Bunte Kaffeekapseln für Kaffeemaschinen

30.11.2018 | Von:
Laura Moisi

Müll als Strukturfaktor gesellschaftlicher Ungleichheitsbeziehungen

Abfall als Sinnbild für das Randständige

Ein Jahrzehnt nach der Veröffentlichung von "Purity and Danger" stellte der britische Anthropologe Michael Thompson die Frage nach der gesellschaftlichen Bedeutung von Abfall noch einmal aus einem anderen Blickwinkel. In seinem Buch "Theorie des Abfalls", erstmals 1979 erschienen, teilt Thompson die Dinge, die wir besitzen, in drei Zustände ein: in wertbeständige oder werterhöhende Objekte wie Kunstobjekte, in Dinge, deren Wert vergänglich ist, wie die meisten Alltagsgegenstände – Geschirr, Kleidung, Möbel –, und in eine dritte, "geheime" Kategorie, den Abfall.[6]

Thompson führt seine Überlegungen mit einem Vergleich ein: zwischen einem wohlhabenden Menschen, der ein benutztes Taschentuch wieder einsteckt, und einer mittellosen Person, die das Taschentuch gar nicht erst verwendet. Es geht ihm um die Bedingungen der Entstehung von Abfall. Die Aspekte der Vergänglichkeit, des Vorübergehenden und Transitorischen stehen dabei im Zentrum. Für Thompson gibt es eine ständige "Auf-, Um- und Entwertung von Dingen", sodass das, was einst wertlos war, plötzlich wieder wertvoll werden kann, und was überflüssig war, wieder nützlich. Der Abfall erlebt dann eine Verwandlung, vom Zustand des Vergänglichen zum Dauerhaften. Eine derartige Erneuerung beschreibt Thompson anhand von viktorianischen Sammelbildchen, die im 19. Jahrhundert zunächst massenweise produziert und gekauft wurden, dann aus dem kulturellen Gedächtnis wieder verschwanden und in die hintersten Schubladen rückten, bis sie etliche Jahrzehnte später als Kunstobjekte wiederentdeckt wurden. Im Kern von Thompsons Theorie steht die Annahme, dass die Herstellung der Kategorie des Abfalls durch Abnutzung und Zerstörung keine ökonomische Frage ist, sondern eine kulturelle.

Thompson beschreibt Abfall als eine Kategorie des unsichtbaren Übergangs von einem Zustand in den anderen – vom Notwendigen zum Überflüssigen, vom Wertvollen zum Belanglosen, und wieder zurück. Wie Douglas weist Thompson auf eine brüchige Grenze hin, diese verläuft bei ihm aber woanders: zwischen Zerstörung und Schöpfung, kulturellem Wert und Unwert, Kunst und Abfall. Diese Einteilungen geschehen nicht fernab des sozialen Lebens, sondern sind eng verknüpft mit gesellschaftlichen Verhältnissen. Abfall taucht dabei als Sinnbild für das Randständige auf. Der Blick auf Abfall bietet Thompson eine Perspektive, um die Herstellung von gesellschaftlichen Gruppen zu thematisieren und das, was aus der Wahrnehmung ausgeschlossen ist, ins Zentrum zu rücken. Ausgehend von der Figur des Abfalls führt Thompson den Unterschied zwischen Armut und Reichtum auf verschiedene Verfügungsgewalten über Raum und Zeit zurück. Reichtum zeichnet sich demnach dadurch aus, dass das Vergehen der Zeit zu einer Ressource wird (das Dauerhafte), während Armut sich durch das Fehlen dieser Nutzbarmachung der Zeit auszeichnet (das Vergängliche). Für Thompson ist die Frage danach, was Abfall ist, letztlich verwandt mit der Frage danach, was Kunst ist – was als kulturell bedeutsam in die Geschichte eingeht –, und vor allem mit der Frage, wer in der Lage ist, aus dem einen das andere zu machen.

Fußnoten

6.
Vgl. Michael Thompson, Die Theorie des Abfalls. Über die Schaffung und Vernichtung von Werten, Stuttgart 1981, S. 25.
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