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3.11.2004 | Von:
Paul M. Zulehner

Neue Männlichkeit - Neue Wege der Selbstverwirklichung

Schieflagen

Aufschlussreich für die Frage der Selbstentwicklung von Männern und Frauen sind jene Forschungsdaten, die wir mit dem Begriff der "Schieflagen" gebündelt haben. Wir haben solche in einigen Datensets entdeckt:

Zwar beschäftigen sich moderne Männer als "neue Väter" mehr mit ihren Kindern; sie bevorzugen jedoch Aufgaben, die nicht in den unmittelbaren Versorgungsbereich fallen (wie mit einem kranken Kind zum Arzt zu gehen, ein Kleinkind auf die Toilette zu setzen); lieber spielen sie mit den Kindern, erzählen ihnen Geschichten, treiben mit ihnen Sport.

Zwar sind moderne Männer eher bereit, der Partnerin im Haushalt mehr Arbeit abzunehmen, als die traditionellen Männer; dennoch neigen auch moderne Männer zu offensichtlich"männerspezifischen Haushaltsarbeiten" wie Auto waschen oder Garten pflegen; das Wäschewaschen oder gar das Bügeln überlassen auch sie lieber der Partnerin (siehe PDF-Version, Abbildung 4).

Zwar entdecken moderne Männer neben den "starken Eigenschaften", die traditionellerweise Männern zugewiesen werden, auch die "weichen" und "sanften", die üblicherweise - in den kulturellen Klischees - bei den Frauen angesiedelt sind; zugleich dominieren aber auch bei ihnen eindeutig die starken Eigenschaften.

Hier stellt sich die Frage, ob dies allein auf eine Veränderungsunwilligkeit der Männer, auch der modernen zurückzuführen ist. Hält sich das Patriarchat hartnäckiger, als selbst modernen Männern bewusst ist? Es sind aber weiter reichende Überlegungen möglich. Hinter diesen Schieflagen könnte auch eine Relativierung des in der Geschlechterdebatte gängigen Konstruktivismus liegen.

Konstruktivismus unterstellt, dass die Geschlechterrollen (wie das gesamte gesellschaftliche Gefüge) sich Vereinbarungen unter Menschen verdanken. Hier spielen Interessen und Gestaltungsmacht eine zentrale Rolle. Es wird angenommen, dass die herkömmlichen Gesellschaften männerfreundlich "konstruiert" sind und Männer gegenüber Frauen massiv privilegieren. Frauen sind enorm benachteiligt, vor allem, was den Zugang zum gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtum, aber auch, was die Gestaltungsmacht betrifft.

Konsequenterweise verlangen Frauen, die mehr Gerechtigkeit einfordern, eine Dekonstruktion dieser männerzentrierten Gesellschaft und eine Rekonstruktion neuer Verhältnisse. Die Idee der ersten Stunde der Frauenbewegung, Männer und Frauen in der bestehenden Männergesellschaft gleichzustellen, wird von der modernen Frauenbewegung nicht mehr geteilt. Es gilt vielmehr auch unter den Achtundsechzigern der flotte Spruch: "Wer werden will wie ein Mann, hat keinen Ehrgeiz!"

Tatsächlich ist inzwischen mit Eifer sehr viel Rekonstruktionsarbeit geleistet worden: zunächst von und für Frauen, inzwischen auch unter einer Avantgarde von Männern. Solche Rekonstruktionsarbeit scheint aber nun - man betrachte die Schieflagen - an empfindliche Grenzen zu stoßen. Der Erfindergeist hinsichtlich der Geschlechterrollen kann beachtliche Ergebnisse vorweisen. Zugleich gibt es sichtlich veränderungsresistente Anteile in den Geschlechterrollen.

Manche nehmen diese Tatsache zum Anlass, den Konstruktivismus als solchen in Frage zu stellen. Sie meinen, dass Geschlechterrollen eben nicht so veränderbar sind, wie vom Konstruktivismus unterstellt wird. Sie tendieren vielmehr zu einer Art komplexen Biologismus. Dieser stützt sich nicht nur auf die somatischen Unterschiede, die ja nicht zu leugnen sind, sondern auch auf menschheitsalte archaische Geschlechterbilder, mit denen sich alte Religionen (dabei wird an die auf Geschlechter angewendete Polarität des Jin-Jang gedacht) oder auch moderne Tiefenpsychologie (etwa eines Carl Gustav Jung) befassen. Was ein Mann oder eine Frau sind, sei nicht erfindbar, sondern vorfindbar. Selbstentwicklung von Frauen und Männern müsse daher bestrebt sein, das Vorfindbare aufzuspüren und die Lebenswirklichkeit danach zu gestalten. Geschehe dies nicht, würden Männer und Frauen unentwegt genötigt sein, gegen das "anzuleben", was sie sind und daher auch "im Grunde" sein möchten. Der Konstruktivismus sei daher eine verständliche, aber letztlich bedrohliche Anleitung zur Beschädigung weiblicher und männlicher Identität.

Sind aber das Vorfindbare und das Erfindbare ein unversöhnlicher Widerspruch? Schließen Konstruktivismus und Biologismus einander gänzlich aus? Wenn man die wissenschaftlichen Lagerbildungen und die darauf gestützten wechselseitigen Belagerungen bedenkt, könnte man zu diesem Schluss kommen. Aber es wäre auch ein versöhnlich-dialektisches Modell denkbar. Der Konstruktivismus könnte sich auf das Thema Gerechtigkeit beziehen, der Biologismus auf jenes der Identität. Dann wären Wege der Selbstentwicklung zu suchen, die beides zugleich anstreben: mehr Gerechtigkeit (und dazu Rekonstruktion gesellschaftlicher Verhältnisse und kultureller Begleitbilder) und zugleich mehr bzw. eindeutige Identität. Letztlich wäre das ein Bemühen, das der europäischen Geistesgeschichte nicht fremd ist, nämlich den Aristotelismus mit dem Platonismus zu versöhnen.

Eine solche versöhnliche Geschlechter-"Politik" (in der Wissenschaft, in der Selbstentwicklung, in der Suche nach angemessenen Strukturen) hätte zur Folge, dass sich der Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht einebnet, sondern eher profiliert. Und zugleich könnten ererbte Benachteiligungen geschlechterpolitisch sowohl in den privaten Lebenswelten wie im gesellschaftlichen Großraum vermindert werden.

Geht man aber nicht den dialektisch-versöhnlichen Weg, dann wird sich die Lagerbildung verschärfen. Damit steht der Friede zwischen den Geschlechtern auf dem Spiel, genauer, zwischen den Biologisten und den Konstruktivisten, die sowohl in der Männer- wie in der Frauenwelt zu finden sind.

Auf der einen Seite könnte sich ein aggressiver Konstruktivismus ausbilden, der am Ende zu einer Verwischung der Unterschiede zwischen Mann und Frau führt. Denn wenn alles konstruiert ist, bleibt nichts mehr, was Frauen und Männer als solche erkennbar macht. Auf der anderen Seite könnte aber der Biologismus gesellschaftspolitisch reaktionär werden und alte Ungerechtigkeiten fortschreiben sowie neue schaffen. Zwischen diesen beiden Polen der Diffusion wie des Geschlechterkampfes könnte der versöhnliche Weg hindurchführen, auf dem mit hoher flexibler Sensibilität nach der je heutig lebbaren Balance zwischen dem Vorfindbaren und dem Erfindbaren gesucht wird. Das entspräche der inneren Logik jener Männerarbeit, die sich die Entwicklung zu modernen Männern auf die Fahnen geschrieben hat. Dieselbe Logik würde aber auch Männerpolitik inspirieren - gleichsam komplementär mit jener der Frauen -, leidenschaftlich nach mehr Gerechtigkeit für Frauen und Männer zu suchen, ohne die spannende und reizvolle Polarität zwischen Männern und Frauen auflösen zu müssen.