Staats- und Regierungschefs gedenken des Endes des Ersten Weltkrieges in Paris, 11.09.2018.

23.11.2018 | Von:
Pierre Gottschlich

Hindu-Nationalismus. Indien auf dem Weg in einen Hindu-Staat?

Ayodhya und der politische Aufstieg

Die "Politik der Angst" und die Konstruktion eines bedrohlichen "Anderen" haben sich für hindu-nationalistische Parteien wie die BJP als überaus wirksame Instrumente zur politischen Mobilisierung erwiesen und ihren politischen Aufstieg begleitet und ermöglicht.[12] Insbesondere die Angst vor einer "Islamisierung" Indiens und einer damit einhergehenden Marginalisierung der Hindus im eigenen Land wurde und wird gezielt geschürt. Ein wichtiger Kristallisationspunkt des vermeintlich unabwendbaren Hindu-Muslim-Konfliktes ist die Ayodhya-Kontroverse.[13]

Die Stadt Ayodhya in Nordindien wird von Hindu-Nationalisten als Geburtsstätte des Gottes Rama, der siebenten Inkarnation des Vishnu, angesehen. Seine Lebensgeschichte, das Ramayana ("Weg des Rama"), zählt zu den bedeutendsten Epen Indiens und gilt als ein zentrales Element des Hindu-Glaubens. Die folgenschwere Kontroverse bezieht sich auf eine Moschee, die 1528 vom ersten indischen Großmogul Babur in Ayodhya errichtet und als Babri Masjid ("Baburs Moschee") bekannt wurde. Hindu-Nationalisten behaupten, dass die Moschee genau an der Geburtsstelle Ramas gebaut und ein hier zuvor befindlicher, Rama geweihter Hindu-Tempel zerstört wurde. Seit Mitte der 1980er Jahre forderten hindu-nationalistische Organisationen wie der Vishwa Hindu Parishad (VHP, "Welt-Hindu-Rat") immer lautstärker den Abriss der Babri Masjid und die Befreiung Ramas aus seinem "muslimischen Gefängnis".[14] Die (Wieder)Errichtung des Rama Janmabhumi Mandir ("Rama-Geburts-Tempel") in Ayodhya ist nach wie vor ein zentrales Ziel der hindu-nationalistischen Bewegung. Hierbei geht es um weit mehr als nur den Bau eines Tempels. Ayodhya symbolisiert für Hindutva-Anhänger den bevorstehenden Aufbruch in ein neues, segensreiches Zeitalter und damit zugleich die Rückkehr zu einer angeblich vormals vorhandenen zivilisatorischen Größe und Harmonie. Es gilt, Indien vollkommen neu auszurichten und seine Geschichte neu zu interpretieren.[15]

Die Ayodhya-Kampagne erwies sich für die Hindu-Nationalisten als effektive Mobilisierungsstrategie. Die Betonung des Hindu-Muslim-Gegensatzes als unauflöslicher Konflikt in der Geschichte Indiens und das Schüren von Überfremdungsängsten wurden wesentlicher Teil der politischen Rhetorik, beispielsweise in den Reden der radikalen Aktivistin Sadhvi Rithambara. Der immer lautere Ruf nach Taten führte schließlich am 6. Dezember 1992 zur Zerstörung der Babri Masjid, als hunderttausende Anhänger von RSS und VHP die Moschee zum Teil mit bloßen Händen dem Erdboden gleichmachten und damit das Signal für landesweite Unruhen mit zahlreichen Todesopfern gaben. Das umstrittene Gelände wurde abgesperrt und aufgrund ungeklärter Eigentumsfragen bis heute nicht für den Bau des Rama-Tempels freigegeben. Die BJP übernahm die politische Verantwortung für den Abriss der Babri Masjid und feierte die Tat als Symbol für die Überwindung der muslimischen Fremdherrschaft über Indien. Meinungsumfragen zeigten jedoch, dass eine Mehrheit der indischen Bevölkerung die Zerstörung der Moschee nicht billigte.[16] Gleichwohl hatte sich die BJP mit der Ayodhya-Kampagne eine verlässliche Hindu-Wählerbasis geschaffen und sich in Nord- und Zentralindien als ernst zu nehmender politischer Akteur etabliert. Sie gilt als Schlüsselmoment im Ringen um die politische und kulturelle Hegemonie in Indien.[17]

Von Ayodhya nach Gujarat

Im westindischen Bundesstaat Gujarat, einer Hochburg der BJP und Heimat des amtierenden Premierministers Narendra Modi, zeigt sich seit Mitte der 1990er Jahre exemplarisch die Verfestigung der politischen Macht der Hindu-Nationalisten. Die BJP nutzte eine Strategie der gesellschaftlichen Polarisierung und den Ausbruch von Gewalt auf kommunaler Ebene für ihre Zwecke. Im Februar 2002 kam es nahe des Bahnhofs Godhra im Bundesstaat Gujarat zu einem Brand in einem Zug mit Hindu-Pilgern, der sich auf der Rückreise aus Ayodhya befand. Die Brandursache ist bis heute nicht vollständig geklärt, knapp 60 Hindus starben in den Flammen.[18] Für den Brand wurden unabhängig von der unklaren Beweislage Muslime verantwortlich gemacht. In der Folge kam es im ganzen Bundesstaat zu antimuslimischen Gewaltausbrüchen, die in einem der schlimmsten Pogrome seit der Unabhängigkeit Indiens gipfelten.[19] Die Ausschreitungen hielten tagelang an, ohne dass die Sicherheitskräfte eingriffen. Modi, damals gerade als Ministerpräsident von Gujarat ins Amt gekommen, verharmloste die Gewaltwelle als "natürliche Reaktion" auf den Brand in Godhra und sprach vom "gerechtfertigten Volkszorn".[20] Die Untätigkeit der Staatsorgane und das gezielte und koordinierte Vorgehen der gewalttätigen Gruppen deuteten für viele Beobachter auf eine vorherige Planung der Attacken und auf eine staatliche Unterstützung der Angreifer hin.[21]

Die erschreckende Bilanz der Ausschreitungen waren mindestens 2.000 überwiegend muslimische Tote, ungezählte Körperverletzungen und Vergewaltigungen, die Zerstörung von etwa 270 Moscheen und islamischen Heiligtümern, die Plünderung und Brandschatzung tausender muslimischer Geschäfte und die Vertreibung von schätzungsweise 150.000 Menschen.[22] Im folgenden Wahlkampf für die anstehenden Regionalwahlen instrumentalisierte die BJP die Spaltung der Gesellschaft und stilisierte die in Godhra ums Leben gekommenen Hindus als Märtyrer. Modi gelang schließlich im Dezember 2002 ein überwältigender Wahlsieg mit fast 50 Prozent der Wählerstimmen. Manche Politikwissenschaftler sahen nun in den vorangegangenen Gewalttaten sogar eine gezielte Wahlkampfstrategie zur Mobilisierung der niedrigkastigen Hindu-Wähler für die traditionell eher von höheren Kasten dominierte BJP. Die Ausschreitungen brachen demnach überproportional häufig in besonders umkämpften Wahlkreisen aus und führten bei den Wahlen zu substanziellen Stimmengewinnen für die BJP.[23] Aus dieser Perspektive diente das Pogrom von Gujarat vor allem der inneren Festigung der Hindus und der Konsolidierung ihres Wahlverhaltens. Die Bedrohung durch die vermeintlich von Muslimen ausgelöste Gewalt sollte nun auch diejenigen Hindus an die BJP binden, die zuvor aus verschiedenen Gründen nicht für die Partei gestimmt hatten. Die BJP regiert Gujarat bis heute mit absoluter Mehrheit und hat bei den letzten Regionalwahlen im Dezember 2017 erneut fast die Hälfte der Wähler für sich mobilisieren können.

Fußnoten

12.
Vgl. Dibyesh Anand, Hindu Nationalism in India and the Politics of Fear, New York 2011, S. 151–159.
13.
Vgl. Uwe Skoda, Ayodhya. Ein Symbol des Hindu-Nationalismus, in: ders./Klaus Voll (Hrsg.), Der Hindu-Nationalismus in Indien. Aufstieg – Konsolidierung – Niedergang?, Berlin 2005, S. 83–113.
14.
Vgl. Juergensmeyer (Anm. 9), S. 182f.
15.
Vgl. Skoda (Anm. 13), S. 99.
16.
Vgl. Hermann Kulke/Dietmar Rothermund, Geschichte Indiens. Von der Induskultur bis heute, München 2006³, S. 418.
17.
Vgl. Thomas Stauber, Safranfarbene Schocktherapie. Wie der Hindunationalismus die indische Gesellschaft spaltet, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 2/2017, S. 99–108, hier S. 101.
18.
Vgl. Prateep K. Lahiri, Decoding Intolerance. Riots and the Emergence of Terrorism in India, New Delhi 2009, S. 232f.
19.
Vgl. Christoph S. Sprung, Macht durch Gewalt und Religion – Das hindu-nationalistische Pogrom in Gujarat 2002, in: Skoda/Voll (Anm. 13), S. 279–297.
20.
Zit. nach Priya Parker, Reconciliation in Gujarat, in: Peace Prints. South Asian Journal of Peacebuilding 1/2008, S. 1–15, hier S. 3. Übersetzung des Autors.
21.
Vgl. Siegfried O. Wolf/René Schultens, Hindu-Nationalismus – (k)ein Ende in Sicht!, in: Der Bürger im Staat 3–4/2009, S. 164–173, hier S. 169.
22.
Vgl. Parker (Anm. 20), S. 2f.
23.
Vgl. Thad Dunning, Fighting and Voting. Violent Conflict and Electoral Politics, in: Journal of Conflict Resolution 3/2011, S. 327–339.
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Autor: Pierre Gottschlich für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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