APUZ Dossier Bild

23.7.2004 | Von:
Christel Eckart

Zeit für Privatheit

Bedingungen einer demokratischen Zeitpolitik

Neue Konzepte von Arbeit und Zeit sind daran zu messen, ob und wie sie den Bürgerinnen und Bürgern Ressourcen zur Verfügung stellen, die ein Engagement ermöglichen: sowohl außerhalb der Erwerbsarbeit als auch der Familienarbeit.

Orientierung an fürsorglicher Tätigkeit als Kriterium von Zeitpolitik*

Die sozialen Bedingungen und die Unterschiede im Umgang und in der Erfahrung mit Zeit von Frauen und Männern haben viele empirische Studien beschäftigt. Die feministische Forschung hat das vielseitige, gleichzeitige In-Beziehung-Stehen (als das wir Zeitprobleme beschreiben können) von Frauen materialreich untersucht: die Balanceakte alltäglicher und biografischer Zeitarrangements in Familie und Beruf; die Syntheseleistungen, die Zeitbedürfnisse von Kindern und die geregelten Tagesläufe von Erwachsenen miteinander zu verbinden; die eigene Lebensführung zu planen und auch für die "Wechselfälle des Lebens" offen zu sein.[1] Die inzwischen eingeschliffene Formel von der "Vereinbarkeit von Familie und Beruf", die hergestellt oder ermöglicht werden soll, verdeckt nur zu leicht, welche Konflikte zwischen den verschiedenen Beziehungsformen bestehen. Diese lassen sich nicht einfach durch quantitative Zeitregelungen umgehen oder lösen. Doch können Zeitregelungen politisch danach beurteilt werden, ob sie die gesellschaftliche Bedeutung von fürsorglichen Beziehungen und die individuellen Bedürfnisse danach anerkennen.




Es gibt eine lange Tradition in der Frauenbewegung und Frauenforschung, die Erfahrungen des Sorgens gegen die Dominanz und die wachsende Monokultur kapitalistischer Lohnarbeit zu verteidigen und ihrer Bedeutung für das persönliche und gesellschaftliche Leben Gewicht, Ausdruck und politische Stimme zu verleihen.[2] Die breite Diskussion um die Haus- und Familienarbeit der Frauen in den siebziger und achtziger Jahren hatte in Deutschland großen Einfluss auf die sozialwissenschaftlichen Erörterungen um eine Erweiterung des Arbeitsbegriffs. Ab den späten achtziger Jahren hat sich die feministische Kritik an der Konstruktion des Wohlfahrtsstaates auf Kosten der Frauen und ihrer unbezahlten Arbeit und fürsorglichen Tätigkeiten noch einmal in weitreichenden Analysen zu den vergessenen Voraussetzungen sozialstaatlicher Regelungen niedergeschlagen. Untersucht wurden die Geschlechterarrangements, die zur Verbindung von fürsorglichen Beziehungen, Erziehungs- und Fürsorgearbeit sowie beruflichen, ökonomischen Strategien der Existenzsicherung erforderlich sind.

Die kritischen Anstöße aus der feministischen Forschung und die politischen Forderungen nach gerechter Verteilung von Rechten, Anforderungen, Belastungen und Anerkennung in der Gestaltung alltäglichen Zusammenlebens und der Versorgung von hilfsbedürftigen Menschen wurden häufig in ein Gender-Mainstreaming-Programm integriert. Sie wurden dadurch Teil der Modernisierung der Arbeitsgesellschaft, welche die Arbeit zur Lebensform und Arbeitsfähigkeit zum Kriterium sozialer Akzeptanz stilisiert. Andere Formen von sozialer Tätigkeit und Lebensgestaltung, die mit den reflektierten Erfahrungen aus einem "weiblichen Lebenszusammenhang" zum Ausdruck gebracht werden sollten, wurden unter der Dominanz des Arbeits- und Belastungsdiskurses verdrängt. Aus "Arbeit aus Liebe" wurde "Liebe als Arbeit", aus den Bemühungen um die Bindungen zu einem geschätzten Menschen wurde "Beziehungsarbeit".

Die Diskussionen um die Haus- und Familienarbeit in den siebziger Jahren sowie jene um die Frauen benachteiligende Konstruktion des Wohlfahrtsstaates wurden in Deutschland unter gesellschaftlichen Bedingungen geführt, in denen die bürgerlich-industrielle Geschlechterordnung mit ihrer Polarisierung der Geschlechtercharaktere und der traditionellen Bindung der Frauen an die Familie ihre Legitimation verlor. In den siebziger Jahren erfuhr eine erste Generation von gut ausgebildeten Mittelschichtfrauen und durch Ausbildung und Beruf sozial aufgestiegenen Frauen die zunehmenden emotionalen Anforderungen des Kleinfamilienlebens und der Bewältigung der Hausarbeit ohne genügende Unterstützung durch Haushaltshilfen oder durch den Ehemann. Die Krise des Sozialstaats in den achtziger Jahren erlebten Frauen als eine, in der ihre unbezahlte Haus- und Sorgearbeit ihnen nicht jene Ansprüche auf staatliche Unterstützung gewährte, wie sie das "Normalarbeitsverhältnis" zu sichern versprach, das zugleich im deutschen Familien-Ernährer-Modell die unbezahlte Haus- und Familienarbeit voraussetzt.

Aus diesen Diskussionen zogen die Modernisierer der Arbeitsgesellschaft in Deutschland die Konsequenz, die Erwerbsarbeit von Frauen auszuweiten, und weniger die, die Fürsorgearbeit zwischen Frauen und Männern umzuverteilen.[3] Eine beachtliche Anzahl westdeutscher Frauen lebt nach dem überkommenen sozialpolitischen Familien-Ernährer-Modell, ist folglich in ihrem Lebenslauf zumindest zeitweilig nicht erwerbstätig. VertreterInnen einer Politik, die Gleichberechtigung am gleichen Zugang zur Erwerbstätigkeit festmacht, sehen in solchen Lebensformen eher die Hindernisse auf dem Weg zur Arbeitsmarkt-Individualisierung, in der auch Frauen ihre Lebensführung als Einzelne nach den Anforderungen der Berufstätigkeit ausrichten. Nach der deutschen Vereinigung schienen die Ansprüche ostdeutscher Frauen (die in der DDR zu über 80 Prozent erwerbstätig waren) auf eine existenzsichernde eigene Berufstätigkeit diese Perspektive zu bestärken. Frauen in den ostdeutschen Bundesländern wurden denn auch häufig als "Opfer der Wiedervereinigung" bezeichnet, wenn ihre Erwerbsbeteiligung als Kriterium herangezogen wurde. Dadurch gerieten andere Kriterien sozialer Gerechtigkeit und Bedingungen sozialer Ungleichheit wie die Verteilung von Fürsorgearbeit und die Möglichkeiten zur aktiven Gestaltung von fürsorglichen Beziehungen aus dem Blick.

Die arbeitszentrierte soziale Integrationspolitik und die entsprechende Emanzipationspolitik gegenüber Frauen in der DDR hat wenig zur dauerhaften Veränderung der Geschlechterverhältnisse in Bezug auf die Verteilung von fürsorglicher Arbeit und Anerkennung von Fürsorgebedürfnissen beigetragen. Die Soziologin Susanne Stolt kommt in ihrer empirischen Untersuchung zu dem Fazit: "In der sozialen Abwertung von Bindung und Fürsorge ... finden wir eine Kontinuität in den Geschlechterverhältnissen zwischen bürgerlichen Kulturen und der realsozialistischen DDR, die bisher zu wenig beachtet wurde."[4]

Unter dem Anpassungsdruck an die arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Verhältnisse der Bundesrepublik mussten (Ehe-)Paare in Ostdeutschland nach der Wende neue Geschlechterarrangements suchen. Es galt, Zeit und Arbeit in fürsorglichen Beziehungen und berufliche Arbeit individuell neu ins Verhältnis zu setzen. Diese konfliktreichen persönlichen Veränderungsprozesse und Erfahrungen sind als Verlustgeschichte einer "erwerbszentrierten Emanzipationspolitik" nur unzureichend analysiert. Wenn man sie als Konfliktgeschichte von Anerkennungskämpfen um Fürsorgebedürfnisse untersucht, zeigen sich dagegen gesellschaftliche Verdrängungsmechanismen gegenüber Wünschen und Bestrebungen nach emotionalen Bindungen und Fürsorge und die vorhandenen sozialen Einschränkungen, solche Beziehungen selbst aktiv zu gestalten. Männer haben während der erwerbszentrierten Frauen- und Familienpolitik der DDR, in der sie nicht die Rolle des Familienernährers zu spielen hatten, möglicherweise Erfahrungen als aktive, den Kindern zugewandte Väter machen können. Unter dem Druck der Anpassung an die Bedingungen des bundesdeutschen Arbeitsmarktes wurden solche Erfahrungen wieder zurückgedrängt zugunsten einer traditionellen geschlechtlichen Arbeitsteilung. Sie wurden offenbar nicht zu einer Basis, von der aus politisch hörbar und wirksam Widerspruch gegen die gestiegenen beruflichen Anforderungen artikuliert worden wäre.

Dieser Blick auf Männer und ihre Erfahrungen mit fürsorglicher Praxis soll dazu dienen, die eingefahrene Konnotation von Fürsorge und Frauen zu irritieren. Neben der scheinbar selbstverständlichen Zuständigkeit von Frauen für diese Tätigkeiten und Orientierungen sind Veränderungen bei Männern wahrzunehmen. Die Suche nach neuen Formen der Vaterschaft war in der Bundesrepublik Deutschland in den fünfziger und sechziger Jahren ein vehement diskutiertes Thema ("Vaterlose Gesellschaft"). Es war mit der Frage verbunden, welche Autorität mit Demokratie zu vereinen sei, welche väterliche Praxis in der Familie den Weg der Demokratisierung der bundesdeutschen Gesellschaft befördere. Die Engführung der Analyse von sozialer Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf eine Perspektive der "geschlechtlichen Arbeitsteilung" hat den Blick auf die Bedeutung der Erfahrung mit Fürsorge für die Befähigung zur Verantwortung verstellt. Es überwiegt in der deutschen Diskussion der Frauenforschung die Abwehrhaltung gegenüber einer Festlegung von Frauen auf die fürsorgliche Praxis als einem einseitigen "Dasein für andere". Diese Abwehr hat zu Wahrnehmungssperren gegenüber der breiten angelsächsischen und skandinavischen Diskussion um Fürsorge (Care) geführt und lässt einen wesentlichen Teil demokratietheoretischer Überlegungen zur Anerkennung von Bedürftigkeit, wechselseitiger Abhängigkeit und zur moralischen Befähigung von Menschen außer Acht.

Diese Überlegungen betreffen die Motive, wodurch und wofür Menschen aktive demokratische Bürgerinnen und Bürger werden. Und darin liegen wesentliche Inhalte, um die es bei der Gestaltung von Zeitpolitik geht. Auch wenn wir um die Veränderung der Lebensarbeitszeit - in der Erwerbsarbeit - streiten, sprechen wir davon in ihren Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Menschenwürde.

* Der gesamte Beitrag entstand aus einem Vortrag zur Tagung "Aufbrechen in bessere Zeiten. Zeitpolitik – Zeit in der Politik" im März 2004 in der Evangelischen Akademie Tutzing, veranstaltet von der Akademie, der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik und der Bundeszentrale für politische Bildung.


Fußnoten

1.
Vgl. als Beispiele für viele aus zwei Jahrzehnten: Regina Becker-Schmidt/Uta Brandes-Erlhoff/Marva Karrer/Gudrun-Axeli Knapp/Mechthild Rumpf/Beate Schmidt, Nicht wir haben die Minuten, die Minuten haben uns. Zeitprobleme und Zeiterfahrungen von Arbeitermüttern in Fabrik und Familie, Bonn 1982; Christel Eckart, Der Preis der Zeit. Eine Untersuchung der Interessen von Frauen an Teilzeitarbeit, Frankfurt/M. –NewYork 1990; Arlie Russel Hochschild, Keine Zeit. Wenn die Firma zum Zuhause wird und zu Hause nur Arbeit wartet, Opladen 2002.
2.
Vgl. dazu Christel Eckart, Fürsorgliche Konflikte. Erfahrungen des Sorgens und die Zumutungen der Selbständigkeit, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, 29 (2004), Themenheft 2 "Kulturen des Helfens" (i.E.).
3.
Vgl. zu den beiden Modellen Nancy Fraser, Nach dem Familienlohn: Ein postindustrielles Gedankenexperiment, in: dies., Die halbierte Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 2001, S. 67 - 103; Birgit Geissler, Die (Un-)Abhängigkeit in der Ehe und das Bürgerrecht auf Care. Überlegungen zur Gender-Gerechtigkeit im Wohlfahrtsstaat, in: Karin Gottschall/Birgit Pfau-Effinger (Hrsg.), Zukunft der Arbeit und Geschlecht, Opladen 2002, S. 183 - 206.
4.
Susanne Stolt, Grenzen der Emanzipation durch Arbeit. Anerkennungskämpfe ostdeutscher Frauen in Paarbeziehungen vor und nach der Wende, in: Feministische Studien extra, "Fürsorge - Anerkennung - Arbeit", 18 (2000), S. 82. Vgl. auch dies., Zwischen Arbeit und Liebe. Eine empirische Studie zum Wandel der Geschlechterbeziehungen in Ostdeutschland nach der Wende, Kassel 2000.