigeren, zumeist auch besseren Bildungseinrichtungen und kulturellen Angebote in den Städten und urbanen Ballungsräumen darf dem Stadt-Land-Gefälle ein Erklärungswert für Disparitäten im regionalen Intelligenzniveau zugeschrieben werden.

Unsere Prüfdaten zeigen einen leicht negativen korrelativen Zusammenhang zwischen dem regionalen Pro-Kopf-Anteil landwirtschaftlicher Nutzfläche und dem RDI, d.h. einen Determinationskoeffizienten von 0.05 (rxy=-.23). Ähnlich wie beim Prüfmerkmal Wirtschaftskraft lässt die Verteilungskonfiguration allerdings eher einen mittelbaren Merkmalszusammenhang vermuten.

5. Abiturientenquote

Neben Regionen mit Abiturientenquoten von nahezu 50 Prozent gibt es solche von deutlich unter 20 Prozent. Man sollte annehmen, dass allein die deutlich längeren Schulbildungszeiten von Abiturienten sowie die Anforderungen der gymnasialen Oberstufe ein höheres intellektuelles Leistungsniveau begründen.

Umso bemerkenswerter ist die Feststellung, dass trotz der sehr großen Schwankungsbreite die jeweilige Abiturientenquote in unserer Untersuchung so gut wie keine Auswirkung auf das regionale Intelligenzniveau zeigt. Entgegen unseren Erwartungen gibt es viele Regionen, in denen hohe Abiturientenquoten mit niedrigen RDI einhergehen und umgekehrt. Der unerwartet niedrige Determinationskoeffizient in Höhe von 0.04 (rxy=.19) spiegelt diesen Sachverhalt wider.


Fußnoten

5.
Alexander Reinberg/Markus Hummel, Die Entwicklung im deutschen Bildungssystem vor dem Hintergrund des qualifikatorischen Strukturwandels auf dem Arbeitsmarkt, in: Alexander Reinberg (Hrsg.), Arbeitsmarktrelevante Aspekte der Bildungspolitik, Nürnberg 2001, S. 41.
6.
Vgl. Jürgen Baumert u.a., PISA 2000: Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich, Opladen 2001. Der Koeffizient von r=0.31 bedeutet, dass die beiden Merkmale "kognitive Fähigkeiten" und "sozioökonomischer Status" wechselseitig voneinander abhängig sind. Knapp zehn Prozent der Varianz der "kognitiven Fähigkeiten" lässt sich durch den "sozioökonomischen Status" erklären (ist durch dieses Merkmal "determiniert").
7.
Der Determinationskoeffizient quantifiziert - genauso wie der Korrelationskoeffizient - den Zusammenhang zwischen zwei Merkmalen. Der o. g. Koeffizient von 0.13 bedeutet, dass 13 Prozent der Varianz der regionalen Intelligenzunterschiede durch die Bruttowertschöpfung erklärt werden.
8.
Vgl. Maik Görlich, Arbeitslosigkeit aus sozialer und pädagogischer Sicht, Stuttgart 1998.
9.
Ebd., S. 56, 64 und 92.
10.
Ebd., S. 100.
11.
Ebd., S. 102 und 106.
12.
Hartmut Häußermann, Die Krise der "sozialen Stadt", in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 10 - 11/2000, S. 13 - 21, hier S. 17.
13.
Vgl. ebd" S. 19.
14.
Thomas Straubhaar/Achim Wolter (Hrsg.), Migration in Europa - neue Dimensionen, neue Fragen, neue Antworten, in: Achim Wolter (Hrsg.), Migration in Europa, Baden-Baden 1999, S. 8.
15.
Vgl. Karl Eckart/Sabine Tzschaschel (Hrsg.), Räumliche Konsequenzen der sozialökonomischen Wandlungsprozesse in Sachsen (seit 1990), Berlin 2000; Volker Schulz, Die arbeitsmarktpolitischen und sozialen Dimensionen des Transformationsprozesses - dargestellt am Problem der Langzeitarbeitslosigkeit in der Region Neubrandenburg, in: Paul Gans/Franz-J. Kemper (Hrsg.), Mobilität und Migration in Deutschland, Erfurt 1995.
16.
Vgl. Hartmut Wendt, Wanderungen in Deutschland zwischen Ost und West vor und nach der Vereinigung, in: P. Gans/F.-J. Kemper, ebd., S. 16.
17.
Vgl. Irina Repke u.a., Abwanderung. Wieder der doofe Rest?, in: Der Spiegel, Nr. 3 vom 14. Februar 2002, S. 42ff.
18.
Vgl. Steffen Maretzke, Ausgewählte Aspekte der Wanderungsentwicklung in den Regionen der neuen Länder nach der Vereinigung, in: P. Gans/F.-J. Kemper (Anm. 15), S. 77.
19.
Vgl. Joachim Genosko, Interregionale Migration zwischen Ost- und Westdeutschland - Eine ökonomische Analyse, in: P. Gans/F.-J. Kemper (Anm. 15), S. 27.
20.
Sigfried Grundmann, Die Ostdeutschen - Räumlich immobil?, in: P. Gans/F.-J. Kemper (Anm. 15), S. 51.