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24.6.2004 | Von:
Ulrich Pfeil

"Nicht alle Deutschen haben ein Herz aus Stein"

Das Bild des deutschen Widerstands in Frankreich nach 1945

Gab es einen deutschen Widerstand?

Weil die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihren Widerständlern auch von den Franzosen als Gradmesser für gesellschaftliche Veränderungen und die politische Bewusstseinsentwicklung wahrgenommen wurde, musste es Reaktionen herausfordern, als in der Bundesrepublik ab Anfang der fünfziger Jahre der militärische Widerstand immer mehr in den Mittelpunkt gerückt wurde und Bundespräsident Theodor Heuss am 20. Juli 1954 den "Opfergang" der Männer um Stauffenberg als Voraussetzung dafür bezeichnete, dass "die Scham, in die Hitler uns Deutsche gezwungen hatte, (...) vom besudelten deutschen Namen wieder weggewischt" worden sei.[14]

Positive Traditionsstiftung betrieb auch Konrad Adenauer, als er den vor allem moralisch gemeinten Ausspruch bei Henning von Tresckow, das Attentat gegen Hitler werde Deutschland helfen, den Weg in den Kreis der zivilisierten Nationen zurückfinden, in ein außenpolitisches Vermächtnis und die Hoffnung der Regimegegner in einen politischen Anspruch überführte.[15] Karl Dietrich Erdmann hatte den "Putsch" 1959 als Akt bezeichnet, welcher "der ältesten und opferreichsten Widerstandsbewegung in Europa ihren historischen Rang" wiedergegeben habe;[16] der nationalbewusste Emigrant Hans Rothfels sprach von "sittlichen und religiösen Antrieben" und warf gleichzeitig den Alliierten vor, den deutschen Widerstandskämpfern mit diskreditierender Ignoranz begegnet zu sein.[17] Schnell wurden diese dem damaligen bundesrepublikanischen Mainstream der Widerstandsforschung zuzuordnenden Studien ins Englische und Französische übersetzt, so dass Interpretationen, die den 20. Juli zum Höhepunkt der Widerstandsaktivitäten stilisierten, um sie "generalisierend als antitotalitäres Verhalten zu charakterisieren und undifferenziert mit der Vorstellung von der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu verknüpfen",[18] durch den Abbau der Sprachbarriere dem Ausland zugänglich waren.[19]

Die von der Totalitarismustheorie geprägte westdeutsche Widerstandsforschung traf in Frankreich auf einen antifaschistischen Grundkonsens, der zu intellektuellen Inkompatibilitäten und asynchronen Deutungsmustern führte. Es muss als Reaktion auf die geschichtspolitischen Debatten in der Bundesrepublik um ihre normativen Grundlagen verstanden werden,[20] dass sich Gilbert Badia, Germanist und Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, weigerte, den Männern des 20. Juli das Attribut des Widerstandskämpfers zuzugestehen, und das Widerstandsspektrum weit nach links ausdehnte. Von der Faschismustheorie der Kommunistischen Internationalen aus der Zwischenkriegszeit ausgehend, bezeichnete Badia das Attentat als "Komplott" innerhalb der auch vonihm ausschließlich ökonomisch definierten "Schicht" der "Monopolkapitalisten", die sich, als sich die Niederlage des von ihnen bis dahin mitgetragenen Krieges immer deutlicher am Horizont abgezeichnet habe, zur Tat entschlossen hätten, um durch die Ermordung Hitlers einer soziopolitischen Umwälzung zuvorzukommen. Indem er ihre zögerliche Haltung und ihren Mangel an Führung als Ursachen für das Scheitern des Attentats interpretierte, hatte er sich selbst die Vorlage gegeben, den "antifaschistischen", d.h. kommunistischen Widerstand mit seinen internationalistischen Verflechtungen in einem umso helleren Licht erstrahlen zu lassen. Das frühe Abtauchen der deutschen Kommunisten in den Untergrund unter kontinuierlicher Anleitung durch die KPD und die hohe Zahl ihrer Opfer gebe ihnen neben wenigen anderen das Recht, als Widerständler bezeichnet zu werden. Mit dieser politisch determinierten Darstellung nahm Badia Position in der deutsch-deutschen Erinnerungskonkurrenz und verortete das "andere", "bessere" Deutschland in der DDR, wo er sein Vermächtnis sorgsam gepflegt sah. Durch den Umweg über Deutschland ließ er einen Subtext einfließen, mit dem er in der innerfranzösischen Auseinandersetzung die Kommunisten als die eigentlichen Erbverwalter der Résistance darstellen konnte.

Die Reserven innerhalb der internationalen Widerstandsforschung gegen die oft apologetischen Interpretationen in der Bundesrepublik beschränkten sich aber nicht nur auf das kommunistische Lager, sondern waren auch bei "bürgerlichen" Historikern anzutreffen, wie sich auf dem ersten internationalen Kongress zur Geschichte des europäischen Widerstands im Jahre 1958 in Lüttich zeigte. Obwohl der von den Organisatoren eingeladene Helmut Krausnick vom Münchener Institut für Zeitgeschichte als unbescholtener und unangefochtener Kenner der Materie galt, kam es schon in den ersten Minuten seines Vortrags zu einem Tumult im Saal. Die Aufnahme der von ihnen als jämmerlich klein wahrgenommenen deutschen "Opposition" in den Kreis der europäischen Widerstandsbewegungen hielten nicht nur die französischen Teilnehmer für unerträglich, so dass sie den Saal unter Protest verließen.[21]

Der französische Historiker Henri Michel, Vertreter eines gaullistischen Geschichtsbildes und im Umgang mit seinen deutschen Kollegen von herablassender Art, wie einer der Gründerväter der französischen Zeitgeschichtsschreibung, François Bédarida, beobachtet hatte, baute 1961 demonstrativ einen Gegensatz zwischen dem europäischen Widerstand und der deutschen Opposition gegen Hitler auf. Deren Organisation bezeichnete er als schematisch und dürftig bezeichnet, um anschließend historischen Überhöhungen und politisch-moralischen Entlastungsstrategien ein Ende zu bereiten: "Die Opposition beschränkte sich auf Konspirationen und Komplotte. In ihre Aktionen war immer nur eine begrenzte Anzahl von Verschwörern eingebunden. Ihr Hauptziel war Adolf Hitler, von dem sie Deutschland befreien wollten, vor allem von dem Zeitpunkt an, als sich allgemein die Überzeugung breit macht, dass er Deutschland in die Niederlage führt."[22]

Die mit diesem Urteil vollzogene Entsorgung des deutschen Widerstands gibt eine Vorstellung davon, wie die Erinnerung an die années noires (1940 - 1944/45) durch die Debatten um die bundesdeutsche Wiederbewaffnung aufgefrischt worden war und auch Anfang der sechziger Jahre noch in die französische Erinnerungskultur hineinwirkte. Die Gegenwart ehemaliger Wehrmachtsgeneräle in der Bundeswehr verstand nicht nur Michel als Kontinuität des preußisch-deutschen Militarismus; sie schürte fortwährenden Argwohngegenüber dem gesellschaftlichen Milieu derVerschwörer vom 20. Juli und ihren Traditionen, die Frankreich durch seine Entnazifizierungspolitik (déprussification) nach 1945 beseitigen wollte.

Die 1955 in Frankreich von dem Résistance-Verlag "Les Éditions de Minuits" publizierten Erinnerungen von Inge Aicher-Scholl an die "Weiße Rose" sind zum einen die Ausnahme von der Regel, sie sind zum anderen aber auch als Missbilligung der westdeutschen Widerstandsforschung zu verstehen, denn mit dieser Würdigung des studentischen Widerstandes auf Augenhöhe der französischen Résistance wurde die dem 20. Juli in der Bundesrepublik zugeschriebene historische Bedeutung infrage gestellt.[23] Im Vorwort interpretierte der Philosoph Gabriel Marcel, Vertreter eines katholischen Existenzialismus, die Grundüberzeugung, dass keine Staatsmacht und keine Weltanschauung das Recht habe, die Würde des Menschen anzutasten, als universellen ethischen Wert, welcher der "Weißen Rose" den Weg in den Adelsstand des europäischen Widerstandes ebne. Zwar trug diese Übersetzung dazu bei, dass sich das französische Deutschlandbild weiter ausdifferenzieren konnte, doch kann sie auch als Absage an breite Tendenzen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit der fünfziger Jahre gedeutet werden, den Widerstand weiterhin als "Verrat" zu interpretieren.


Fußnoten

14.
Theodor Heuß, Vom Recht zum Widerstand, in: ders., Geist der Politik, Frankfurt/M. 1964, S. 45 - 55.
15.
Vgl. Peter Steinbach, Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen, Paderborn 20012, S. 372ff.
16.
Karl Dietrich Erdmann, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 4, Die Zeit der Weltkriege, Stuttgart 19598, S. 306.
17.
Vgl. Hans Rothfels, Die deutsche Opposition gegen Hitler, Frankfurt/M. 1964, S. 15f., S. 159.
18.
Gerd R. Ueberschär, Von der Einzeltat des 20. Juli 1944 zur "Volksopposition"? Stationen und Wege der westdeutschen Historiographie nach 1945, in: ders., Der 20. Juli (Anm. 5), S. 123 - 157, hier: S. 126.
19.
Vgl. Gerhard Ritter, Échec au dictateur. Histoire de la Résistance allemande, Paris 1956; Wilhelm von Schramm, Les Généraux contre Hitler. Le 20 juillet à Paris, Paris 1956.
20.
Vgl. Gilbert Badia, Histoire de l' Allemagne contemporaine 1933 - 1962, Paris 1962, S. 191ff.
21.
Vgl. François Bédarida, Les résistants allemands, in: L' Allemagne de Hitler 1933 - 1945, Paris 1991, S. 366 - 383; ders., L' évolution historiographie, in: Christine Levisse-Touzé/Stefan Martens (Hrsg.), Des Allemands contre le nazisme. Oppositions et résistances 1933 - 1945, Paris 1997, S. 313 - 321, hier: S. 313f.
22.
Henri Michel, Les mouvements clandestins en Europe (1938 - 1945), Paris 1961, S. 50.
23.
Vgl. Inge Scholl, La Rose blanche. Préface de Gabriel Marcel, Paris 1955.