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31.8.2004 | Von:
Volker Mrasek

Masterplan gesucht

Die Wende von der fossilen zur regenerativen Energiewirtschaft kommt nur schleppend in Gang. Es fehlt eine Art Masterplan für die Energiewende, ein übergreifendes Konzept, das von allen gesellschaftlichen Kräften im Konsens getragen wird.

Einleitung

Energie ist ein Schlüsselthema für die künftige Entwicklung der Welt. Die globale Energienachfrage nimmt rasant zu, heute vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern (...). Die große Herausforderung ist, diese Energienachfrage auf nachhaltige Weise zu befriedigen.[1]




Die Richtung der Energiewende steht fest: Es muss sowohl die Energieeffizienz bei der Nutzung fossiler Energieträger gesteigert als auch der Einstieg in die Nutzung erneuerbarer Energien massiv gefördert werden.[2]

Wissenschaftler sind im Allgemeinen höfliche Menschen: hart höchstens im akademischen Diskurs, eher zurückhaltend, ja sich selbst zurücknehmend im öffentlichen Auftreten. Politikern oder Verbrauchern die Leviten zu lesen, auch wenn es ihnen eigentlich nötig scheint, ist ihre Sache nicht. Wissenschaftler posaunen und poltern in der Regel nicht lautstark daher. Sie liefern Expertisen ab, geben stille Handlungsempfehlungen oder Denkanstöße.

In der aktuellen Klima- und Energiediskussion wünschte man sich jedoch, die Wissenschaft verpackte ihre Appelle nicht nur in Berichte und Studien, sondern trüge sie flammend und in aller Öffentlichkeit vor. Denn noch immer scheint vielen nicht klar zu sein, worum es geht: um das drängendste Umweltproblem der Gegenwart und der nahen Zukunft, für dessen Lösung viel mehr getan werden könnte und - so die Schlussfolgerungen der Forscher - auch getan werden müsste.

Nach allem, was die Naturwissenschaft heute weiß, beeinflusst die Nutzung gewisser Energieträger durch den Menschen das Klima der Erde. Die intensive Ausbeutung der fossilen Ressourcen Kohle, Erdöl und Erdgas wird mit der Emission enormer Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid in die Atmosphäre und dem Anstieg der oberflächennahen Weltmitteltemperatur um rund 0,6 Grad Celsius seit Beginn des Industriezeitalters in Verbindung gebracht. Dieser Trend hat sich zuletzt beschleunigt. Es wird erwartet, dass er weiter anhält, unter Umständen für Generationen.[3]

Insbesondere deutsche Wissenschaftler haben sich früh mit dem Problem auseinander gesetzt. Eine vom Bundestag eingesetzte Enquete-Kommission veröffentlichte bereits um das Jahr 1990 herum Berichte, die bis heute als wegweisend gelten und eine rasche Reaktion der Energiepolitik im Kampf gegen die Klimaerwärmung und ihre katastrophalen Folgen anmahnen.[4] Doch muss man feststellen: Auch Jahre später kommt die propagierte Wende von der fossilen zur regenerativen Energiewirtschaft, obschon mit dem Vermerk "Eilt!" versehen, nur schleppend in Gang. Es gibt zwar eine Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung mit dem Ziel, den Anteil Erneuerbarer Energien insbesondere bei der Stromerzeugung in Deutschland zu erhöhen.[5] Es gibt Gesetze, die Anreize für die Installation von Biogasanlagen auf Bauernhöfen, von Solarzellen auf Hausdächern und von Windrädern wo auch immer schaffen, indem sie den erzeugten und ins öffentliche Netz eingespeisten "grünen Strom" extra vergüten. Es gibt Initiativen deutscher Städte und Kommunen, mehr für den Klimaschutz zu tun.

Doch was noch immer fehlt, ist eine Art Masterplan für die Energiewende, ein übergreifendes Konzept, das von allen gesellschaftlichen Kräften im Konsens getragen wird: von der Politik, von der Wirtschaft und von den Verbrauchern. Es sind wiederum wissenschaftliche Studien, die erkennen lassen, wie nötig ein solcher Generalstabsplan ist. Denn es existiert nicht die eine regenerative Energiequelle, die man bloß zielstrebig erschließen muss, und dann lassen sich Kohle und Erdöl größtenteils ersetzen. Im Gegenteil: Die Entwicklungsszenarien der Forscher zeigen, dass dieses Fernziel nur im Konzert aller verfügbaren erneuerbaren Energieträger gelingen kann. Wind- und Wasserkraft, Sonnenstrahlung, Biomasse und Erdwärme (Geothermie): Sie alle müssen verstärkt genutzt werden, um tatsächlich in nennenswertem Umfang auf klimastrapazierende fossile Energieträger verzichten zu können.[6]

Dabei ist das Potenzial der einzelnen erneuerbaren Energiequellen nicht simultan abrufbar, sondern nur sukzessive. Ihre Implementierung ähnelt einem Staffellauf. Windkraft und Biomasse, heute schon anwendungsreif, haben das Rennen eröffnet. Von Windturbinen, Biogasanlagen und Holz-Heizkraftwerken wird erwartet, dass sie weiter kräftig zulegen. Bis sie den Staffelstab abgeben können, werden noch ein, zwei Jahrzehnte vergehen. Erst dann könnte es in größerem Umfang geothermische Kraftwerke in Deutschland geben, die Erdwärme in Strom verwandeln. Erst dann dürften Solarzellen so hohe Wirkungsgrade erreicht haben, dass die Photovoltaik, die Umwandlung von Sonnenenergie in elektrischen Strom, den Durchbruch auch in strahlungsärmeren Breiten wie den unseren schafft.[7] Es geht also um eine konzertierte energiepolitische Aktion nach einem Zeitplan, der klug abgestimmt sein will, den individuellen Entwicklungspotenzialen der verschiedenen Energiequellen entsprechend.

Es genügt nicht, dass diese Marschroute nur Wissenschaftlern geläufig ist. Wenn es aus Expertensicht zwingend ist, die Nutzung von Biomasse und Windenergie hier und heute zu forcieren, weil nur diese beiden regenerativen Quellen fürs erste imstande sind, die Energiewende in Gang zu bringen, dann sollte das in der Öffentlichkeit bekannt sein. Es würde helfen, manchen Konflikt in der Gesellschaft zu entschärfen, der sich an den Erneuerbaren Energien entzündet, sie unnötig diskreditiert und ihre Entwicklung bremst.

An erster Stelle muss hier die Windenergienutzung im Binnenland erwähnt werden. Kein anderer Staat der Erde ist so stark mit Windkraftanlagen (WKA) bestückt wie Deutschland.[8] Ihre Zahl liegt inzwischen bei über 15000. Die Fülle von Anlagen mag ein Grund dafür sein, dass der Widerstand gegen WKA wächst. Vielerorts haben sich Bürgerinitiativen gebildet, die gegen die Errichtung von Propellerparks in ihrer Nachbarschaft kämpfen. Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" geißelte im März dieses Jahres in einer umfangreichen Titelgeschichte den angeblichen "Windmühlen-Wahn" in Deutschland.

Wären die Ausbau-Szenarien der Wissenschaftler besser bekannt, könnten viele der Auseinandersetzungen wohl zu den Akten gelegt werden. Die Bevölkerung erführe dann zum Beispiel, dass sich der Propellerwald mittelfristig wieder lichtet. Die Losung heißt hier "Repowering": Viele kleine Windräder an einem Standort können durch eine oder wenige Großanlage(n) ersetzt werden.[9] Deutsche WKA-Hersteller vermarkten heute Turbinen mit drei, vier, in Kürze sogar fünf Megawatt elektrischer Leistung. Eine einzige solche Windkraftanlage ist vom Nennwert her imstande, viele tausend Haushalte mit Strom zu versorgen.

Für viele haben die heutigen 3- oder 4-Megawatt-Riesen sogar einen ästhetischen Reiz. Ihre gigantischen Rotorblätter drehen sich eher träge im Wind, ganz anders als bei den WKA-Zwergen der ersten Generation. Wer sich über ein Spalier von Schnelldrehern wie an manchen Küstenstreifen grämt, dürfte ihre Ablösung durch eine gemächlich arbeitende Großanlage als erlösend empfinden.

Die Windenergiebranche hält es aber längst nicht mehr nur an den Küstenstrichen. Sie stürmt hinaus aufs Meer, schmiedet große Pläne für die Nord- und Ostsee, im Einklang mit der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung. Danach sollen noch in diesem Jahrzehnt in deutschem Seegebiet Offshore-Windparks mit einer Gesamtleistung von bis zu 3 000 Megawatt hochgezogen werden und Strom an Land liefern. Im Jahr 2030 werden sogar 20 000 bis 25 000 Megawatt für möglich gehalten. Das entspräche in etwa der Leistung von 15 bis 20 Kernkraftwerksblöcken. 15 Prozent des deutschen Stromverbrauchs (bezogen auf das Jahr 1998) sollen die Wind-Großkraftwerke, von denen man dann sprechen müsste, einmal decken können.[10]

Ist das naives Wunschdenken? Oder eine realistische und überzeugende Strategie der künftigen Energievorsorge? Es gab vielerlei Bedenken gegen den Auszug der Windmüller aufs Meer. Tourismusmanager befürchteten sinkende Gästezahlen durch Propellerwälder am Horizont. Biologen sorgten sich um Schweinswale und Zugvögel. Schifffahrtexperten beklagten die räumliche Nähe geplanter Anlagen zu viel befahrenen Verkehrsrouten auf See. Und in allen Kritiken klang irgendwie mit an, da werde etwas übers Knie gebrochen.

Man darf sich wieder der Expertise der Wissenschaft bedienen, um grundsätzlich zu erwidern: Es wäre sträflich, die Option der Stromernte auf See nicht zu nutzen. Im Meer liegt ein gewaltiges Windenergie-Potenzial brach, größer als im Binnenland. Und nicht nur das: Es übertrifft auch das Potenzial aller anderen erneuerbaren Energiequellen. Wenn man abschätzt, was technisch zukünftig möglich ist, dann ergibt sich: Fast die Hälfte des regenerativ erzeugbaren Stroms in Deutschland kommt aus Offshore-Windkraftanlagen.[11]

Und die Einwände der Kritiker? Sie sind berechtigt, und deshalb geht man auf sie ein. Unter der Federführung des Bundesumweltministeriums (BMU) ist ein pragmatisches Ausbaukonzept für den Offshore-Bereich entstanden. Einerseits, das ist erklärtes Ziel, ebnet es den Weg für Windparks im Meer; andererseits geht es auf Einwände von Biologen und Ingenieuren ein, die sich aus laufenden Begleitstudien ergeben. Wesentliche Interessenkonflikte wurden rasch beigelegt. So entschied das zuständige Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), keine "Eignungsflächen" in Sichtweite der Tourismusorte an der Küste zu genehmigen. Meeres- und Vogelschutzgebiete sind für WKA gleichfalls tabu.[12] Offshore-Techniker können inzwischen sagen, wie die Standbeine ("Gründungsstrukturen") der Windturbinen beschaffen sein müssen, damit sie im Fall einer Schiffskollision möglichst nicht an Deck des Havaristen stürzen.

Es wird also doppelt Vorsorge getroffen: dafür, dass ein Stützpfeiler einer künftigen, klimaschonenderen Energieversorgung möglichst rasch errichtet werden kann; und dafür, dass dies kontrolliert geschieht, in Einklang mit ökologischen und sicherheitstechnischen Erfordernissen. Gleichwohl besteht ein ernstzunehmendes Risiko für die Realisierung der ehrgeizigen Offshore-Projekte. Die Propellerparks sollen ja enorme Strommengen liefern, möglichst weit draußen im Meer. Investoren und Hersteller kalkulieren deshalb mit Hunderten von Einzelrädern an jedem der künftigen Windpark-Standorte im Meer. Sie setzen dabei auf die denkbar größten Windkraftanlagen, mit Leistungen von 4,5 bis 5 Megawatt. Solche Boliden gibt es heute noch nicht, jedenfalls nicht in Serie.

Diese WKA-Riesen müssen ausgiebig getestet werden, zunächst an Land, dann im Meer. Dafür veranschlagen erfahrene Entwickler Jahre.[13] Vor übertriebener Eile bei der Eroberung der Offshore-Gründe kann deshalb nur gewarnt werden. Erinnert sei an das frühe Fanal der Branche, das Scheitern des Demonstrationsprojektes "Growian" in den achtziger Jahren. Die erste 3-Megawatt-Anlage der Welt war technisch nicht ausgereift und musste aufgrund von Materialschwächen abgerissen werden. Das warf die Pläne für eine intensivierte Windenergienutzung in Deutschland damals um Jahre zurück. Heute ist die hiesige Windkraftbranche wieder Weltmarktführer und sollte ihren Vorsprung nicht durch überstürzte Abenteuer offshore aufs Spiel setzen. Man darf ihr deshalb weitere Entwicklungschancen im Binnenland nicht verwehren. Auch hier ist das Potenzial für den Schrittmacher der Energiewende (neben der Biomassenutzung) noch enorm, unter anderem durch das erwähnte Repowering.[14]

Auf der Suche nach den Energieträgern von morgen sollte man allerdings etwas anderes nicht aus den Augen verlieren, was die Wissenschaft uns ebenfalls ins Stammbuch schreibt: Genau so wichtig wie der Umstieg auf regenerative Ressourcen ist es, unseren Energieverbrauch zu drosseln. Wir überheizen unsere Häuser und Wohnungen. Wir fahren 10- oder 12-Liter-Autos. Wir kaufen HiFi- und Fernsehgeräte, die keinen Aus-Schalter besitzen und ständig Strom im Stand-by-Betrieb fressen. Das alles entlarvt uns als Wohlstandsbürger, die nicht begreifen wollen oder keinen Gedanken daran verschwenden, welche existenzgefährdenden Probleme das beinahe rauschhafte Leeren der - noch dazu bald erschöpften - fossilen Energiequellen durch die Industrieländer der Erde global aufwirft.

Auch das ist Wissenschaftlern heute Gewissheit: Ohne ein maßvolleres Haushalten mit unseren Ressourcen steuern wir nicht auf eine kontrollierte Energiewende zu, sondern geradewegs in die Energiekrise.


Fußnoten

1.
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), Erneuerbare Energien für eine nachhaltige Entwicklung, Politikpapier 3, Berlin 2004, S. 3.
2.
Ders., Welt im Wandel. Energiewende zur Nachhaltigkeit, Berlin-Heidelberg 2003, S. 10.
3.
Vgl. John T. Houghton u.a. (Hrsg.), Third Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, Cambridge 2001.
4.
Vgl. Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Schutz der Erdatmosphäre" (Hrsg.), Schutz der Erdatmosphäre. Eine internationale Herausforderung, 3., erw. Aufl., Bonn-Karlsruhe 1990; dies., Klimaänderung gefährdet globale Entwicklung. Zukunft sichern - Jetzt handeln, Bonn-Karlsruhe 1992.
5.
Vgl. Bundesregierung, Perspektiven für Deutschland. Unsere Strategie für eine nachhaltige Entwicklung, o.O. (Berlin) und o.J. (2002).
6.
Vgl. Ökologisch optimierter Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien in Deutschland. Forschungsvorhaben im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Stuttgart-Heidelberg-Wuppertal 2004.
7.
Vgl. Volker Mrasek, Etappenziel 2050, Ms., Deutschlandfunk, Köln 2004.
8.
Vgl. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.), Erneuerbare Energien und nachhaltige Entwicklung. Natürliche Ressourcen - umweltge-
9.
Vgl. Ökologisch optimierter Ausbau (Anm. 6), S. 18.
10.
Vgl. Strategie der Bundesregierung zur Windenergienutzung auf See im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung, Berlin 2002, S. 7.
11.
Vgl. Joachim Nitsch u.a., Klimaschutz durch Nutzung erneuerbarer Energien. Forschungsbericht im Auftrag des Umweltbundesamtes, Berlin 2000, S. 5.
12.
Vgl. Strategie (Anm. 11), S. 12 und 20.
13.
Vgl. Volker Mrasek, Stromernte auf See, Ms., Deutschlandfunk, Köln 2003.
14.
Vgl. Ökologisch optimierter Ausbau (Anm. 6), S. 18.