APUZ Dossier Bild

24.6.2004 | Von:
Peter Steinbach

Der 20. Juli 1944 - mehr als ein Tag der Besinnung und Verpflichtung

Streit um die Breite und Vielfalt des Widerstands

Neben der politisch geprägten, auf Selbstlegitimation der beiden deutschen Staaten zielenden Reklamation einzelner Widerstandskämpfer verstärkte sich der Eindruck, Regimegegner hätten gleichsam aus dem schützenden Geflecht von Institutionen heraus gehandelt und seien so nicht selten als Repräsentanten ihrer Einrichtungen tätig geworden. Auch hier erfolgte in den sechziger Jahren eine Korrektur, denn es zeigte sich, dass manche wichtige Repräsentanten der Kirchen immer wieder Rücksicht auf das Regime genommen und den Widerstand einzelner ihrer Glieder nicht hinreichend gedeckt oder unterstützt hatten. Dies galt für Dietrich Bonhoeffer wie für Alfred Delp, die ihren Weg bis zum Ende allein gingen. Folge einer derartigen Bemühung war es, Verbindungen von Regimegegnern zu Vertretern der Kirche hervorzuheben, ohne anzugeben, was die Kontakte bedeuteten - allein aus der Tatsache einer Begegnung wird stillschweigend auf eine innere Übereinstimmung von Regimegegner und Institution geschlossen.

Auch Familienangehörige einzelner Widerstandskämpfer erwecken heute vielfach aus großer zeitlicher Distanz zu den Ereignissen den Eindruck, sie seien in Überlegungen, Pläne, Diskussionen und Risiken der Attentäter tief eingebunden gewesen. In Wirklichkeit gingen die meisten Regimegegner außerordentlich vorsichtig vor. Sie waren bestrebt, ihre Angehörigen nicht zu gefährden - oft haben jene die Entscheidung ihres Vaters, Bruders oder Ehemannes weder verstanden noch gebilligt. Bisweilen erst in den späten fünfziger Jahren, in denen Regimegegner und Emigranten den Zeitgenossen vielfach noch als "Verräter" galten und es noch keineswegs eine selbstverständliche Ehrung der Widerstandskämpfer in der Öffentlichkeit gab, haben sie die Entscheidungen ihrer Angehörigen gebilligt und sich dazu bekannt. Dies war wenigerselbstverständlich, als es uns heute anmutet. Denn die deutsche Nachkriegsgesellschaft hegte, wie demoskopische Umfrageergebnisse zeigen, erhebliche Vorbehalte gegenüber Emigranten und Widerstandskämpfern, Verfolgten und Häftlingen.

Erst mit der Organisation regelmäßiger Gedenkveranstaltungen seit den späten fünfziger Jahren ergaben sich Veränderungen. Sie wirkten sich nicht nur auf die demoskopisch manifeste Stimmungslage der Nation aus, sondern beeinflussten auch das Selbstbewusstsein der Angehörigen. Immer öfter folgte dem Bekenntnis zum Widerstand der Appell der Angehörigen an die Nachlebenden, sich mit seiner Geschichte und vor allem mit den Zielen der Regimegegnerschaft zu beschäftigen und sie in der Breite und Vielfalt, auch in ihrer Widersprüchlichkeit und graduellen Steigerung wahrzunehmen.

Zunächst hatte sich die Tendenz einer intensiven und geradezu auf Identifikation zielenden Aneignung bei Jugendlichen bemerkbar gemacht, die in den frühen fünfziger Jahren ihren eigenen Weg zur Wirklichkeit des "Dritten Reiches" gesucht hatten. Antworten auf ihre Fragen boten vor allem zwei Bücher: das - schließlich auch dramatisierte und verfilmte - Tagebuch der Anne Frank und die Erinnerungen von Inge Aicher-Scholl an ihre Geschwister Hans und Sophie, um die sich die Münchener Widerstandsgruppe der "Weißen Rose" zusammengefunden hatte. Mehrere Auflagen erreichte das Buch "Offiziere gegen Hitler" von Fabian von Schlabrendorff. In ihm findet sich das seit den fünfziger Jahren überlieferte, durch alttestamentarische Bezüge an Intensität gewinnende Diktum, Deutschland werde wie Sodom nicht dem Untergang preisgegeben sein, wenn es zehn Gerechte in seinen Mauern berge. Dieser Satz machte den Widerstand zum Bezugspunkt der Erwartung, dass sich Deutschland durch einige seiner Angehörigen aus der Abgrundlosigkeit des Verderbnisses befreit habe, welches sich im Nationalsozialismus verkörperte. Auch Churchills (nirgends nachzuweisende, angeblich auf eine Parlamentsrede des Jahres 1946 zurückgehende) Äußerung über den Widerstand als Beleg für eine Stabilisierung der moralisch auf den Widerstand gegründeten deutschen Demokratie tat ihre Wirkung und wurde immer wieder zitiert.

Allen hämischen Bemerkungen und rechtsextremistischen Äußerungen zum Trotz hatte sich im Hinblick auf den Widerstand in den fünfziger Jahren ein breiter Konsens herausgebildet, der in den siebziger Jahren problemlos auf jene Bereiche des Widerstands ausgedehnt zu werden schien, die zunächst aus prinzipiellen, politischen oder juristischen Gründen aus dem viel beschworenen nationalen Konsens ausgeschlossen waren. Diese Übereinstimmung drückte sich auch in der Gedenkstätte zur Erinnerung an den 20. Juli 1944 aus, die in den frühen fünfziger Jahren im Innenhof des Berliner Bendlerblocks, in den späten sechziger Jahren dann als ständige Ausstellung in den Arbeitsräumen von Stauffenberg eingerichtet worden war.

Im Zuge der Arbeit an dieser konzeptionell erweiterten Ausstellung, die Breite und Vielfalt des Widerstands spiegeln sollte und das in beiden Teilen Deutschlands vorherrschende Widerstandsbild zu reflektieren hatte, brach ein grundsätzlicher Streit über den Widerstand auf. Durchgängig hatte sich unter dem Eindruck der wissenschaftlichen Entwicklung der Widerstandsforschung die Frage gestellt, welcher Widerstand erinnerungs- und damit auch darstellungswürdig sei. Nach der ersten Teileröffnung der erweiterten Gedenkstätte entzündete sich Kritik an der Andeutung kirchlicher Anpassung, die unter dem Begriff "Im Sog der Zeit" den Hintergrund für die Darstellung des Widerstands aus christlichem Bekenntnis geben sollte. Dabei wurden die Konturen der Diskussionen über die Anpassung der Kirchen an Erwartungen und Forderungen des Regimes in seiner Konsolidierungsphase deutlich, die vor allem den Streit der fünfziger und sechziger Jahre über das Reichskonkordat vom Sommer 1933, die hingenommene Auflösung des politischen Katholizismus und die Lähmung des katholischen Vereins- und Verbandssystems geprägt hatten. Überraschend war, dass die Kritik mit einer Relativierung des ebenfalls ausgestellten Widerstands aus der Arbeiterbewegung einherging und die Darstellung des kommunistischen, sozialdemokratischen, sozialistischen und gewerkschaftlichen Widerstands als Versuch interpretierte, ein sozialdemokratisch inspiriertes Widerstandsverständnis zum Ausgangspunkt der thematischen Arbeit zu machen.

Damit war eine Frontstellung bezeichnet, die sich in der Folgezeit unterschiedlicher Argumente bediente, in Argumentation und Methode radikalisierte, insgesamt aber deutlich machte, dass die Beschäftigung mit dem Widerstand geschichtspolitisch immer noch von hoher Brisanz war und der Konsens einer Würdigung der gesamten Regimegegnerschaft nur so lange hielt, wie der "klassische Widerstandsbereich des 20. Juli 1944" nicht durch gleichgewichtige Erschließung anderer Themen relativiert oder einer Konkurrenz von Deutungen ausgesetzt wurde.

Es begann eine langwierige Auseinandersetzung um Bewertungen, Begriffe und Ausstellungsprinzipien, die von Einzelnen, von Gruppen und Institutionen geführt wurde. Der Grundkonflikt entzündet sich vordergründig an der Frage, ob historische Ausstellungen ein pluralistisches Geschichtsbild reflektieren oder ermöglichen sollen, insbesondere an Bildern und Kommentierung im Bereich des katholischen Widerstands. Während kein Betrachter Anstoß an einem Bild nahm, das den württembergischen Landesbischof Theophil Wurm nach der Aufhebung des Hausarrests im Kreis einer den Arm zum Hitlergruß hebenden Menge zeigt, rief ein Bild mit katholischen Geistlichen, die ebenfalls den Arm erhoben hatten, heftige Proteste hervor. Kritiker wandten sich an die Schulsenatorin, die es ablehnte, Druck auf die Ausstellungsleitung auszuüben. Sie nutzte die Eröffnung einer Ausstellung über den Widerstand der katholischen Kirche im Weltanschauungskampf, um energisch vor der Diffamierung des kommunistischen Widerstands zu warnen und für ein möglichst breites Spektrum der Widerstandsgeschichte zu plädieren.

Nach der zweiten Teileröffnung - unter anderem der Einheiten über das Exil und die Widerstandsorganisation Harnack/Schulze-Boysen - wurde verlangt, eine eigenständige Ausstellungseinheit als Gegengewicht zum Widerstand aus der Arbeiterbewegung zu konzipieren und mit der Raumbezeichnung "Christdemokraten im Widerstand" einzurichten. Der Einwand, es solle kein das aktuelle Parteienspektrum spiegelndes Bild des Widerstands gezeichnet, sondern ein sich am Selbstverständnis der Regimegegner orientierendes, integrales Spektrum der Gesamtgegnerschaft präsentiert werden, vermochte nicht zu überzeugen. Es müsse gezeigt werden, "dass die politische Ordnung, die der Widerstand erreichen wollte, auch heute noch unsere Zustimmung finden kann. Widerstand gegen den Nationalsozialismus, das ist die große, einigende Formel, aber Widerstand wofür, das ist doch letztlich eine noch wichtigere Frage", meinten die Kritiker.

Der Versuch, Widerstandsziele zu unterscheiden, führte zur Gegenüberstellung von demokratisch-antitotalitärem und kommunistisch-totalitärem Widerstand. Diese Argumentation machte einen Grundzug der "besitzergreifenden Widerstandsdiskussion" der Nachkriegszeit deutlich, bei welcher der Anspruch auf die Erinnerung einer Dimension des Widerstands mit der Abqualifizierung einer anderen einherging. Vergessen wurde meist, dass sich Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft im Laufe einer widersprüchlichen Entwicklung zu entfalten hatte.