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14.5.2004 | Von:
Hans-Georg Golz

Editorial

Die Staaten Südostasiens weisen unterschiedliche politische Systeme mit heterogenen Ethnien auf. Indonesien und Malaysia stehen seit dem Terroranschlag von Bali vor der Aufgabe, gegen militante islamistische Strömungen vorzugehen.

Malaysia ist der wohlhabendste, Indonesien der bevölkerungsreichste Staat der muslimischen Welt. In diesem Frühjahr wurden in beiden Ländern neue Parlamente demokratisch gewählt. Die Region zeichnete sich bis zur Asienkrise Ende der neunziger Jahre vor allem durch die enorme wirtschaftliche Leistungskraft der "Tigerstaaten", weniger durch demokratische Entwicklungen aus. Exotische Urlaubsparadiese und die bittere Armut weiter Bevölkerungsteile trugen zu zählebigen, widersprüchlichen Klischees in Europa bei. Die wirtschaftliche Erholung, an der die boomende Tourismusbranche großen Anteil hat, erlitt jedoch durch den Ausbruch der Lungenkrankheit SARS im vergangenen Jahr und durch die epidemische Ausbreitung der Vogelgrippe herbe Rückschläge.

Die elf südostasiatischen Staaten von Myanmar bis Ost-Timor weisen sehr unterschiedliche politische Systeme auf. "Musterdemokratien" sind nicht darunter, es handelt sich allenfalls um demokratisch legitimierte, aber oligarchisch regierte Staatswesen. Spätkommunistischen Parteiregimen in Laos und Vietnam sowie der Militärdiktatur in Myanmar stehen demokratische Systeme in den Philippinen, in Thailand, Malaysia und seit dem Ende des Suharto-Regimes auch in Indonesien gegenüber.

Die Staaten der Region sind durch heterogene Ethnien und starke chinesischstämmige Minderheiten geprägt. Der Zusammenhalt der Vielvölkerstaaten Indonesien und Philippinen ist aufgrund bewaffneter Konflikte bedroht. Jüngste Beispiele sind der Sezessionskrieg im indonesischen Aceh und Zusammenstöße zwischen Christen und Muslimen auf den nach Unabhängigkeit strebenden Molukken. Vor allem Indonesien und Malaysia stehen spätestens seit dem Terroranschlag von Bali im Oktober 2002 vor der lange vernachlässigten Aufgabe, gegen militante islamistische Strömungen vorzugehen. Dabei ist die Versuchung groß, unter dem Etikett der Terrorismusbekämpfung die legitime innenpolitische Opposition zu drangsalieren. Doris Klein zieht in ihrer Skizze der Pressefreiheit in Südostasien eine ernüchternde Bilanz. In keinem Land gebe es eine freie Presse; in Myanmar, Laos, Vietnam und Singapur sei man von halbwegs freier Berichterstattung weit entfernt.

Das Verhältnis der Europäischen Union (EU) und der USA zu Südostasien ist Gegenstand der Analyse von Jörn Dosch. Nach seinem Befund hat die EU ihr Verhältnis zur Region deutlich verbessern können; heute komme ihr das gleiche (handels)politische Gewicht zu wie den USA. Die dominante sicherheitspolitische Rolle der USA in dieser strategisch wichtigen Weltgegend werde durch die Europäer komplementär ergänzt, da diese etwa bei der Unterstützung von Demokratisierungsprozessen weniger missionarisch vorgingen.

Andreas Ufen untersucht das Verhältnis von Islam und Politik am Beispiel neuerer Entwicklungen in Malaysia und Indonesien. Es lasse sich zwar eine Stärkung der konservativen, orthodoxen, seit 1998 auch der gewaltbereiten Islamisten beobachten, aber gleichzeitig gebe es in beiden Ländern einen deutlichen Trend zur Liberalisierung, der sich in den jüngsten Wahlen verfestigt habe.

Die zahlreichen Nichtregierungsorganisationen (NRO) in Südostasien gelten zwar weithin als Förderer von Demokratisierungsprozessen, aber ihre Rolle, so Rolf Hanisch, werde meist überbewertet. NRO verdanken ihre Entwicklung meist der Förderung aus dem Ausland. Das schränke die Fähigkeit ein, ärmere Bevölkerungsschichten für demokratische Prozesse zu mobilisieren.

Ein brisantes Thema trägt erheblich zur negativen Imagebildung Südostasiens in Europa bei: die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern. Die Philippinen, so Tina Pfeiffer, könnten ihrem guten Ruf bei der Bekämpfung von Kinderhandel und -pornographie nur dann gerecht werden, wenn die Situation der jungen Generation nachhaltig verbessert wird.