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24.6.2004 | Von:
Ulrich Pfeil

"Nicht alle Deutschen haben ein Herz aus Stein"

Das Bild des deutschen Widerstands in Frankreich nach 1945

Der deutsche Widerstand in der auswärtigen Kulturpolitik der Bundesrepublik in Frankreich

Die sich herausbildende symbolbeladene Bedeutung des Widerstandes für das Deutschlandbild im Ausland bewog die Verantwortlichen der auswärtigen Kulturpolitik in Bonn seit Anfang der sechziger Jahre, über regierungsamtliche Stellen und derauswärtigen Kulturarbeit verpflichtete Mittlerorganisationen Einfluss auf die Diskussionen zu gewinnen. Ausgewählte Ergebnisse der bundesdeutschen Widerstandsforschung wurden ins Englische und Französische übersetzt, um sie gezielt an ausländische Multiplikatoren zu versenden. Zu den ersten dieser Übersetzungen gehörte eine Buchausgabe der erweiterten Sondernummer der Wochenzeitung "Das Parlament" zum 20. Juli 1944,[24] die 1960 in einer von Erich Zimmermann und Hans-Adolf Jacobsen überarbeiteten Version von der Bundeszentrale für Heimatdienst, der heutigen Bundeszentrale für politische Bildung, neu herausgegeben[25] und vom Presse- und Informationsamt der Bundesregierung zur Übersetzung in Auftrag gegeben wurde.[26]

Diese Form der Kulturarbeit erwies sich jedoch in der Folge als transnationales Auslaufmodell und wich nach und nach einer Vermittlungspraxis, die sich bereits in den sechziger Jahren durch steigende interkulturelle Sensibilität auszuzeichnen begann und einen Dialog zwischen Außen- und Innenperspektive einleitete. So veröffentlichte die Mittlerorganisation Inter Nationes 1964 eine von Richard Mönnich zusammengestellte Bibliographie in französischer und englischer Sprache, in die er vor allem Studien ausländischer Historiker zum Widerstand gegen Hitler aufgenommen hatte. Dieselbe Organisation bereitete 1966 eine Geschichte des deutschen Widerstandes von Prinz Hubertus zu Löwenstein für das anglo- und frankophone Ausland auf, so dass die Leser aus der Feder eines Vertreters der deutschen Emigration über den nationalkonservativen und militärischen Widerstand hinaus Einzelheiten über die anderen Widerstandsgruppen und die deutsche Emigration erfuhren.[27]

Diese Entwicklung deutete auf kulturpolitische Lernprozesse hin, die in den sechziger Jahren noch von mentalen Ungleichzeitigkeiten in der Arbeit der Akteure bundesdeutscher Kulturpolitik im Ausland und Aushandlungsprozessen zwischen ihnen geprägt waren. Einen Einblick in diese Praxis vermitteln die Reaktionen auf die zweiteilige Dokumentation "Ces hommes de l' espérance", welche Marianne Oswald, französische Filmautorin und ständige Mitarbeiterin von Radio-Télévision Française (RTF), aus Anlass des 20. Jahrestages des 20. Juli vorbereitet hatte. Wie wenig die französische Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt darüber wusste, konnte die Filmemacherin aus Reaktionen entnehmen, die ihr nach der Ausstrahlung in großer Anzahl zugingen. Sie berichtete bundesdeutschen Botschaftsangehörigen von Briefschreibern, die über den Bildschirm "eine ganz neue Erkenntnis über Deutschland gewannen, die sie vorher nie für möglich gehalten hätten"[28].

Im Vorfeld der beiden Sendungen (19. und 26. März 1964), in denen mit Carlo Schmid und Alfred Grosser auch zwei der wichtigsten Mittlerpersönlichkeiten des deutsch-französischen Annäherungsprozesses zu Wort kamen,[29] hatte sie beim Presse- und Informationsamt der Bundesregierung angefragt, ob nicht die Botschaft in Paris in Verbindung mit RTF zuvor einen Presseempfang im Centre National du Cinéma geben könne. Während diese Geste in Bonn im "Hinblick auf die Bedeutung des Filmstoffes" für angemessen gehalten wurde,[30] sahen die Diplomaten in Paris von einer solchen Veranstaltung ab. Diese Entscheidung hatte nichts mit der Thematik oder der Qualität des Films zu tun; ganz im Gegenteil: Botschafter Manfred Klaiber erinnerte sich an seine Zeit in Rom, in der er vergebens nach einem "wirkungsvollen Film" über den deutschen Widerstand Ausschau gehalten habe. Die reservierte Haltung der Botschaft sollte eher der Wirkung des Films zugute kommen, wusste Klaiber doch von den Mitarbeitern des französischen Fernsehens zu berichten, "die im allgemeinen nicht im Ruf stehen, Deutschland besonders wohl gesonnen zu sein". Aus diesem Grund wollte er Unterstellungen zuvorkommen, "es könne sich um eine von Deutschland gesteuerte oder gar finanzierte Aktion" handeln.[31] Neben der ästhetischen Qualität schien die offizielle Zurückhaltung der beachtenswerten Resonanz zugute gekommen zu sein, wie aus den Erinnerungen von Alfred Grosser hervorgeht: Als die Dokumentation am 10. November 1964 in der Pariser Sorbonne gezeigt wurde, mussten die Türen eines zweiten Hörsaales geöffnet werden, um den 1200 Interessierten ausreichenden Platz zu bieten.[32]

Neben diesem neuen öffentlichen Interesse wandten sich auch Historiker in Frankreich dem deutschen Widerstand zu. Dass die Männer des 20. Juli 1944 nach Auffassung von Alain Desroches die Ehre des großen deutschen Volkes gerettet und vor der Nachwelt rehabilitiert hätten,[33] deutet auf einen Perzeptionswandel hin, der von bundesdeutschen Institutionen der politischen Bildungsarbeit aufmerksam beobachtet wurde und sich in der "offiziellen" Widerstandsdeutung niederschlug. Nachdem die Bundeszentrale für Heimatdienst in den fünfziger Jahren eher durch apologetische Deutungen aufgefallen war,[34] förderte die Öffnung der Jubiläumspublikationen für ausländische Historiker eine differenziertere Sichtweise durch die Einbeziehung anderer nationaler Traditionsbestände. Einen exemplarischen Einblick bietet der Beitrag des französischen Historikers Maurice Baumont, der 1963 eine Monographie über den 20. Juli veröffentlicht hatte, in der er mit Bezug auf Theodor Heuss die moralische Dimension des Attentates hervorgehoben und sich explizit gegen Stimmen in der Bundesrepublik und in der DDR gewandt hatte, die den "Verschwörern" den Status des Widerstandskämpfers absprachen.[35] Ein Jahr später gehörte er neben drei deutschen Historikern zu den insgesamt acht Autoren der zum 20. Jahrestag des 20. Juli veröffentlichten Ausgabe von "Aus Politik und Zeitgeschichte" unter dem Titel "Gewissen gegen Gewalt". Weniger befangen als seine bundesdeutschen Kollegen zögerte er nicht, den "leidenschaftliche(n) Widerstand der Kommunisten"[36] hervorzuheben. Die moralische und wissenschaftliche Reputation eines Maurice Baumont, der in der Zwischenkriegszeit im Völkerbund tätig war und nach 1945 als Professor an der Sorbonne zu den intimen Kennern der deutsch-französischen Beziehungen gehörte, bürgte in gewisser Weise für die westdeutschen Kollegen.

Die Internationalisierung im Spannungsfeld weltanschaulicher Konkurrenz setzte sich auch 1969 fort, als das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung eine Anthologie zum 20. Juli 1944 unter der Leitung von Hans-Adolf Jacobsen publizierte, in die auch der sowjetische Historiker Daniil Melnikow Aufnahme fand. Um die chiffrenartige Zusammenfassung des Widerstandes gegen Hitler im "20. Juli" und seine Funktion als antitotalitärer Stützpunkt eines demokratischen Nationalbewusstseins in der Bundesrepublik[37] nicht infrage zu stellen, gab Jacobsen in seinem Vorwort als "Lesehilfe" ein geschichtspolitisches Interpretationsraster vor, für dessen Rechtmäßigkeit die ausländischen Historiker - Frankreich war wiederum durch Baumont vertreten - einstehen sollten: "Denn es geht letzten Endes um die tiefere Erkenntnis, dass der Widerstand in Deutschland trotz seines Scheiterns als Symbol einer freiheitlich-rechtsstaatlichen Gesinnung gesiegt hat."[38]

Es kann als Reaktion auf das weithin dominierende "antitotalitäre" Deutungsmuster verstanden werden, den Widerstandsbegriff fast singulär am 20. Juli 1944 zu orientieren, dass Historiker wie Henri Bernard und Gérard Sandoz in den folgenden Jahren neue Darstellungen vorlegten, dabei jedoch quasi als "antifaschistische" Gegenreaktion ein idealisiertes Bild zeichneten, das mehr vom politischen Bewusstsein der Autoren als vom Willen zur Historisierung bestimmt war, so dass sie die Komplexität der "Dialektik von Mitmachen und Widerstehen, von Zusammenarbeit und Verweigerung, von Loyalität und Opposition" (Klaus Hildebrand) nur ungenügend einfingen.[39]


Fußnoten

24.
Vgl. 20. Juli 1944, hrsg. von der Bundeszentrale für Heimatdienst, Bearbeiter: Hans Royce, Bonn 1953.
25.
Vgl. 20. Juli 1944, hrsg. von der Bundeszentrale für Heimatdienst. Neubearbeitet und ergänzt von Erich Zimmermann und Hans-Adolf Jacobsen, Bonn 1960.
26.
Vgl. Erich Zimmermann/Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.), Germans against Hitler: July 20, 1944, Bonn 1960; dies. (Hrsg.), La résistance allemande contre Hitler: 20 juillet 1944, Bonn 1961.
27.
Vgl. Prince Hubertus de Löwenstein, La résistance allemande, Bad Godesberg 1966.
28.
Botschafter Manfred Klaiber an AA, 2.4.1964, Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes (PA/AA), B 24, Bd. 523, Bl. 36 - 38.
29.
Vgl. Ces Hommes de l' Espérances. Une évocation de la résistance allemande au national-socialisme, Paris 1964.
30.
Presse- und Informationsamt der Bundesregierung an AA, 11.2.1964. PA/AA, B 24, Bd. 523, Bl. 30.
31.
Bundesdeutsche Botschaft in Paris an Auswärtiges Amt, 2.4.1964, PA/AA, B 24, Bd. 523, Bl. 36 - 38.
32.
Vgl. Alfred Grosser, Réflexions, in: Ch. Levisse-Touzé/St. Martens (Anm. 21), S. 343 - 351, hier: S. 343f.
33.
Vgl. Alain Desroches, Opération Walkyrie. Les Patriotes Allemands contre Hitler, Paris 1966.
34.
Vgl. Die Wahrheit über den 20. Juli, hrsg. von der Bundeszentrale für Heimatdienst, Bonn 1954.
35.
Vgl. Maurice Baumont, La grande conjuration contre Hitler, Paris 1963, S. 238ff.
36.
Maurice Baumont, Erhebung einer Elite gegen Tyrannei, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 29/1964, S. 20 - 23.
37.
Vgl. Aleida Assmann/Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart 1999, S. 198ff.
38.
Hans-Adolf Jacobsen, 20. Juli 1944. Die deutsche Opposition gegen Hitler im Urteil der ausländischen Geschichtsschreibung. Eine Anthologie, Bonn 1969, S. 6.
39.
Vgl. Henri Bernard (Hrsg.), L' autre Allemagne. La résistance allemande à Hitler, Paris 1976; Gérard Sandoz, Ces Allemands qui ont défié Hitler, 1933 - 1945, Paris 1980. Alternativ verfügten französische Leser in den achtziger Jahren über das Standardwerk von Peter Hoffmann, La Résistance allemande contre Hitler, Paris 1984 (orig. München 19793).