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29.9.2004 | Von:
Thomas Ahbe

Die Konstruktion der Ostdeutschen

Diskursive Spannungen, Stereotype und Identitäten seit 1989

West-Ost-Unterschiede im Alltagshandeln

Anhaltende Ost-West-Unterschiede zeigen sich auf der Ebene des Alltagshandelns. Diese Unterschiede sind allerdings ein schon viel vermittelteres Echo der spezifischen Sozialisationsverhältnisse in der DDR als etwa Unterschiede in der subjektiven Schichteinstufung.

Wolf Wagner zeigte, auf welche typische, und von den westlichen Standards abweichende Weise die Ostdeutschen im Alltag kommunizieren. In Alltagsgesprächen oder bei einem Smalltalk neigen Ostdeutsche beispielsweise stärker dazu, über Mängel, Missstände oder auch eigene Probleme zu reden, während Westdeutsche lieber mit der Thematisierung von leichten und nichtigen Dingen das Gespräch eröffnen. In ihren jeweils eigenen Kulturen funktioniert das gut. Im Osten erzeugt man durch die ostdeutsche Art zu kommunizieren "Nähe und Solidarität", man nimmt das Gegenüber als "offen und leutselig" wahr. Die Westdeutschen erzeugen auf ihre eigene Art nicht minder entspannende "positive Stimmung", die es erlaubt, sich gegenseitig als "geistreich und diskret" wahrzunehmen und zu inszenieren. Erst wenn Ost- und Westdeutsche gemeinsam auf die Anforderungen der Kommunikationssituation mit den jeweils in ihren eigenen Kulturen angemessenen Kommunikationsstilen reagieren wollen, kommt es zu Friktionen. Ostdeutsche beschweren sich über Westdeutsche, die "oberflächlich und abweisend" seien, und diese wiederum nennen die Ostdeutschen "larmoyant und unersättlich".[18]

Ähnlich zeigen sich Ost-West-Differenzen bei der Interpretation von Karrierewegen. Wenn Westdeutsche oft den Arbeitsplatz oder -ort wechseln, gelten sie für andere Westdeutsche eher als zielstrebig und flexibel, als eine motivierte und hochwertige Arbeitskraft. In der DDR waren Arbeitsplatzwechsel eher mit Versagen oder anderen Stigmata verbunden. Denn wer in der DDR "gut" war, blieb oder stieg an Ort und Stelle auf, wer "schwierig" war, wurde "weggelobt". Aus dieser so vorgeprägten Ost-Perspektive galten die im Osten ankommenden Wessis als "abgeschobener Ausschuss", während die verstetigten Ostdeutschen den mobilen Westdeutschen wiederum als der "zurückgebliebene Ausschuss" gelten mussten.

Während in ostdeutschen Gruppen die Tendenz zum Ausgleich, zu Kompromissen, Harmonie aber auch zum Überdecken von Konflikten vorherrscht, ist das Verhalten in westdeutschen Gruppen stärker auf miteinander konkurrierende Individualitäten orientiert. In der gegenseitigen Wahrnehmung führt das dazu, dass die Ostdeutschen die Westdeutschen als "aggressiv, dominant und unsensibel" wahrnehmen, während sie die Eigengruppe als "freundlich, solidarisch und harmonisch" beschreiben. Die Westdeutschen hingegen empfinden diese Art von Harmonie als "feige und scheinheilig", während sie ihre Art der Kommunikation als "offen, mutig und authentisch" bezeichnen.[19]

Diese "typisch" west- bzw. ostdeutschen Stile in der Alltagskommunikation ähneln sich darin, in unterschiedlichen Sozialräumen jeweils funktional gewesen zu sein. Sowohl bei Ost- wie bei Westdeutschen hatte sich ein Verhalten habitualisiert, das von den gesellschaftlichen Strukturen nahegelegt wurde. Die spezifischen sozialisatorischen Muster bildeten die unterschiedlichen Funktionsweisen der Macht und der Chancenzuteilung in den verschiedenen Sektoren der beiden Gesellschaften ab - und reproduzierten diese. Die Friktionen werden mit dem Modell des "Kulturschocks" konzeptualisiert: Die Angehörigen der beiden Gruppen wenden die Formen des "richtigen" und freundlichen Handelns an, dennoch misslingt die Interaktion. Das Ergebnis dessen ist, dass man sich selbst "gut und richtig" findet und die anderen "seltsam, unverständlich, doof".[20]


Fußnoten

18.
W. Wagner, Kulturschock 1999 (Anm. 11), S. 139.
19.
Ebd., S. 144.
20.
Ebd., S. 199.