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24.6.2004 | Von:
Peter Steinbach

Der 20. Juli 1944 - mehr als ein Tag der Besinnung und Verpflichtung

"Weiße" und "schwarze Stränge" historischer Entwicklung

Der Widerstand hat sich einen Platz im Gedächtnis der Deutschen gesichert, auch in seiner Widersprüchlichkeit. Offensichtlich gehört der Streit um den "Besitz" am Widerstand seit der Befreiung von der NS-Herrschaft zu den wichtigen Voraussetzungen jeder historisch-politischen Identitätsdiskussion in Deutschland, die um "weiße" und "schwarze Stränge", um demokratische Traditionen, um "Tradition und Erbe", schließlich um den Stellenwert von "Auschwitz" im historischen Gesamtzusammenhang deutscher Geschichte kreiste.

In den fast sechzig Jahren öffentlichen Erinnerns an den Umsturzversuch des 20. Juli 1944 hat sich eine weitgehende Übereinstimmung herausgebildet. Die Regimegegner jenes Tages gelten als Persönlichkeiten, deren wesentliches Ziel vor allem die besondere Stellung der Grundrechte, des freiheitlichen Rechtsstaats, des Föderalismus und der Idee des europäischen Zusammenschlusses gewesen sein soll.

Zuvor hatte ebenso wie die Bundesrepublik, die in den offiziellen Gedenkveranstaltungen verkünden ließ, die Männer und Frauen des 20. Juli 1944 hätten dafür gesorgt, dass wir die Lektion der Geschichte im Grundgesetz und beim Aufbau unseres freiheitlichen Staates angenommen hätten, auch die DDR-Führung beansprucht, Vollstrecker des Vermächtnisses antifaschistischer Widerstandskämpfer zu sein. Galt in der DDR der Widerstand als kommunistisch inspiriert und geführt, so vernachlässigten die öffentlichen Redner der Bundesrepublik den Widerstand aus der kommunistischen Arbeiterbewegung und betonten stattdessen den christlichen, vor allem aber den bürgerlichen oder militärischen Widerstand. Erst in den siebziger Jahren begann eine Überschneidung der bis dahin säuberlich geschiedenen Widerstandsbereiche - die Besitzfrage schien sich in eine gesamtdeutsche Dimension zu weiten, welche die bis dahin geübte moralische Diskriminierung durch Differenzierung von Zielen, Aktivitäten und Entwicklungsphasen gerade im wissenschaftlichen Kontext obsolet werden ließ.

Dabei wirkte sich vor allem die Einsicht aus, dass die verfassungs-, sozial- und außenpolitischen Ziele mancher Widerstandskämpfer und -gruppen keineswegs in jene Kontinuität zu rücken war, die den Widerstand im Umkreis des 20. Juli 1944 gleichsam zur Station der Vorgeschichte der Bundesrepublik und der Frühgeschichte des Grundgesetzes machen sollte. Heute ist unbestritten, dass der Widerstand gegen den Nationalsozialismus angemessen nur als Produkt seiner Zeit zu deuten ist. Mit der Relativierung der Ziele des bürgerlichen und militärischen Widerstands öffnete sich zugleich das Interesse für alltagsgeschichtliche Dimensionen der Selbstbehauptung, der Hilfe für Verfolgte, schließlich der Desertion und des Widerstands in den letzten Kriegswochen und -tagen.