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Der 20. Juli 1944 im deutschen Film


24.6.2004
Es gibt im deutschen Kino, Ost wie West, seit 1945 nur wenige Spielfilme, die sich mit dem deutschen Widerstand auseinandergesetzt haben. Nach der Wiedervereinigung wurden die Defizite deutlich, die das Thema widerspiegelt.

Einleitung



Am 25. Januar 1942 saß Adolf Hitler mit dem Chef der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers, dem "Reichsführer SS", Heinrich Himmler, und Generaloberst Kurt Zeitzler, Chef des Generalstabs des Heeres, am Mittagstisch in der "Wolfsschanze" in Rastenburg. Der "Führer" dachte laut darüber nach, welche Charaktereigenschaften die europäischen Völker auszeichnen, deren Länder seine Wehrmacht überfallen und besetzt hatte. "Der Tscheche ist von allen Slawen der gefährlichste", warnte er, "weil er fleißig ist. Er hat Disziplin, hat Ordnung, ist mehr mongoloid als slawisch. Hinter einer gewissen Loyalität weiß er seine Pläne zu verbergen. Sie werden jetzt arbeiten, weil sie wissen, daß wir unbarmherzig und brutal sind. Ich verachte sie nicht, es ist ein Schicksalskampf. Ein fremder Rassensplitter ist in unser Volkstum eingedrungen, einer muß weichen, er oder wir."


Gäste, die Hitler sich einlud, kamen nicht zu Wort, und wollten es auch gar nicht. Es genügte ein zustimmendes Nicken beim Löffeln der vegetarischen Suppe, um den Monolog voranzutreiben: "Beim Polen haben wir das Glück, daß er faul ist und dumm, eingebildet." Hitler legte den Löffel aus der Hand. Sofort hörte auch das Klappern der anderen Löffel auf, und in die eingetretene Stille hinein sagte er leise: "Man muß es schnell machen, es ist nicht besser, wenn ich einen Zahn alle drei Monate um ein paar Zentimeter herausziehen lasse - wenn er heraußen ist, ist der Schmerz vorbei. Der Jude muß aus Europa heraus. Wir kriegen sonst keine europäische Verständigung. Ich sage nur, er muß weg. Wenn er dabei kaputtgeht, da kann ich nicht helfen. Ich sehe nur eines: die absolute Ausrottung, wenn sie nicht freiwillig gehen."[1]

Am 20. Juli 1944 erschien der "Führer" pünktlich um 12.30 Uhr in der Wolfsschanze, diesmal nicht zum Mittagessen, sondern zur Lagebesprechung. "Stauffenberg mußte vor allem die Aktentasche so abstellen, daß sie niemandem im Wege war. Trotz aller Bemühung kam er nur an die rechte Ecke des Tisches", beschreibt Peter Hoffmann die entscheidenden Minuten vor der Explosion. "Er nahm also die Tasche und stellte sie dort unter den Tisch. Hätte er versucht, sich zwischen Heusinger und Brandt zu drängen und die Tasche an der Innenseite des Sockels, also Hitler unmittelbar vor die Füße zu stellen, er hätte mit Sicherheit wegen eines solchen Verhaltens große Schwierigkeiten bekommen. Er konnte nicht anders, als sie rechts neben den rechten Tischsockel stellen. Da die Tasche noch etwas unter dem Tischrand hervorragte, ist es wohl möglich, daß sie Oberst i.G. Brandt im Wege war und daß dieser sie mit dem Fuß ein Stück weiter unter den Tisch schob."[2]

War es der blank geputzte Stiefel von Oberst Brandt, der den Anschlag scheitern ließ? Ein geglücktes Attentat hätte Deutschland kaum vor der Verdammnis der Völker retten können. Die Dolchstoßlegende des Ersten Weltkrieges wäre wohl neu aufgeflammt, hätte alle humanistisch-demokratischen Absichten blockiert. Noch heute verstummt der Besucher auf Schloß Liebenberg bei Gransee vor der Schlosskirche, wenn er den nationalen Wahnsinn liest, der auf den beiden Granitsteinen steht, die links und rechts die Treppe zum Kirchenportal rahmen: "1871 bis 1918 Unseren Helden sei Dank - 1919 Frieden macht krank."

Das Attentat, ob es glückte oder nicht, es musste stattfinden. Zwischen der Führung um Hitler und den Männern des 20. Juli 1944 gab es kein Vertrauen mehr. Ob Stauffenberg, von Tresckow, von Kluge, sie alle wurden mehr oder weniger Augenzeugen von Hitlers vernichtender Rassenpolitik, von seiner Kriegführung im Osten, die allen Völkerrechtskonventionen Hohn sprach. Und sie wussten, dass dieser Verlust an Vertrauen Deutschland auf Dauer existenz- und handlungsunfähig machen würde. Hitler verwüstete mit seiner Politik nicht nur Europa, er liquidierte auch grundlegende menschlich-soziale Fähigkeiten. Er belog die Deutschen. Wenn er das Wort "Frieden" in den Mund nahm, meinte er "Krieg". Nur wenige fanden die Kraft, gegen diese Schizophrenie anzugehen.

Claus Schenk Graf von Stauffenberg hat sich Fragen gestellt, die Golo Mann in seinen "Erinnerungen" reflektierte: "Mit welchem Schritt, wann begann der Sündenfall der deutschen Politik? Wann erschien der letzte Moment, in dem es noch möglich gewesen wäre, Europa vor seinen extremsten Folgen zu bewahren? (...) Wir haben uns vor Gott und unserem Gewissen geprüft, es muß geschehen, denn dieser Mann ist das Böse an sich."[3] Diese Worte äußerte Stauffenberg gegenüber Jakob Kaiser, als er ihm darlegte, dass nach seiner und seiner engsten Berater Ansicht alles gewagt und versucht werden müsse, Hitler zu beseitigen. Als er sich entschloss, die Ausführung des jahrelang erwogenen und mehrfach bis ins Einzelne vorbereiteten Attentats auf Hitler auf sich zu nehmen, war Stauffenberg 36 Jahre alt. Er war von der Vorstellung erfüllt, dass der Liquidation des Regimes ein echter staatlicher Erneuerungsversuch folgen müsse, "die Bildung eines bis in die breiten Volksschichten überzeugenden, neuen, sozialen Staates. Wir wollen eine neue Ordnung, die alle Deutschen zu Trägern des Staates macht und ihnen Recht und Gerechtigkeit verbürgt."

Joseph Goebbels hat in seiner Rundfunkrede am 26. Juli 1944, die er "Rechenschaftsbericht über den 20. Juli" nannte, eine Schlussfolgerung aus dem Geschehen gezogen, die als Antithese zitiert werden muss: "Ich hatte es schon oft - aber noch niemals so sichtbar und eindeutig wie hier - erlebt, daß der Führer sein Werk unter dem Schutz der Vorsehung erfüllt, daß keine Gemeinheit und Niedertracht ihn daran zu hindern oder dabei aufzuhalten vermag, daß damit aber auch ein über allem menschlichen Tun waltendes göttliches Schicksal uns einen Fingerzeig gibt, daß dieses Werk, auch wenn es noch so großen Schwierigkeiten begegnet, vollendet werden muß, vollendet werden kann und vollendet werden wird."[4]



Fußnoten

1.
Adolf Hitler, Monologe im Führerhauptquartier 1941 - 1944. Aufgezeichnet von Heinrich Heim, hrsg. und kommentiert von Werner Jochmann, München 2000, S. 227f.
2.
Peter Hoffmann, Widerstand - Staatsstreich - Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler, München-Zürich 1985, S. 489f.
3.
Das Gewissen steht auf. Lebensbilder aus dem deutschen Widerstand 1933 - 1945, gesammelt von Annedore Leber, Berlin-Frankfurt/M 1959, S. 228f. Dort auch das folgende Zitat.
4.
Goebbels. Reden 1933 - 1945, hrsg. von Helmut Heiber, Bindlach 1991, S. 342f.