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24.6.2004 | Von:
Eberhard Görner

Der 20. Juli 1944 im deutschen Film

"Der Leutnant Yorck von Wartenburg"

Wahrscheinlich wäre in der DDR nie ein Film über den 20. Juli 1944 entstanden, wenn nicht innen- wie außenpolitische Zwänge geholfen hätten. Mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann im November 1976 entstand ein ungeheurer Druck auf die Staats- und Parteiführung. Die Intellektuellen, vor allem die Künstler, die sich fast alle dem antifaschistischen Verfassungsprogramm der DDR nahe wussten, konnten nicht begreifen, dass sich das Politbüro der SED mit dem Mittel der Ausbürgerung eines Instrumentariums bediente, das im "Dritten Reich" gang und gäbe war. Auch Stephan Hermlin geriet an den Rand seiner Loyalität zu Erich Honecker. Die Mitarbeiter der Staatssicherheit mussten hinter den Scheibenwischern von Hermlins Volvo Zettel "sichern", auf denen stand: "Bleiben Sie im Land" oder "Warum gehen Sie nicht?" Die Leitungsgremien der DEFA und des DDR-Fernsehens erhielten von Honecker persönlich den Auftrag, Hermlin im Land zu halten.

Von diesen hektischen Aktivitäten hinter den Kulissen der Macht wusste der Autor dieser Zeilen nichts, als er in der Akademie der Künste (AdK), dank Vermittlung durch den Leiter des Literaturarchivs der AdK, Ulrich Dietzel, auf Hermlin zuging, um ihm das Szenarium "Der Leutnant Yorck von Wartenburg" vorzulegen, mit der Bitte um Beurteilung. Hermlin war verstimmt: "Warum haben Sie mich nicht vorher gefragt, ob Sie meine Erzählung überhaupt bearbeiten dürfen?" Meine Antwort war naiv, aber ehrlich: "Daran habe ich nicht gedacht. Das Einzige, woran ich gedacht habe, war die Überzeugung, dass ich aus Ihrer Geschichte einen Film machen muß." Nach Lektüre meiner filmischen Adaption kam relativ rasch seine Zustimmung für eine Verfilmung. Die Leitung des Bereiches Dramatische Kunst unter Erich Selbmann im DDR-Fernsehen war elektrisiert. Frank Beyer, der mit dem DDR-Fernsehen wegen seiner Kritik an der Biermann-Ausweisung über Kreuz lag, wurde als Regisseur verpflichtet. Wir besichtigten gemeinsam die Hinrichtungsstätte in Berlin-Plötzensee, und wir nahmen in Berlin-Dahlem Kontakt auf zu Marion Gräfin Yorck von Wartenburg, die das Projekt unterstützte und uns an Rosemarie Reichwein und Freya von Moltke weiter vermittelte.

In seiner Autobiographie "Wenn der Wind sich dreht" schreibt Frank Beyer unter dem Kapitel "Die trüben Achtziger": "Ein nächstes Projekt, ein Film nach Anna Seghers Roman 'Transit', kam nicht zustande, weil Anna Seghers die Verfilmungsrechte dem französischen Regisseur René Allio versprochen hatte. Aus dem Fernsehen der DDR, bei dem ich ja weiterhin fest angestellt war, kam in fünf Jahren ein einziges Stoffangebot, nämlich 'Der Leutnant Yorck von Wartenburg'. Ich schätzte diese Erzählung von Stephan Hermlin, wusste aber nicht, wie ich sie in den Film übertragen sollte. So mußte ich den Stoff zurückgeben."[10]

Der Film entstand trotzdem. Unter der Regie von Peter Vogel spielte Alexander Lang vom Deutschen Theater Berlin die Hauptrolle. Außerdem wirkte Günter Haubold mit, einer der renommiertesten Kameramänner der DEFA. Der Film wurde in den Niederlanden, in Moskau und in den Babelsberger Studios der DEFA gedreht. Nach seiner TV-Premiere am 22. November 1981 öffnete sich plötzlich eine Tür. Zum ersten Mal wurde in der DDR der Widerstand der deutschen Aristokratie gegen Hitler - wenn auch fiktional, auf der Basis von Literatur - filmisch gewürdigt. Stephan Hermlin identifizierte sich mit der künstlerischen Sicht der Filmemacher. Auch Marion Gräfin Yorck von Wartenburg signalisierte ihre Zustimmung. In einem Interview für die AdK-Zeitschrift "Sinn und Form" betonte sie: "Für mich ist natürlich alles sehr aufregend. Wenn überhaupt jemand erscheint, der seinen Namen hat und auch dieses Schicksal - das hat mich doch sehr aufgeregt. Ich fand den Film überhaupt gut gemacht. Auch den Anfang und auch die dramatische Spannung." Auf die Frage von Ulrich Dietzel: "Was würde man sich an Wirkung durch diesen Film wünschen müssen?" antwortete sie: "Das ist der Einsatz, die Opferbereitschaft, bis zur letzten Konsequenz für seine Überzeugung einzutreten. Es war immerhin das Leben, das er gab."[11]

Im April 1984 fuhr ein Filmteam unter der Leitung von Hans Bentzien mit Freya von Moltke und Rosemarie Reichwein zu Dreharbeiten für den Dokumentarfilm "Wir haben nichts zu bereuen" nach Krzyzowa/Polen, dem ehemaligen Kreisau, auf das Schloss von Helmuth von Moltke. Der Film bediente sich, wie "Operation Walküre", fiktionaler und non-fiktionaler Mittel und gestaltete das Geschehen um den "Kreisauer Kreis" nach, der eine der wichtigsten Widerstandsgruppen im Vorfeld des 20. Juli 1944 war. Krzyzowa glich einer Ruine. Die mächtigen Dachbalken lagen zerbrochen auf der Schlosstreppe. Im Foyer gackerten die Hühner. Die Wirtschaftsgebäude waren halb verfallen. Das Berghaus, historischer Ort des Widerstandes, war von Brettern vernagelt. Trotzdem lag während der gesamten Zeit der Dreharbeiten eine große Hoffnung über dem Ort.

Die Gespräche in unserem kleinen Hotel in Walbrzych mit Freya von Moltke und Rosemarie Reichwein gingen bis tief in die Nacht. Auf die Frage nach den politischen Zielen des Kreisauer Kreises antwortete Freya von Moltke: "Zunächst muß ich von seinem Ursprung sprechen. Der Ursprung war sozusagen eine Nottat von Menschen, die im Dritten Reich leben mußten, die nicht absehen konnten, wie das enden würde, und wünschten, daß es enden solle, aber nichts dazu tun konnten, unmittelbar, daß es ende, und doch weiterleben mußten, bis es dann soweit war. Diese Menschen haben sich zusammengefunden und darüber gesprochen, wie es aussehen könnte und müßte und sollte, wenn es einmal vorüber war. Das ist der Ursprung. Das kommt nun von meinem Mann: Wenn man einen gemeinsamen Gegner hat, dann kann man sich eher zusammentun und besser zusammentun, auch wenn man verschiedener Ansichten ist, als wenn man sich gegenübersteht. Und so hatte mein Mann von vornherein den Gedanken, daß man, wenn man sich über diese Zeit später Gedanken macht, Menschen zusammenbringen muß, gemeinsame Gegner, die aber an sich ganz verschiedener Ansicht sein können. Also, er hat die verschiedenen Meinungen derer, die miteinander sprachen, ganz bewußt eingesetzt, weil er sich sagte, wenn sie miteinander sprechen, dann überwinden sie manche ihrer Vorurteile und vielleicht kommen wir dann weiter. So fanden sich im Kreisauer Kreis nicht ganz und gar verschiedene, aber doch sehr anders denkende Menschen, die jedenfalls von anderen Voraussetzungen ausgingen, auch andere Vergangenheiten hatten. Es waren im Grunde alles Männer, die für die Weimarer Republik gewesen waren. Sie hatten sie bejaht. Aber sie sahen die Fehler der Weimarer Republik. Sie fragten sich, warum ist es denn so schief gegangen? Wenn Sie die Verfassung von Weimar lesen, sie ist fast ideal. Sie müßten denken, daraus kommt eine wunderbare Demokratie. Aber so war es doch nicht gelaufen. Und darum fragten sie sich, was müssen wir denn tun, daß so etwas nicht wieder passiert? Und sie sagten sich: man muß etwas schaffen, was die Deutschen zu Demokraten macht."[12] Die Filmdokumentation "Wir haben nichts zu bereuen", in der auch Marion Gräfin Yorck von Wartenburg mitwirkte, stieß sowohl in der DDR wie in der Bundesrepublik auf große Resonanz.

"Die Erste Reihe - Bilder aus dem Berliner Widerstand" nach den biographischen Skizzen von Stephan Hermlin lautete der Titel einer großen DEFA-Produktion, die 1987 im Auftrag des Fernsehens der DDR in Potsdam-Babelsberg, Berlin und Prag unter der Regie von Peter Vogel entstand, in der auch die Thematik des 20. Juli 1944 gestaltet wurde. Die Hauptrollen übernahmen Johanna Schall, Enkeltochter von Bertolt Brecht, Ulrich Mühe, Roman Kaminski und Dagmar Manzel. Im West-Berliner "Tagesspiegel" hieß es dazu: "Im November vorigen Jahres erfolgte die Erstsendung 'Die Erste Reihe', ein Fernsehfilm nach Stephan Hermlin von Eberhard Görner, ausgezeichnet mit dem 'Goldenen Bildschirm 1987' und seit Jahren eine der besten Produktionen aus Adlershof, wert, von ARD und ZDF eingekauft zu werden. Anlaß, die Lebensläufe von sechs Berliner Widerstandskämpfern nach kurzer Zeit erneut zu senden, war das Datum: Der zweite Sonntag im September ist der 'Internationale Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors' - und kein anderes Programm wäre dieses Tages würdig gewesen."[13]

Aus einem Mosaikstein wie dem Film "Der Leutnant Yorck von Wartenburg" entstand ein die DDR-Gesellschaft erfassender politischer Wandel, der zu einer radikalen Erweiterung des Themas "20. Juli 1944" führte und eine Diskussion über Zivilcourage, Macht und Geist, Diktatur und Individuum beförderte. In evangelischen und katholischen Zeitschriften wurde über den Widerstand der Kirchen zwischen 1933 und 1945 reflektiert und nachgewiesen, dass bei vielen wichtigen Protagonisten des Kreisauer Kreises die Kraft zum Widerstehen aus ihrem christlichen Glauben kam, wie es Clarita von Trott zu Solz in einem Gespräch für den "Standpunkt" bestätigte.[14] Meine Absicht, dem Gefängnispfarrer von Tegel, Harald Poelchau, Mitglied des Kreisauer Kreises und Seelsorger der zum Tode verurteilten Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944, einen zweiteiligen Fernsehfilm zu widmen, wurde durch das DDR-Fernsehen 1988 vertraglich bestätigt. Das Vorhaben konnte angesichts der Ereignisse im Jahre 1989 nicht mehr umgesetzt werden.


Fußnoten

10.
Frank Beyer, Wenn der Wind sich dreht. Meine Filme - mein Leben, München 2001, S. 314.
11.
Ulrich Dietzel im Gespräch mit Gräfin Marion Yorck von Wartenburg, in: Sinn und Form, (1983) 3, S. 532.
12.
Eberhard Görner im Gespräch mit Freya von Moltke, in: Sinn und Form, (1984) 6, S. 1181f.
13.
Eckart Kroneberg in: Tagesspiegel vom 13.9. 1988.
14.
Vgl. Eberhard Görner im Gespräch mit Clarita von Trott zu Solz, in: Evangelische Monatszeitschrift Standpunkt, 16 (1988) 9/10.