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Das gute Leben neu denken

Kulturelle Ressourcen für ein solares Zeitalter


31.8.2004
Der Übergang in ein solares Zeitalter setzt eine ressourcenleichtere Zivilisation voraus. Diese ist nur über einen kulturellen Wandel von großer Tragweite zu erreichen. Neue Inspiration könnte aus dem kulturellen Erbe Europas kommen.

Einleitung



Solarenergie ist die Wunschenergiequelle der Zukunft. Eine absolute Mehrheit, 74 Prozent der Befragten, äußerten diese Meinung bei einer repräsentativen Umfrage des Instituts für Demoskopie in Allensbach. Die im Vorfeld der Konferenz "Renewables 2004" veröffentlichte Studie "Umwelt 2004 - Unsere Energiezukunft" bescheinigte dem "Kraftwerk Sonne" ein überragend positives Image in der deutschen Bevölkerung. Selbst wenn man Auftrags-Meinungsumfragen skeptisch beurteilt - die emotionale Zuneigung zu regenerativen Energien, das Grundvertrauen ist überraschend groß, und zwar in einem Land, das in letzter Zeit oft als "erschöpft" dargestellt wird.




Optimistische Signale kamen anlässlich der Energie-Konferenz auch aus den Laboratorien der Spitzenforschung. Hoch effiziente Dünnschichtsolarzellen, nanokristalline Farbstoffsolarzellen, organische Solarzellen und andere futuristische Verfahren könnten bald ausgereift sein. Materialeinsparung, hohe Wirkungsgrade und Massenproduktion würde die Solartechnologie billiger und besser machen. So könnte sie die wichtige Rolle spielen, die sie für unsere gemeinsame Zukunft spielen muss.

Erfolgsgeschichten, ehrgeizige Aktionspläne und Selbstverpflichtungen beherrschten die Szene auf der "Renewables 2004" Anfang Juni in Bonn. In den Mittelpunkt rückten Konzepte zur Koppelung von Armutsbekämpfung und der Nutzung Erneuerbarer Energien: Der Zugang zu sauberen Energiequellen helfe, die Armut zu beseitigen, und dieArmutsbekämpfung bringe den Klimaschutz voran. "Das Zeitalter der Erneuerbaren", so Bundesumweltminister Jürgen Trittin, "hat begonnen." Zur gleichen Zeit machte der weltweite Energiehunger Schlagzeilen. Die Preise für Öl, Koks und Stahl explodierten, verursacht vor allem durch ein entfesseltes Wirtschaftswachstum in Ländern wie China und Indien. Steigender Konsum, Wohnungsbau und Motorisierung - die nachholende Entwicklung, also die Ausbreitung des westlichen Konsummodells, vollzieht sich im Zeitraffer. Es ist kaum verwunderlich, dass die Lobby von Kohlebergbau und Atomenergie die Lage nutzte, um die Potenziale der Erneuerbaren Energieträger anzuzweifeln und sich für die Renaissance ihrer Industrien stark zu machen. Eine neue Runde im erbitterten Kampf um die Hegemonie zwischen dem fossil-nuklearen Goliath und dem solaren David kündigte sich an.

Die "Sonnen-Strategie" setzt die Dringlichkeit und die Möglichkeit einer Richtungsänderung auf die Tagesordnung. Sie ist keine Alternative, sagt Hermann Scheer, der sie seit zehn Jahren vehement vertritt, sondern eine Notwendigkeit. Sonnenenergie ist unerschöpflich. Das nutzbare Potenzial, das uns die Sonne täglich schenkt, reicht aus, um den gesamten Energiebedarf der Menschheit zu decken. "Das Ziel im vor uns liegenden Jahrhundert muss das vollständige Ersetzen der herkömmlichen Energiequellen durch die stets aktuelle Sonnenenergie sein - also eine vollständige solare Energieversorgung der Menschheit."[1]

Aus dem Dilemma des "immer mehr" führt jedoch ein "weiter so - nur mit anderer Technik" nicht heraus. Die vollständige Substitution der fossil-nuklearen Energieträger setzt eine erheblich ressourcenleichtere Zivilisation voraus. Nur diese kann ein verallgemeinerbares Modell bieten und eine andere nachholende Entwicklung anbahnen. "Das gute Leben neu denken" forderte kürzlich eine Studie des amerikanischen Worldwatch Institutes.[2] Unter diesem griffigen Motto ist eine weltweite Suchbewegung dabei, aus Versuch und Irrtum zu lernen und die Impulse zu verstärken. Wo kristallisieren sich - analog zu den kühnen Designs der Solartechnik - in den Ideenschmieden der sozialen Fantasie Konturen einer zukunftsfähigen Gesellschaft heraus? Wo werden neue Chancen für Kulturen der Selbstbeschränkung erkundet? Wo Symbolwelten des "Genug" kreiert? Welche kulturellen Ressourcen kommen dabei ins Spiel?



Fußnoten

1.
Hermann Scheer, Sonnen-Strategie. Politik ohne Alternative, 3., überarb. Neuausgabe, München-Zürich 1999, S. 19.
2.
Worldwatch Institute (Hrsg.), Zur Lage der Welt 2004. Die Welt des Konsums, Münster 2004, S. 319ff.