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14.5.2004 | Von:
Jörn Dosch

Das Verhältnis der EU und der USA zur Region Südostasien

Handelspolitisch kommt der EU das gleiche Gewicht zu wie den USA. Daneben unterhält sie einen sicherheitspolitischen Dialog mit Südostasien, der dort als konstruktiver Beitrag z.B. zur Bekämpfung des Terrorismus gewürdigt wird.

Einleitung

Nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich in Südostasien[1] eine Wachablösung: Hatten europäische Mächte in den zurückliegenden gut drei Jahrhunderten die Region beherrscht, schickten sich nun die USA an, eine dominierende Rolle in Südostasien zu spielen, die sie für die kommenden Dekaden behalten sollten. Zu Beginn der neunziger Jahre reagierten europäische Akteure nervös auf Prognosen eines kommenden "pazifischen Jahrhunderts", in dem sich die Beziehungen zwischen den USA und dem asiatisch-pazifischen Raum als Hauptachse einer neuen globalen Ordnung abbilden würden. Dieses Szenario ließ kaum Raum für eine prominente und gestaltende Teilhabe Europas an den internationalen Beziehungen des 21. Jahrhunderts. Es machte zudem die Europäer für ihre missliche Lage selbst verantwortlich, hatten sie es doch versäumt, ihr Verhältnis zu dieser Weltregion auf eine solide institutionelle Basis zu stellen.


Freilich war die These vom europäischen Niedergang ebenso realitätsfern wie die Idee eines dauerhaften asiatischen Wirtschaftswunders, das durch die Asienkrise der Jahre 1997 und 1998 schnell als Mythos entlarvt wurde. Dennoch verfehlte die im vergangenen Jahrzehnt intensiv geführte Debatte um die Gestaltung der postbipolaren Weltordnung nicht ihre Wirkung. Seit Mitte der neunziger Jahrehaben die Europäische Union (EU) und führende asiatische Akteure, darunter vor allem dieGemeinschaft Südostasiatischer Nationen (ASEAN), ihre Beziehungen durch die Gründung neuer Kooperationsmechanismen quantitativ und qualitativ entscheidend verbessert. Parallel dazu hat eine Diversifizierung außenpolitischer Interessen im interregionalen Verhältnis stattgefunden, die in einer Ausweitung der ursprünglich primär handelspolitischen Agenda hin zu sicherheitspolitischen Themenfeldern zum Ausdruck kommt - und dies nicht erst, seit Südostasien als einer der Hauptschauplätze im Kampf gegen den Terrorismus verstärkt in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit gerückt ist.

Ist es der EU gelungen, in Südostasien verlorenes Terrain gegenüber den USA zurückzugewinnen? Stehen die EU und die Vereinigten Staaten in der Region überhaupt in einem Konkurrenzverhältnis, oder stellen sich die Rollen vielmehr als komplementär dar? Und schließlich: Wie perzipieren südostasiatische Akteure das Engagement der USA und der EU? Die nachfolgende Auseinandersetzung mit diesen Fragen erfordert einen gewissen Grad an Vereinfachung, da auf die komplexen Prozesse außenpolitischer Entscheidungsfindung nicht im Detail eingegangen werden kann. Die Südostasienpolitik der EU ergibt sich als Summe der Interessen und Strategien der Europäischen Kommission, in weitaus geringerem Maße des Europäischen Parlaments, in erster Linie aber der Regierungen der Mitgliedstaaten. Selbst wenn die Differenzen geringer ausgeprägt sind als beispielsweise mit Blick auf China oder gar den Irak, sind die jeweiligen nationalen Politiken gegenüber der südostasiatischen Region alles andere als deckungsgleich. So wirkte sich das gespannte Verhältnis zwischen Portugal und Indonesien, das 1975 die portugiesische Kolonie Ost-Timor annektiert hatte, über mehrere Jahre hinweg negativ auf die europäisch-südostasiatischen Beziehungen insgesamt aus. Ende der neunziger Jahre fiel es der EU schwer, eine einheitliche Politik gegenüber Burma (Myanmar) zu formulieren, da einige Mitgliedstaaten einen kritischen Dialog mit der dortigen Militärregierung anstrebten, während andere eine Isolationspolitik favorisierten.

Auch für die USA kann kaum von einer kohärenten Südostasienpolitik gesprochen werden. Oftmals verfolgen die am außenpolitischen Entscheidungsprozess beteiligten Akteure, darunter neben dem Präsidenten vor allem das State Department, der Kongress, das Pentagon und das Amt des United States Trade Representative, sowie indirekt Hunderte von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Lobbys und Pressure Groups unterschiedliche und sich nicht selten widersprechende Interessen.

Wenn im Folgenden von der EU und den USA die Rede ist, geschieht dies im Bewusstsein, dass sich in beiden Fällen die Beziehungen zu Südostasien komplexer darstellen, als es hier diskutiert werden kann. Indessen ermöglicht die Konzentration auf die wesentlichen Interessen und Politiken einen trennschärferen Vergleich, der mit Blick auf die historische, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Dimension vorgenommen werden soll.


Fußnoten

1.
Südostasien umfasst die elf Staaten Brunei, Burma (Myanmar), Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Ost-Timor, die Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam. Diese Länder (mit Ausnahme Ost-Timors) sind auch Mitglieder der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN). Südostasien und ASEAN werden in diesem Aufsatz synonym verwendet. Der Begriff asiatisch-pazifischer Raum bezieht sich auf alle asiatischen Pazifikanrainer (Südostasien, China, Japan, Nord- und Südkorea, Taiwan).