Bayern-Fahne mit blau-weißen Rauten

14.12.2018 | Von:
Simone Egger

Bayerische Bildwelten. Landschaft, Folklore, Politik

"Arkadien unter weiß-blauem Himmel. Die Welt ist heil zwischen Lech und Isar. Nirgends in Deutschland blühen die Geranien vor den Fenstern üppiger als hier, runden sich die Hügel gefälliger unter kräftigem Wiesengrün, schmiegen sich die Dörfer lieblicher in die Täler",[1] schreibt der Journalist Ernst Hess in einem Reisemagazin über Oberbayern. Die "Merian"-Ausgabe stammt aus den 1980er Jahren, die Beschreibung wirkt gleichsam zeitlos. "Vielleicht liegt Arkadien irgendwo zwischen Starnberg, Murnau und Mittenwald. So genau weiß das niemand, obwohl die Landschaft der barocken Schäferlyrik fast spiegelbildlich entspricht. Eitel sonnen sich die Seen in ihrer Schönheit, rund um die Ufer sanft gewelltes Bauernland und friedliche Kühe, am Horizont die hochgewuchteten Felsmassen der Alpen. Dazwischen wohlsortierte Wälder und grüne Kupferzwiebeln auf rosa oder gelbem Stuck, auch Dorfkirchen genannt." Den Titel des Hefts ziert eine Farbfotografie: Eingebettet in die bewaldete Bergwelt liegt ein international bekanntes bayerisches Sujet – Neuschwanstein, das Märchenschloss von Ludwig II., eines von vielen. Hess schwelgt wie andere vor und nach ihm angesichts des mit Gasthäusern und sonstigen vergleichbar signifikanten Bauten ausstaffierten und im Alpenglühen erstrahlenden Idylls in einer diffusen Sehnsucht nach Bayern. Bei aller Pracht und Herrlichkeit resümiert der Journalist am Ende seiner Reise aber, "ist es irgendwann einmal genug".[2]

Singularität und Moderne

Aus dem Gros der Regionen sticht Bayern gegenwärtig besonders hervor. Nicht die Weite der Uckermark, das Wattenmeer mit den Gezeiten oder das romantische Heidelberg stehen heute zuerst für die Bundesrepublik Deutschland, im In- und Ausland wird vor allem "das Bayerische" rezipiert.[3] Die beschriebene Landschaft passt ideal zu den Bildwelten der (Spät-)Moderne, einer Epoche des Visuellen und der medialen Vernetzung, in der alles erreichbar und zugleich beliebig und oftmals austauschbar erscheint. Was sich abhebt, was anders, besonders ist, wird wahrgenommen. Eingängige Zeichen und Symbole wirken verständlich in einer immer unübersichtlicheren Welt, deren soziale Medien in weiten Teilen auf visueller Kommunikation basieren.

"Wohin wir auch schauen in der Gesellschaft der Gegenwart", erläutert der Soziologe Andreas Reckwitz, "[w]as immer mehr erwartet wird, ist nicht das Allgemeine, sondern das Besondere. Nicht an das Standardisierte und Regulierte heften sich die Hoffnungen, das Interesse und die Anstrengungen von Institutionen und Individuen, sondern an das Einzigartige, das Singuläre."[4] Dabei sind es wiedererkennbare Charakteristika, die eine Gegend von anderen Gegenden unterscheiden. Diese Zuschreibungen werden kontinuierlich hergestellt und ausgehandelt. Das Allgemeine, das Gleiche, bleibt ungenannt, weil es in den Bereich des Selbstverständlichen, nicht Erwähnenswerten fällt.

Mit Bayern ist eine ganze Reihe von Bildern verbunden, die sich aus geografisch und soziokulturell bedingten Formationen speisen und als Klischees vielfach überschrieben sind. Diese Bayernbilder sind auf irgendeine Weise immer mit Folklore verknüpft. Von "Volkskultur" ist die Rede, von "Heimat", von Begriffen im Dialekt, "Spatzl", "Griaß di", "Habe die Ehre", von mehr oder weniger typischen und dabei oft stilisierten Äußerungen aus dem Bereich der populären Kultur. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat "das Bayerische" mit seiner unverkennbaren Bildsprache wieder Konjunktur. Dabei ist es ein schmaler Grat zwischen "Cool Bavaria", einem spielerischen Interesse an lokalen Kontexten und bayerischer Geschichte, und der Zuschreibung einer abgekapselten Rückwärtsgewandtheit, einem konservierenden Zugang, der häufig als "bierschwere" Rückständigkeit wahrgenommen wird. Die Auseinandersetzung mit dem Topos "Tradition" kann in diesem Sinne ebenfalls auf unterschiedliche Weise interpretiert werden: als offenes, inklusives Angebot oder als exklusive Markierung von Grenzen.

Beschreibungen von Land und Leuten, die über einen langen Zeitraum zur Popularität von solchen Bildern beigetragen haben, finden sich zu Bayern und dem benachbarten Tirol vermehrt seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert. Dabei war es zunächst nicht unbedingt die Landschaft, es waren soziokulturelle Besonderheiten – in Bayern häufig eng verwoben mit dem katholischen Glauben – und das Aussehen der Bewohnerinnen und Bewohner, denen das vornehmliche Interesse galt. Von der äußeren Erscheinung wurde in Reisebeschreibungen immer wieder auf Wesenszüge und mentale Eigenschaften geschlossen. Diese Verknüpfung lässt sich in ethnografischen Skizzen aus allen Teilen der Welt nachvollziehen. "Zuletzt waren es besondere Anlässe, die Reisende zu Aufzeichnungen inspirierten: ein Kirchweihfest, eine Hochzeit, eine Prozession oder auch einmal eine ländliche Theateraufführung. Auch nicht alltägliche Berufsgruppen wie die Sennerinnen und Jäger haben stets Neugier und Wißbegierde herausgefordert."[5]

In die Landschaften, seien sie nun gemalt, gezeichnet oder in schriftlichen Aufzeichnungen entworfen, gehören Figuren, die entsprechend zu identifizieren sind. Diese tragen als Staffage fast selbstredend Tracht, ein im Zusammenhang mit bayerischen Bildwelten geradezu ikonisches Kostüm. Mit "Tracht" ist zunächst Kleidung gemeint, die vorindustriell hergestellt wurde. Meist waren es Schneiderinnen oder Schneider auf der Stör, die wandernd von Hof zu Hof zogen und mobil ihre Dienste anboten. Abgeleitet von "tragen", stand "Tracht" noch bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für Kleidung im Allgemeinen.[6] Auch Frisuren, die Gesamtheit des Auftretens sowie die Gestik wurden unter diesem Begriff zusammengefasst.[7] Das "Gewand", wie man im baierischen Sprachraum um München herum sagte,[8] war "gekennzeichnet durch Stand, Zeit und Region. Es war eine Personenbeschreibung, ein Herkunftsausweis von größter Genauigkeit und dem Alltagsleben angepaßt."[9]

Aus heutiger Perspektive steht "die bayerische Tracht" für ein gefestigtes Maß an "Tradition" und verbriefte "Authentizität". Dabei ist gerade die Idee der "Volkstrachten" eine Erfindung der Moderne und ihrer medialen Vermittlung, denn "die bayerische Tracht" hat es als geschlossene Einheit nie gegeben.[10] Künstlerinnen und Künstler haben zu diesen Annahmen ebenso beigetragen wie Ethnografinnen und Ethnografen – und das rund um den Globus. Im Begriff "Trachtenlandschaft" kulminieren ethnokulturelle Verortungen und regionale oder auch nationale Zuschreibungen. Dabei war es vor allem der Blick von außen, die "andere Perspektive" der ersten Reisenden, von den Mitgliedern britischer Alpenclubs und von Feriengästen, denen das Besondere ins Auge fallen sollte. Historische Trachten wurden nun in der Lebenswelt ihrer Trägerinnen und Träger um den Schauwert ergänzt, während sie gleichzeitig an Bedeutung verloren, weil unter anderem industriell gefertigte Stoffe und Kleider viel moderner und damit viel begehrter waren.

Das Dirndl schließlich, wesentlicher Bestandteil eines bayerischen Bildprogramms, ist erst im späten 19. Jahrhundert für die Städterinnen in der Sommerfrische entstanden und materialisiert zunächst deren Sicht auf ländliche Lebenswelten. Die Silhouette erinnert an historische Frauenkleider, der Schnitt und die praktische Ausführung in Baumwolle verweisen gleichzeitig auf die technischen Möglichkeiten der Moderne.[11]

Fußnoten

1.
Ernst Hess, Arkadien unter weiß-blauem Himmel. Eine Reise durch das Alpenvorland, in: Merian 9/1981, Oberbayern, S. 10f., hier S. 10.
2.
Ebd.
3.
Vgl. Das Kleid der Deutschen. Von der Theresienwiese bis zur Ostsee: Der befremdliche Siegeszug der bayerischen Tracht, in: Süddeutsche Zeitung Magazin, 24.10.2010, Titel.
4.
Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten, Berlin 2017, S. 7.
5.
Nina Gockerell, Die Bayern in der Reiseliteratur um 1800, in: Hubert Glaser (Hrsg.), Krone und Verfassung. König Max I. Joseph und der neue Staat, München 1992, S. 334–344, hier S. 334.
6.
Vgl. Stichwort "Tracht", in: Richard Beitl (Hrsg.), Wörterbuch der deutschen Volkskunde, Stuttgart 19743, S. 824–828, hier S. 824.
7.
Vgl. Katja Kirch, Von der Mode zum Relikt. Anmerkungen zum Wandel des Begriffs "Tracht" vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, in: Schönere Heimat 87/1998, Sonderheft II, S. 17–21, hier S. 17.
8.
Vgl. Edith Hörandner, Zur emblematischen Funktion von Kleidung, in: Klaus Beitl/Olaf Bockhorn (Hrsg.), Kleidung – Mode – Tracht, Wien 1987, S. 107–125, hier S. 110.
9.
Ulrike Kammerhofer-Aggermann, Salzburger Tracht zwischen Entdeckung und Erfindung, in: dies./Alma Scope/Walburga Haas (Hrsg.), Trachten nicht für jedermann?, Salzburg 1993, S. 9–24, hier S. 10.
10.
Vgl. Nadja Neuner-Schatz, Wissen Macht Tracht, Innsbruck 2018.
11.
Vgl. Simone Egger, Phänomen Wiesntracht, München 2008.
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