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Die Deutschen - eine Nation?

13.9.2004

Zum Selbstverständnis der Deutschen



Schon vor dem Untergang des "alten Reichs" war dieses nicht mehr von der "teutschen Nation" angenommen worden. Friedrich der Große fand als Rebell gegen das Reich Anerkennung,[10] und dem Gebilde blieb nur Spott und Verachtung.[11] Goethe und Schiller fragten 1796 in den "Zahmen Xenien": "Deutschland? Aber wo liegt es?/ Ich weiß das Land nicht zu finden,/ Wo das gelehrte beginnt,/ hört das politische auf." Die Klassiker endeten mit der resignierenden Feststellung: "Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche vergebens." Doch mittelbar, über die Literatur, war es immerhin möglich. Goethe (im "Egmont") und Schiller (vor allem mit dem "Wilhelm Tell" und der "Jungfrau von Orleans") schufen Bestandteile eines Nationalbewusstseins. Die Charakterisierung der Deutschen als Volk der Denker und der Gelehrten und seine objektive Distanz zur Politik machten Schule. Goethe beschrieb in "Hermann und Dorothea" (1798) das Idyll des unpolitischen Deutschen, und Spitzweg malte es mehr als zwei Generationen später.

Ernst Moritz Arndt erweiterte im Anschluss an Johann Gottfried Herder den Volksbegriff um dieemotionale, demokratische Komponente. Er führte 1814 die Sprache und als emotionale Werte Zuverlässigkeit, Treue, Liebe, aber auch Mut an. Seiner Beschreibung des deutschen Charakters fügte er den Zorn auf "welschen Tand" und auf den "Franzmann" hinzu. Er tat dies während des "Befreiungskriegs". Indessen taugt jener nicht dazu, zum nationalen Freiheitskrieg erhoben zu werden, war er doch nur ein preußischer "Befreiungskrieg", kein deutscher; dagegen stand die staatliche Struktur Deutschlands. In der Vielvölkerschlacht vor Leipzig kämpften Truppen der Rheinbundstaaten auf Napoleons Seite - was das Überlaufen der Sachsen und Württemberger freilich nicht verhinderte. Der preußische Volkskrieg[12] gegen Napeolon I. und die Franzosen erfolgte in Übereinstimmung mit der beibehaltenen Herrschaftsordnung der Monarchie und des Adels.[13] Die mit Napoleon verbündeten Rheinbundfürsten, die immerhin ein Drittel seiner Russlandarmee gestellt hatten, vollzogen nach Österreichs Beitritt zur preußisch-russischen Koalition den politischen Schwenk und retteten damit ihre Herrschaft. Noch mehr: Der Rheinbund diente dem Deutschen Bund von 1815 als politisches Modell.

Verband sich der süddeutsche Konstitutionalismus im Vormärz mit der Freiheitsidee? Der Verfassungsstaat war ein Mittel der Staatsbildung, das neben den klassischen Mitteln dynastische Kontinuität,[14] Verwaltung, Armee und Strafrecht durch die Gewährung von Mitbestimmungs- und Freiheitsrechten für die Untertanen ein rechtliches Gegengewicht zu den Standesherren, den Mediatisierten, schuf. Die Revolution von 1848/49 knüpfte an ihn an - und scheiterte an Preußen, dessen König die ihm angebotene Kaiserkrone ablehnte.

Das Verhältnis zu Frankreich war für die Deutschen stets bedeutungsvoll - und zwiespältig. Frankreich bot politisch Verfolgten Asyl und galt als Exportland für Umstürze. Stets revolutionsbereit und -willig taugte es als politisches Vorbild wenig, nachdem die Revolution in der Herrschaft Napoleons und später in der Restauration der Bourbonen geendet war - ganz abgesehen davon, dass der deutsche Hang nach "Ruhe und Ordnung" als Reaktion auf die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs, aber auch auf die Verwüstungen der Pfalz durch den "Sonnenkönig" und die fast zwanzig Jahre währenden napoleonischen Kriege verständlich war. Frankreich blieb eine unberechenbare Bedrohung. Als seine Intellektuellen erneut die Rheingrenze als "natürliche Grenze" einforderten, entstand ein deutsches Nationalbewusstsein, von dem die "Wacht am Rhein" und das Deutschlandlied zeugen.[15] Letzteres übernahm das "alte Reich" als ungefähre geographische Einheit: "von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt". Es war der Bereich der deutschen Kulturnation, der gegen Frankreich geschützt werden sollte.[16]

War der Deutsche "Der Untertan", wie ihn Heinrich Manns berühmter Roman 1914 beschrieb? Der "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm I. hatte seine Untertanen geprügelt und dies mit der Aufforderung begleitet, sie sollten ihn lieben. Mit dem Zuruf "Hunde, wollt Ihr ewig leben" hatte Friedrich der Große seine Grenadiere bei Kunersdorf in den Tod gejagt. Doch ist das Verhältnis der Preußen zur Obrigkeit vielschichtiger. Diese war zur Beschützerin der Glaubensfreiheit geworden und wurde durch einen "aufgeklärten Absolutismus" geprägt. Das "Räsonniert, aber gehorcht"[17] markierte zunächst die Grenze, die der premier serviteur de l'état zog. Doch war der Bürger bereit, mit Kants kategorischem Imperativ, mit der Bereitschaft des Individuums, sein Interesse dem Gemeinwohl unterzuordnen,[18] der Staatsgewalt entgegenzukommen. Dabei blieb es, obschon der preußische König nach dem Wiener Kongress sein Verfassungsversprechen nicht erfüllte. Der Staat honorierte dies mit der Gewährung der Gewerbefreiheit, und er sorgte für die Arbeiter mit der Sozialgesetzgebung. Beides waren wesentliche Schritte zur Nationsbildung.

Wie überall war der Krieg auch in Deutschland ein Mittel zur Einheitsstiftung.[19] Dies gilt für den Krieg von 1813/14 als Kampf gegen die Fremdherrschaft und den Krieg von 1870/71 als Fortsetzung, denn er wehrte Frankreichs Anspruch auf Einmischung in die deutschen Verhältnisse ab. Als Einigungskrieg, der die süddeutschen Fürsten zur Aufgabe ihrer Souveränitätsideologie zwang und von ihrer Rheinbundmentalität löste, war er ein Schritt der deutschen Kulturnation zur Staatsnation, und dies auch noch in anderer Hinsicht: als Wiedergutmachung des von Ludwig XIV. begangenen historischen Unrechts, denn das Elsass gehörte zur deutschen Kulturnation. Nur prägte nicht sie das Reich, sondern der preußische Militarismus - wie die Ereignisse in Zabern und das eine Generation währende Ausnahmerecht für das "Reichsland" zeigten.[20]

Der Erste Weltkrieg förderte im Deutschen Reich die Einheit, aber auch die Konzentration der Macht. Insofern gab es keinen Unterschied zum Zweiten Weltkrieg, der den Charakter des Volkskriegs als Vernichtungskrieg offenlegte. Der Kampf mit der Sowjetunion übertrug den deutschen Bürgerkrieg, den Kampf gegen die inneren Feinde, die als Kommunisten Gegner der Nation waren, auf den äußeren Feind. Hitler bediente sich der Protestbewegung gegen den Versailler Frieden und verband sie mit der Rasseideologie, welche die Unterdrückung und Ausrottung "minderwertiger" Rassen und Völker legitimieren sollte. Der Antisemitismus mündete im Holocaust. Die drakonische Erzwingung des Durchhaltens und die bevorstehende militärische Niederlage zerstörten den Anspruch des "Führers", das nationale Interesse Deutschlands zu repräsentieren - wie nicht zuletzt das Attentat vom 20. Juli 1944 zeigte.

Im historischen Rückblick ist die Bilanz negativ. Die deutsche Kulturnation ist nicht Staatsnation geworden. Dem stand geographisch die Option für "Kleindeutschland" entgegen, zunächst 1848/49 und sodann 1866/71. Und es fehlte stets die Freiheit[21], eindeutig in der Zeit des Deutschen Bundes. 1848 scheiterte die Nationsbildung an der Monarchie. Es bedurfte im Kaiserreich einer langen Zeit, bis die Verwirklichung des Rechtsstaates ein Mehr an Freiheit bedeutete. 1918 brachte die Revolution einen bloßen Herrschaftswechsel, den weder Volk noch Elite annahmen. Die "goldenen Jahre" der Weimarer Republik waren nur die hypertrophe Blüte des Individualismus als Reaktion auf den Obrigkeitsstaat. Das "Dritte Reich" bedeutete mit seiner Freiheitsfeindlichkeit, mit der Zwangsemigration seiner Kulturträger und dem Widerruf der jüdischen Assimilation, mit der Gewaltherrschaft und den Konzentrationslagern, mit seiner Vernichtung "minderwertiger" Völker und der ganzen Primitivität seines rassischen Herrschaftsanspruchs das vorläufige Ende der deutschen Kulturnation.

Die Kulturnation zu erneuern und aus ihr die deutsche Staatsnation zu begründen, ist nach 1945 erneut gescheitert: mit der Abtrennung Deutsch-Österreichs, dem Verlust der Ostgebiete und der deutschen Teilung, der Errichtung zweier konträrer Herrschaftssysteme. Die auf Befehl der westlichen Siegermächte errichtete Bundesrepublik schuf sich ein föderalistisch-parlamentarisch-bürokratisches Herrschaftssystem, welches das Volk von politischen Grundentscheidungen ausschloss[22] und mit der Übertragung der Kulturhoheit auf die Länder Deutschland in die Zeit vor der Reichsgründung (1871) und der Weimarer Republik (1919) zurückversetzte. Die Aufhebung der deutschen Teilung im Oktober 1990 hat zwar die äußere Einheit wieder hergestellt, indem sie den westlichen Teilstaat um den östlichen erweitert hat. Doch ist die föderalistische Barriere auf dem Weg zurück zur deutschen Kulturnation geblieben. Es ist mühsamer geworden, ihn zu gehen.



Fußnoten

10.
Nach Goethes Bericht in "Dichtung und Wahrheit" waren die Frankfurter (die Bürger der Freien Reichsstadt und Krönungsstadt des Reichs) "fritzisch" gesonnen.
11.
Der Spott begann mit dem (wirklich ungewollten?) Druckfehler über die "e(i)lende Reichsarmee". In Auerbachs Keller (Goethes "Urfaust", 1773/1775) hieß es: "Das liebe heilge römsche Reich, wie hälts nur noch zusammen." Samuel Pufendorf sprach vom "monstrum irregulare", und Hegel erkannte dem Reich die Vernunft und damit die Realität ab (1802).
12.
Der von Friedrich Wilhelm I. geprägte Militärkult war mit der Katastrophe von 1806 zusammengebrochen. Doch ging die Erneuerung Preußens von der allgemeinen Wehrpflicht aus, so dass die Armee einen neuen Stellenwert erhielt.
13.
Wird die zeitgenössische Bewertung und nicht die spätere zugrunde gelegt, so ist zwischen der allgemeinen Ablehnung der Besatzungsarmee und der finanziellen Ausbeutung, dem emotionalen, kollektiven Empfinden der Demütigung sowie den Reaktionen der Eliten zu unterscheiden: der des Adels als des militärischen Versagers von 1806, und der des Bürgertums, das den Widerspruch zwischen französischer Menschheitsideologie und Imperialismus mitsamt Napoleons organisiertem Kunstraub zutiefst empfand. Das Volk, das noch in patriarchalische Verhältnisse eingebunden war, bedurfte des Aufrufs des Königs von 1813 zum Befreiungskampf.
14.
Nach Kriegen besteht stets ein allgemeines Bedürfnis nach einem Ruhe und Ordnung symbolisierenden und garantierenden "Landesvater". Kontinuität verspricht die Familie, die seit dem 19. Jahrhundert zumindest in Deutschland mit bürgerlichen Maßstäben gemessen wurde.
15.
Vgl. hierzu Johannes Haller, Tausend Jahre deutsch-französischer Beziehungen, Stuttgart 1930. Zeitzeuge für die damalige Reaktion ist Friedrich Engels, der Elsass-Lothringen zurückforderte.
16.
Dies besagt die erste Strophe: "wenn es stets zu Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält".
17.
Aus seiner Spätzeit stammt die Äußerung: "Ich bin es müde, über Sklaven zu herrschen." Sie markiert ein Ende des "aufgeklärten Absolutismus". Das andere markiert Leopold II. als Großherzog der Toskana: die fortschreitende Machtbeschränkung des Monarchen bis zu seiner Selbstaufhebung. Dieser Gedanke findet sich auch in den letzten, fragmentarischen Äußerungen Fichtes, die Ferdinand Lassalle 1860 publizistisch für Preußen ins Spiel brachte.
18.
Damit wird ein zentraler Punkt des deutschen Geschichtsverständnisses berührt: Das Individuum ist nicht das in sich ruhende, ungebrochene, das selbstverständlich agiert - und mit sich selbst einig ist, auch beim Königsmord. Geht dies auf den Protestantismus zurück?
19.
Die Liquidation der feudalistischen Ordnung in den Rheinbundstaaten bezahlten nicht zuletzt die in den napoleonischen Vernichtungskriegen im Zuge der Militärallianz zu Soldaten gepressten Untertanen.
20.
Wie weit war der preußische Staat überhaupt integrationsfähig? Das Preußische Allgemeine Landrecht bot eine Integrationschance - die des aufgeklärten Absolutismus. Ob sie ausgereicht hätte, wenn nicht Friedrichs des Großen Nachfolger mediokre Persönlichkeiten gewesen wären? Ob Friedrich III. den Beweis hätte führen können? Historisch ging die Integration nicht über die Herrschaftssicherung durch Armee, Verwaltung und Justiz hinaus - ausgenommen die Selbstverwaltung der Städte. Die Assimilation der jüdischen Oberschicht gelang, nicht die der polnischen Untertanen in den Ostprovinzen.
21.
Vgl. hierzu Th. Ramm (Anm. 8).
22.
Die Haltung des Bundeskanzlers, unter Berufung auf das Grundgesetz eine Volksabstimmung über den europäischen Verfassungsentwurf abzulehnen, die in anderen Staaten durchgeführt wird, ist unbegreiflich, hat er doch vor nicht allzu langer Zeit den Entwurf einer Grundgesetzänderung eingebracht, der die Einführung von Volksabstimmungen zum Gegenstand hatte.