APUZ Dossier Bild

4.5.2004 | Von:
Elmar Krautkrämer

Der israelisch-
palästinensische Konflikt

Der Weg zum Staat Israel

Von Peels Teilungsplan zum Zweiten Weltkrieg

Im April 1936 bildeten die arabischen Nationalisten ein "Arab Higher Committee" (AHC) unter dem Vorsitz des Mufti. Eine britische Kommission unter Earl William Peel kam zu dem Ergebnis, dass die Teilung Palästinas ein Weg zum Frieden sei. Danach sollte die Küstenebene bis zur libanesischen Grenze sowie die fruchtbare Ebene im Nordwesten zu einem jüdischen Staatsgebiet zusammengefasst und der Araberstaat mit den Häfen Tel Aviv und Jaffa mit Transjordanien vereinigt werden. Die Araber lehnten den Plan kompromisslos ab, während sich in der Jewish Agency Weizmann für eine Annahme mit Änderungsvorbehalten aussprach. Für ihn war mit der Gründung eines wenn auch noch kleinen jüdischen Staates ein erstes Ziel erreicht. Nach Veröffentlichung des Planes flammte eine arabische Rebellion auf, die nicht nur antijüdisch, sondern auch antibritisch war. Ab Herbst 1938 konnte der neue Hochkommissar Sir Wauchope die Rebellion in wenigen Monaten mit Truppen aus dem Mutterland und aus Ägypten unterdrücken. Das AHC hatte er zuvor aufgelöst und seine Spitze verhaften lassen. Dem Großmufti gelang die Flucht in den Libanon, und er galt fortan als des Landes verwiesen. 1941 konnte er Hitler besuchen, der ihm die Vernichtung der Juden auch im arabischen Raum versprach.[3]

1939 war Großbritannien angesichts des bevorstehenden Krieges auf die Gunst der Araber bedacht. Dem trug ein neues Weißbuch der britischen Regierung, das "MacDonald White Paper" vom Mai 1939, Rechnung, das die jüdische Einwanderung für die nächsten fünf Jahre auf 75 000 Personen begrenzte. Danach sollte sie nur mit arabischer Zustimmung möglich sein. Die Juden reagierten verbittert. Bei Protestkundgebungen und Zusammenstößen mit der britischen Polizei trat die geheime Kampfgruppe "Irgun" in Erscheinung. Nach Kriegsausbruch 1939 erklärte Ben Gurion: "Wir werden gemeinsam mit England gegen Hitler kämpfen, als gäbe es kein Weißbuch, und wir werden gegen das Weißbuch kämpfen, als gäbe es keinen Krieg." Die Juden leisteten in der britischen Armee Kriegsdienst, wenngleich sie erst ab 1944 an Operationen teilnehmen konnten, und der Jischuv stellte seine technischen Einrichtungen zur Verfügung. Die jüdische Streitmacht "Hagana" konnte sich nun offen zeigen, und aus ihrer Eliteeinheit "Palmach" gingen der spätere Verteidigungsminister Moshe Dajan und Ministerpräsident Yitzhak Rabin hervor. Recht selbstständig handelten die Kampfgruppen "Lehi", nach ihrem Gründer auch "Sternbande" genannt, und die nationale Militärorganisation "Etzel".

Im Mai 1942 fand im New Yorker Biltmore Hotel eine Konferenz der amerikanischen zionistischen Organisationen statt, an der auch Ben Gurion und Weizmann teilnehmen konnten. Eine Resolution, das "Biltmore-Programm"[4] , forderte die Realisierung der Balfour-Deklaration und die totale Öffnung des Landes für die Einwanderung. Von nun an erhielt der Jischuv die propagandistische und finanzielle Unterstützung der USA und konnte sich zu einer Institution mit vorstaatlichem Charakter entwickeln. Das Biltmore-Programm bestritt dem britischen Weißbuch seine moralische und rechtliche Gültigkeit. Doch da die britische Regierung das ignorierte, nahm bei den Zionisten die Verbitterung zu. Die Kampfgruppen "Irgun" und "Lehi" verübten Attentate gegen britische Verwaltungseinrichtungen und Politiker. Die Spannungen hielten auch in den ersten Nachkriegsjahren an. Dem Jischuv ging es darum, Juden, die den Holocaust in Europa überlebt hatten und nun mit Schiffen nach Palästina kamen, die Einwanderung zu ermöglichen. Eine weltweit beachtete Tragödie ereignete sich noch im Sommer 1947 mit der "Exodus".

Gründung und Behauptung Israels

Der britische Premierminister Clement Attlee übertrug den Vereinten Nationen im April 1946 die Regelung der Palästinafrage. Ein Plan des "United Nations Special Committee on Palestine" (UNSCOP) sah die Teilung Palästinas in einen jüdischen Staat aus 56 Prozent des Territoriums und einen arabischen Staat aus 43 Prozent vor. Ein Prozent entfiel auf das internationale Gebiet von Jerusalem. Die Jewish Agency akzeptierte den Plan, und im April 1947 wurden ein provisorischer Volksrat (Parlament) und eine provisorische Regierung gebildet. Die Zionisten nahmen die Ortschaften des ihnen zugesprochenen Gebietes militärisch in Besitz, drängten aber über die von UNSCOP vorgesehenen Grenzen hinaus. Bei diesen Operationen kam es am 8. Mai 1948 zu dembekannten Blutbad in Deir Yassin, in demvon"Irgun" und der "Sternbande" 250 Menschen, die meisten Frauen und Kinder, ermordet wurden.[5] Ähnliche Massaker folgten, und es kam zu einer Fluchtwelle der arabischen Bevölkerung aus den künftig jüdischen Gebieten. Die Frage, obdie Massaker eine Zwangsumsiedlung auslösensollten, ist heute nicht mehr umstritten. Vielmehr ist belegt, dass die Araber durch verschiedene Methoden zur Auswanderung getrieben wurden,[6] wozu auch Vertreibungen gehörten wie in Ramle und Lydda. Bis Ende 1948 sind zwischen 600 000 und 750 000 Araber aus dem israelischen Gebiet geflohen bzw. wurden vertrieben, was später von israelischen Politikern begrüßt worden ist.

Am 14. Mai 1948 verließ der letzte britische Hochkommissar, Sir Alan Cunningham, Palästina, und wenige Stunden später trat der jüdische Volksrat zu einer Sitzung zusammen, in der Ben Gurion die Staatsproklamation verlas. In der folgenden Nacht eröffneten die Armeen Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, des Libanon und des Irak den Krieg gegen Israel. Die Ägypter drangen an der Küste bis 30 km südlich von Tel Aviv vor, die Jordanische Legion nahm die Altstadt von Jerusalem ein. Eine vom UN-Sicherheitsrat festgelegte Waffenruhe nutzten die Israelis zum Kauf von Kriegsmaterialien im Ausland, und als die Kämpfe im Spätsommer wieder aufflammten, war die israelische Armee mit Panzern, Bombern und Jagdflugzeugen den Arabern bald weit überlegen. Die Hagana war inzwischen zur "Israelischen Verteidigungsarmee" umgebildet worden, in die die Palmach und dieIrgun-Bataillone eingegliedert wurden; sie erhielt eine straffe Organisation und Operationsleitung.

Der von der UNO zur Vermittlung eingesetzte Graf Bernadotte wurde im September in Jerusalem, wahrscheinlich von Mitgliedern der Sternbande, ermordet. Die von seinem Nachfolger Ralph Bunche in Rhodos geführten Verhandlungen führten 1949 zu Waffenstillstandsverträgen. Israel hatte sein Territorium gegenüber dem UNSCOP-Plan um 21 Prozent erweitern können. Transjordanien konnte bei dieser Gelegenheit mit israelischem Konsens Westjordanien annektieren und aus beiden Teilen das Königreich Jordanien schaffen. Jerusalem wurde, da die Altstadt zur jordanischen Westbank gerechnet wurde, zu einer geteilten Stadt. Israel wurde schnell von den Großmächten und vielen Regierungen, jedoch nicht von den arabischen, anerkannt. Die UN-Vollversammlung verabschiedete im Dezember 1948 einen Beschluss, der Israel die Wiederaufnahme der Flüchtlinge auferlegte, doch der wurde nicht umgesetzt. 1967 flohen erneut etwa 550 000 Palästinenser aus den im Sechstagekrieg eroberten Gebieten. Gegenwärtig kann von 3,5 bis 4 Millionen Flüchtlingen in den Nachbarstaaten Israels ausgegangen werden.


Fußnoten

3.
Vgl. Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Bd XIII, Nr. 515.
4.
Wortlaut in: Elmar Krautkrämer, Krieg ohne Ende? Israel und die Palästinenser. Geschichte eines Konflikts, Darmstadt 2003, Anhang: Dok. 6.
5.
Vgl. Christopher Sykes, Kreuzwege nach Israel, München 1967, S. 385ff.
6.
Vgl. Norman G. Finkelstein, Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Mythos und Realität, München 2002, S. 106 - 167. Eine Relativierung der Vertreibungsthese hat Benny Morris, The Birth of the Palestinian Refugee Problem Revisited, Cambridge 20042, vorgenommen.