Bunte Kaffeekapseln für Kaffeemaschinen

30.11.2018 | Von:
Laura Moisi

Müll als Strukturfaktor gesellschaftlicher Ungleichheitsbeziehungen

Politikum der Gegenwart

Das Heraustragen des Mülleimers ist heute zu einer politischen Frage geworden. In Deutschland gehört der richtige Umgang mit Müll zu einer derart strittigen und emotionalen Frage, dass das Thema der Mülltrennung als Rechtfertigung von Exklusion fungieren kann. Dabei kommt es zu einer scharfen Aufteilung in legitimen und illegitimen Müll. Blickt man auf gegenwärtige öffentliche Diskurse um Mülltrennung und Recycling, so fällt folgende Unterscheidung auf: Während die Trennung von Plastik-, Papier-, Bio- und Restmüll gewissermaßen als eine saubere Umgangsform mit Müll angesehen wird, gilt achtloses Wegwerfen als schmutzig. Das wird besonders deutlich, wenn es sich um den Müll der "Anderen" handelt, derjenigen, die zu den "Anderen" gemacht werden.

Ein Beispiel dafür bietet die Diskussion um eine Wohnanlage in Duisburg-Rheinhausen aus dem Jahr 2012. Die Anlage wurde in lokalen Medien nur noch als "das Problemhaus" bezeichnet, nachdem Migrantinnen und Migranten aus Osteuropa dort untergebracht worden waren. Die Berichterstattung drehte sich wieder und wieder um dieselben Motive: Es kursierten Bilder von Müll vor dem Haus, Müll auf den Gehwegen – Bilder, die zu einem Sinnbild für die unerwünschten Fremden im Ort wurden, und die ein willkommenes Argument lieferten, um ihre Abschiebung zu fordern. Die Bilder waren begleitet von Anwohnerklagen über Kinder, die ihre Notdurft im Freien verrichteten, über mangelnde Sauberkeit, über den Lärm, den die Zugezogenen verbreiten würden, und über zu viel Müll, den sie produzierten, ohne ihn angemessen zu entsorgen, geschweige denn zu recyceln.

Immer wieder wird der Umgang mit Abfall zum Anlass für Manifestationen von Fremdenfeindlichkeit. Die Tendenz, die Abfälle von marginalisierten und vertriebenen Individuen als schädlich und destruktiv zu markieren, ist in jüngster Zeit wieder aktuell geworden, vor allem im Kontext der Wege der Flucht durch Europa, die symbolisch und sprachlich in die Nähe des Unreinen gestellt wurden. So war 2016 wiederholt von "Spuren der Verwüstung" die Rede, die Geflüchtete auf ihren Fluchtwegen durch Europa angeblich hinterließen. Fotos von unaufgeräumten Lagern und Berichte über Wasserflaschen, Zelte und Schlafsäcke, die angeblich achtlos entsorgt wurden, verstärkten diese Wahrnehmung. Darüber hinaus sollte die Figur der Spur, des Pfades, des Weges ("Balkanroute") die Gefahr der Migrationsbewegungen illustrieren: den Verlust der Kontrolle über Landesgrenzen sowie die Präsenz von Individuen, die in europäischen Ländern Asyl suchen.

In diesen wiederkehrenden Symboliken zeigt sich der grundlegende Bedeutungshorizont des Mülls. Das Entsorgen des Mülls wird unterteilt in eine Praxis, an der soziale Wesen – verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger – teilnehmen, und in eine Notdurft, ein schändliches Tun – vollzogen von jenen, die nicht dazugehören. Auf diese Weise hat Müll Anteil an der Etablierung von imaginären Gemeinschaften und deren Grenzen. Am Müll und am Umgang mit ihm bemisst sich, was die gemeinsame Sache aller Zivilisierten ist und was andererseits abgestoßen und ausgeschlossen gehört – als individuelle Verfehlung und als Makel einer Existenz, die keinen Anspruch auf Teilhabe am Gemeinwesen hat.

Mary Douglas hat die Kategorie des Abfalls im Sinne eines sozialen Kompasses erklärt: als eine Art und Weise, um die Welt in eine Kohärenz zu fügen. Sie hat argumentiert, dass die Ordnung der Reinheit, die sauberen Trennungen und Kategorisierungen es erlauben, die eigene Identität aufrechtzuerhalten, die Welt zu verstehen, sich durch sie so zu bewegen, als würde sie Sinn ergeben – und sie hat gezeigt, dass das nicht für alle gilt. Für jene, die mit den Randbereichen gesellschaftlicher Ordnungen in Verbindung gebracht werden, bedeuten die sauberen Trennungen eine existenzielle Bedrohung und permanente Gefahr.

Die Kulturwissenschaftlerin und feministische Autorin Sara Ahmed beschreibt in ihrem Buch "Strange Encounters" aus dem Jahr 2000 die Logik der Fremdenfeindlichkeit in Anlehnung an Mary Douglas. Fremde, so Ahmed, seien Personen, die kulturell zu Körpern am falschen Ort erklärt werden, sodass ihre bloße Anwesenheit bereits die Kohärenz der gewohnten Ordnung gefährde. Solche "bodies out of place" bedrohten durch ihre schiere Anwesenheit diejenigen, die sich an ihrem rechtmäßigen Platz wähnen.[10] Deshalb können diejenigen, die das eine Mal über zu viele Ausländer in deutschen Innenstädten klagen, ein anderes Mal offen gegenüber Fremden sein – solange sich diese im Ausland befinden oder als zahlungskräftige Touristen unterwegs sind. Die oder der Fremde wird dann zum Problem, wenn sie oder er "hier" ist, "hier" bleibt. Für jene, die als fremd erkannt werden, ist dann Nähe an und für sich bereits ein Verbrechen.

Es ist nicht zufällig, dass sich ausgerechnet am Müll soziale Aufteilungen und Grenzziehungen etablieren, die manchmal auf skurrile Weise zutage treten: zum Beispiel dann, wenn ein zugewanderter Syrer sagt, er fühle sich in Deutschland erst dann akzeptiert, wenn er seinen Müll richtig trennt. Die Dinge an den richtigen Platz zu stellen, wie es im Kontext von Mülltrennung eintrainiert wird, ist mehr als nur die pragmatische Seite einer umweltbewussten Orientierung. Über Müll zu sprechen, bedeutet auch, über Trennung, Sammlung, Aufteilung, Rückführung, Überschreitung zu sprechen. So bedient die Sprache und die Praxis der Mülltrennung das grenzziehende Denken und trägt dazu bei, dieses in den täglichen Routinen einzutrainieren. Darin liegt eine Politisierung des Alltags, deren Effekte sich in ihrem vollen Ausmaß dann zeigen, wenn jene in den Blick rücken und zum "Politikum" werden, deren Umgang mit Müll nicht dieser staatsbürgerlichen Norm entspricht. Das verweist auf die Art und Weise, wie Müll teil hat an der Aufteilung von imaginären Gemeinschaften. Die Logik der Vernunft im Sinne der Eindeutigkeit, der Einhaltung von klaren Umgrenzungen und Kategorisierungen, wird in der Maxime des Recycelns zu einem Ethos der Bürgerlichkeit.

Indem man den Dingen einen Platz gibt, nimmt man selbst einen Platz in der Ordnung des Sozialen ein. Müll aber hat keinen Platz, kein Zuhause – es ist ein "orphan object", wie der Kulturwissenschaftler Brian Thill bemerkt.[11] So kommt es, dass Müll nicht nur ein Objekt hierarchischer Grenzziehungen ist. Müll offenbart auch die Grenzen der Herrschaft der einen über die anderen. Das erfährt zum Beispiel das Dienstmädchen Sarah aus Jo Bakers "Longbourn" – ein 2013 veröffentlichter Roman, der Jane Austens "Stolz und Vorteil" von 1813 aus Sicht der Dienstbotinnen und Dienstboten nacherzählt. Beim Beseitigen der Körperflüssigkeiten und Exkremente, die die höheren Herrschaften täglich hinterlassen, bemerkt die Protagonistin, wie fragil und abhängig ihre Befehlshaber sind und wie grundlos ihre Überlegenheit ist. In ihrer Arbeit mit Schmutz und Abfall sieht sie Dinge, die ihre Arbeitgeber lieber geheim halten würden. Die soziale Ordnung mag vorschreiben, dass ihre Position niedrig ist, aber die übel riechenden Reste, die Sarah beseitigt, decken auf, dass jene, die in den oberen Geschossen wohnen, selbst verwundbare, bedürftige und endliche Wesen sind.

Wie sehr die Kategorie des Abfalls eine symbolische oder physische Grenze ist, unsichtbar oder manifest, hängt vor allem davon ab, von wo aus man auf sie blickt. Trotz aller Bemühungen um Eindeutigkeit bleiben die Spannungen in der Bedeutung von Müll bestehen: einerseits abfällige Materie, andererseits unbändiger Rest. Das Ermessen der politischen Auswirkungen des modernen Mülls steht noch an seinem Anfang.

Fußnoten

10.
Vgl. Sara Ahmed, Strange Encounters: Embodied Others in Post-Coloniality, London–New York 2000.
11.
Brian Thill, Waste. Object Lessons, New York–London 2015, S. 23.
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Autor: Laura Moisi für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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