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24.6.2004 | Von:
Eberhard Görner

Der 20. Juli 1944 im deutschen Film

"Operation Walküre"

Am 18. und 20. Juli 1971 sendete die ARD das zweiteilige dokumentarische Fernsehspiel "Operation Walküre" von Autor Helmut Pigge und Regisseur Franz Peter Wirth. "Heute noch erscheint es mir wie ein Wunder", schrieb Pigge im ARD-Pressedienst, "daß ich diesen schwierigen, komplexen Stoff überhaupt in den Griff bekam - die Entwicklung zog sich über etwa drei Jahre hin. Wir haben den authentischen Ablauf des 20. Juli 1944 an den Originalschauplätzen verfolgt, auf verschiedenen Ebenen mit gegenläufiger Bewegung sozusagen, den aktenkundigen Berliner Stätten, im ehemaligen Führerhauptquartier Wolfsschanze (heute Polen), im Hotel Majestic in Paris (jetzt Tagungsort der Vietnam-Konferenz), im Schloß La Roche Guyon (ehemaliges Hauptquartier General Rommels) und im damaligen Wehrkreiskommando XVII am Stubenring in Wien (heute Ministerium für Industrie, Handel und Gewerbe)."[9]

"Operation Walküre", ursprünglich als legaler Alarmplan für das Heimatheer konzipiert, wurde von den Männern des 20. Juli bekanntlich später "umgearbeitet". Im Gegensatz zu Pseudodokumentationen der vergangenen Jahre, die vor allem die Figur Stauffenbergs in einseitiger wie freizügiger Kinomanier interpretierten, wird hier erstmals der dokumentarische Versuch unternommen, die Geschehnisse jenes Tages minuziös zu rekonstruieren. Dazu bedurfte es detektivischer Methoden. Franz Peter Wirth: "In jenem Haus in Berlin-Lichterfelde, in dem einst Generaloberst Beck, das geistige Haupt des Widerstandes, wohnte - damals Goethestraße 9, heute Goethestraße 24 -, befindet sich inzwischen das Schlafzimmer einer Berliner Familie. Und in Stauffenbergs ehemaligem Haus in Wannsee lebt jetzt ein junges Architektenehepaar. Eine Gedenktafel befindet sich an keinem der Häuser - es war eine ungeheure Begegnung mit der Vergänglichkeit." Helmut Pigge steuerte ein weiteres melancholisches Detail bei: "Als wir im Pariser Hotel Majestic drehten (wir brauchten eine Sondergenehmigung des französischen Außenministeriums dazu), war eine weitere wichtige Zeugin zugegen, die wir als Interview-Partnerin vor die Kamera holen konnten: Freifrau von Pöllnitz, geb. Komtesse Podewills, damals Sekretärin des deutschen Militärbefehlshabers in Frankreich, General Stülpnagel, die bei der Wiederbegegnung der alten Arbeitsstelle feststellte: 'Die Tür quietscht noch immer - wie vor 25 Jahren.'"

"Dieser Tag war ein ganz entscheidendes Ereignis in unserer jüngsten Geschichte", so Wirth, "und wir hoffen, mit unserer Dokumentation ein für allemal das Odium der 'Verräter' von den Männern des 20. Juli zu nehmen, das ihnen in den Augen mancher Zeitgenossen offenbar noch immer anhaftet. Schließlich war fast der ganze preußische Adel in die 'Operation Walküre' verwickelt - hier gab er seine letzte große Vorstellung, bevor er von der Bühne der Geschichte abtrat."

Die zweiteilige Dokumentation "Operation Walküre" beginnt mit einer Wochenschau, die den Erfolg der Operation und die Ablösung Hitlers verkündet. Dieser fiktive Ausgang wird verknüpft mit einer Straßenbefragung, bei der Joachim Fest Passanten um Auskunft darüber bittet, was sie, gut 25 Jahre danach, über den 20. Juli 1944 wissen. Das Ergebnis erschüttert, weil es zu belegen scheint: Die Deutschen sind Meister im Auswechseln ihrer Fahnen, Parteiabzeichen und Lieder, im Abreißen geschichtsträchtiger Gebäude, im Verdrängen ihrer eigenen Geschichte.

Pigge und Wirth haben sich mit "Operation Walküre" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit ihrem unverstellten Zugriff auf historische Wahrheit verdient gemacht. Sie haben mit der künstlerischen Form des Dialogs zwischen Dokumentation und Spielhandlung den Weg geebnet für solche außergewöhnlichen Arbeiten wie etwa die im Jahre 2001 in der ARD gesendete dreiteilige Spielfilm-Dokumentation "Die Manns" von Heinrich Breloer. Dieser wird bei dem derzeit in Produktion befindlichen Film "Speer" u.a. sicher auf das Interview von Pigge und Wirth mit Albert Speer zurückgreifen, in dem Hitlers ehemaliger Rüstungsminister im ersten Teil von "Operation Walküre" darüber Auskunft gibt, dass er nach einem erfolgreichem Attentat an der neuen Reichsregierung hätte mitwirken sollen.


Fußnoten

9.
Helmut Pigge/Franz Peter Wirth: "Die Tür quietscht noch immer, wie vor 25 Jahren ...", in: ARD-Pressedienst, (1971) 9, auch für die folgenden Zitate.